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6. Januar 2020

Länderindex Familienunternehmen: Schwellenländer auf dem Vormarsch

Ungeachtet politischer Spannungen und Sorgen um Demokratie und Rechtsstaatlichkeit haben die Türkei, Russland und China ihre Standortattraktivität in den vergangenen Jahren ausgebaut. Das geht aus dem „Länderindex Familienunternehmen – Emerging Markets“ hervor, den das Leibniz-Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) im Auftrag der Stiftung Familienunternehmen erstellt hat.

Russland und Türkei besonders attraktiv

„Viele Schwellenländer haben in den vergangenen Jahren große Anstrengungen unternommen, um wettbewerbsfähiger zu werden. Es liegt in ihrem Interesse, Fortschritte bei den Wirtschaftsbedingungen auch in Einklang mit Demokratie, Menschenrechten und Rechtstaatlichkeit zu bringen“, sagt Prof. Rainer Kirchdörfer, Vorstand der Stiftung Familienunternehmen. „Das schafft die beste Grundlage für stabile Geschäftsbeziehungen.“ Vor allem Russland konnte die Stellung als attraktivster Standort im Kreis der wichtigsten Emerging Markets ausbauen. Familienunternehmen können laut der Studie auf gut ausgebildete Arbeitskräfte zugreifen. Zudem seien die Regelungen in den Bereichen Besteuerung, Regulierung sowie Energiekosten günstig. Die größte Schwäche des Standorts bleibe allerdings die Dimension „Institutionen“. In der Kategorie erzielt das Land wegen autokratischer Tendenzen das zweitschlechteste Ergebnis. Auch in den Bereichen Rechtssicherheit und Eigentumsrechte schneidet Russland schlecht ab. Ähnliches zeigen die Ergebnisse für die Türkei. Das Land habe in den vergangenen Jahren viel unternommen, um sich für Investoren und heimische Familienunternehmen attraktiver aufzustellen. Das Land biete günstige Steuerregelungen und ein liberales Regulierungsumfeld sowie gut ausgebildetete Arbeitskräfte. Die institutionellen Bedingungen seien aber die größte Schwachstelle. Auch China habe seine Wettbewerbsfähigkeit laut Studie verbessert. Die Staatsführung gehe hart gegen Kriminalität und Korruption vor, die Finanzierungsbedingungen seinen gut. Die klare Standortschwäche liegt auf dem Arbeitsmarkt. Die hohen Löhne stehen einer vergleichsweise geringen Produktivität gegenüber, es gibt darüber hinaus Defizite beim Bildungsniveau.

Südafrika und Brasilien fallen stark zurück

Die negativste Entwicklung hat Südafrika durchlaufen. „Hier spiegelt sich noch die neunjährige Präsidentschaft des erst Anfang 2018 zurückgetretenen Jacob Zuma wider, die zu einem erheblichen Vertrauensverlust bei internationalen Investoren geführt hatte“, schreibt Studienautor Prof. Dr. Friedrich Heinemann, Forschungsbereichsleiter am ZEW. In drei von sieben Bereichen des Länderindex sanken die Punktwerte deutlich. Das Schlusslicht ist Brasilien. Die größten Schwachstellen sind das vergleichsweise restriktive Regulierungsumfeld sowie die unzureichende Infrastruktur.

„Weckruf für Deutschland“

Die Untersuchung stützt sich nach Angaben vom ZEW auf objektiv messbare Daten zu Wettbewerbsfaktoren, die von international anerkannten Institutionen stammen. Ein Index, der nach den Bedürfnissen von Familienunternehmen gewichtet wurde, bemesse die Standortattraktivität. Erstmals wurden auch hohe CO2-Emissionen als Standortrisiko gewertet. Die Daten sagen nichts über politische Entwicklungen aus. Gleichwohl wird laut der Initiatoren deutlich, dass Demokratiedefizite und mangelhafte Rechtstaatlichkeit auf Dauer Wirtschaftsstandorten einen Schaden zufügen. Für die deutsche Politik ergebe sich aus der Studie ein klarer Handlungsauftrag: „Dass die Schwellenländer schon seit Jahren entschieden daran arbeiten, ihre Standortbedingungen zu verbessern, muss für Deutschland ein Weckruf sein“, sagt Stiftungsvorstand Kirchdörfer. „Wir brauchen eine neue Reformdynamik. Sonst droht Deutschland im internationalen Standortwettbewerb abgehängt zu werden.“

Die komplette Studie gibt es hier als kostenlosen Download.