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15. August 2018

Ko-Konsum: Unternehmen hinken hinterher

„Werde ich in meinem Leben ein eigenes Auto oder sogar eine Eigentumswohnung besitzen? Vermutlich nicht. Lasse ich fremde Leute in meiner Wohnung übernachten, wenn ich unterwegs bin? Selbstverständlich!“ Das sagt Daniel Bartel, der unter anderem eine Carsharing-Plattform gegründet hat und sich als „Beschleuniger guter Ideen“, als kreativen Andersdenker und Entrepreneur sieht. Selbstverständlich sind ihm auch die negativen Seiten des kollaborativen Konsums bekannt, aber: „Nicht alle Sharing-Plattformen sind kommerzialisiert im negativen Sinn. Viele der eher unsichtbaren, kleinen 90 Prozent der Sharing Plattformen sind Sozialunternehmen“, sagt er. Und auch die Kritik an Unternehmen wie Uber oder AirBnB müsse man differenziert sehen. „Man muss den Markt genau beobachten“, so Bartel. „AirBnB wird kritisiert, weil Wohnraum verloren geht, wenn die Leute Zimmer an Touristen vermieten statt die Wohnungen regulär zu vermieten. Ja, es stimmt, es gibt Leute, die das ausnutzen und sich in eine Grauzone zwischen privat und gewerblich begeben. Auf der anderen Seite muss man sehen, dass zum Beispiel in Berlin 5.000 Betten pro Nacht über AirBnB vermietet werden, während gleichzeitig 55.000 Hotelbetten leer stehen. Wodurch geht also mehr Wohnraum verloren? Das Problem ist, dass für die Share Economy bisher Regeln fehlen.“

Teilen kann man alles

Der Begriff Sharing Economy sei nicht klar definiert, sagt Bartel, doch prinzipiell könne man alles teilen. Man könne Raum, den man nicht brauche, teilen. Beispiele dafür sind das Lager-Sharing oder auch Co-Working Spaces. Man könne Zeit teilen, zum Beispiel im Job-Sharing oder auch via Aufgabenteilung. Wissen werde unter anderem auf Wikipedia geteilt oder in den verschiedenen Open-Source-Programmen wie Linux. Und natürlich könne man Sachen teilen, vom Auto bis zur Skiausrüstung. „Für den kollaborativen Konsum gibt es verschiedene Geschäftsmodelle“, erläutert Bartel. Die einen tauschen, gehen also ein Geschäft ein, das auf einer Gegenleistung basiert, bei kommerziellen Geschäftsmodellen geht es oft eher um Miete oder Nutzung von Produkten und Dienstleistungen gegen Gebühr. Das soziale Modell basiert eher darauf, etwas zu geben, ohne eine Gegenleistung zu erhalten. Die kommt vielleicht erst später. Johannes Ellenberg beschreibt das in seinem Buch ‚Der Startup Code‘ mit den Worten ‚give first‘.“

Zwei Dinge sind laut Bartel entscheidend, damit ein Sharing-Modell erfolgreich ist: Die Plattform muss neutral sein, einen Rahmen bilden, in dem sich alle Nutzer, also Anbieter und Nachfrager wohlfühlen. Angebot und Nachfrage müssen zusammenkommen und passen. Nur so kann eine kritische Größe erreicht werden. Ihr Geld verdient die Plattform in der Regel transaktionsbasiert. Von jeder Transaktion geht ein bestimmter Prozentsatz, normalerweise 20 bis 30 Prozent, an die Plattform.

Krawatte ablegen

Auch etablierte Unternehmen könnten Sharing-Geschäftsmodelle entwickeln, sie müssten ja nicht gleich für die breite Öffentlichkeit sein. Firmen könnten sich zum Beispiel zusammentun für das Flottenmanagement, bei der Nutzung von Räumlichkeiten oder Büros. Auch über die Dachverbände sei bestimmt einiges möglich. Verstecken könne man sich vor der Sharing Economy jedoch nicht. Sie werde vielleicht später wahr als von Jeremy Rifkin in seinem Buch „Die Null-Grenzkosten-Gesellschaft“ prophezeit. Die Digitalisierung und neu Technologien seien der Treiber und sorgten dafür, dass alles schneller gehe und weniger Kosten verursache. „In der Gesellschaft findet der kulturelle Wandel zu einer Gesellschaft des Teilens und des Ko-Konsums bereits statt“, sagt Bartel. „Viele Unternehmen sind aber im Rückstand. Der ökologisch-ökonomische Wandel ist sehr tiefgreifend und macht nirgends halt. Unsere Unternehmer und Manager müssen endlich die Krawatte ablegen und ihre Chancen wahrnehmen.“

Aus dem Aufbau seiner Carsharing-Plattform hat Bartel Erfahrungen mitgenommen, die genau das offenlegen, was auch in vielen Unternehmen fehlt. „Ich habe drei wesentliche Erkenntnisse mitgenommen“, sagt Bartel. „Erstens: Man muss auf Augenhöhe arbeiten. Das verlangt der kulturelle Wandel, der sich bereits in vielen Bereichen durchgesetzt hat. Zweitens: Man muss kundenzentriert arbeiten, Probleme lösen, die Nutzung möglichst einfach gestalten, für Anbieter und Nachfrager – beide sind Kunden der Plattform. Drittens: Geschwindigkeit zählt. Agil testen, kleine Schritte machen und großen Mut haben. Wettbewerb entsteht dank Internet und Globalisierung heute überall. Da ist Schnelligkeit entscheidend.“ (-ap)