Standpunkt
Die News Januar/Februar 2022

Adieu, Geheimniskrämerei und Eigenbrötlerei

Ein Standpunkt von Tobias Rappers

Dass Familienunternehmen kooperieren, Wissen und Erfahrungen teilen, war lange unvorstellbar. Schließlich hatte man sich über Generationen mühsam etwas aufgebaut, das teilt man doch nicht einfach so mit der Konkurrenz! Doch diese Geheimniskrämerei verschwindet zusehends – schließlich könnte sie in unserer immer komplexer werdenden Welt das schnelle Ende der eigenen Erfolgsgeschichte bedeuten. Der Schlüssel zum Erfolg lautet heute: Kooperation.

Tobias Rappers
Lesezeit: ca. 5 Minuten
Viktor Strasse

Tobias Rappers ist Geschäftsführer des Innovationsökosystems „Maschinenraum“.

Die Digitalisierung hat die Karten völlig neu gemischt, für den deutschen Mittelstand mit zum Teil verheerenden Folgen. Die Geschäftslandschaft, die viele wie ihre eigene Westentasche zu kennen schienen, hat sich innerhalb weniger Jahre grundlegend verändert. Es sprießen immer neue und innovative digitale Geschäftsmodelle aus dem Boden, neue Wettbewerber kommen hinzu und auch Industriegrenzen verschwimmen zusehends. Viele etablierte Unternehmen fühlen sich durch diese Entwicklungen in ihrer Existenz bedroht. Kein Wunder, schließlich gesellen sich auch einige weitere Baustellen hinzu – es bleibt ja nicht bei den Herausforderungen der Digitalisierung.

Zukunft braucht auch Herkunft

Mehr und mehr Familienunternehmen haben verstanden, dass in all diesen gleichzeitig auftretenden Herausforderungen von fortschreitender Digitalisierung, Fachkräftemangel, über die Corona-Pandemie, bis hin zu Klimawandel & Co. auch große Chancen liegen. Tatsächlich kann man beobachten, dass bei vielen eine große Aufbruchsstimmung herrscht – mit großer Entschlossenheit, aber auch mit Bedacht, arbeitet man an den verschiedenen Herausforderungen, die eine immer komplexer werdende Welt mit sich bringt.

Nicht selten ist genau das in vielen Unternehmen der Startpunkt eines umfangreichen Transformationsprozesses und damit einhergehenden Kulturwandels. Wer sich also im Zuge der Transformation dazu entscheidet, ein Corporate Innovation Lab ins Leben zu rufen, wird schnell merken, dass es dabei um etwas Größeres gehen muss – nämlich die ganzheitliche Modernisierung der Organisation, von einzelnen Fachbereichen bis hin zur Unternehmenskultur. Dabei sollte tunlichst vermieden werden, das Alte über den Haufen zu werfen! Denn die Historie und die Erfahrungen aus Generationen Unternehmertum sind essenziell wichtige Assets. Zukunft braucht gleichzeitig auch Herkunft.

Zum Open Champion werden

Zu dem eben erwähnten Transformationsprozess und Kulturwandel gehört auch, dass Familienunternehmen sich öffnen müssen. Nur dann kann das Vorhaben nachhaltig gelingen. Und Nachhaltigkeit ist schließlich fest in der DNA der deutschen Unternehmen verankert, auf ökonomischer, sozialer und ebenso auch auf ökologischer Ebene. Fest steht, dass gerade die Unternehmen des Mittelstands traditionell nicht unbedingt die Lautesten sind. Wo andere noch diskutieren, hadern und fordern, macht man einfach, ohne groß darüber zu sprechen. Sie behaupten von sich selbst, eher Macher- statt Redner-Mentalitäten zu haben und treten in der Öffentlichkeit kaum in Erscheinung. Gleichzeitig sind sie aber Weltmarkt- und Technologieführer. Tatsächlich gibt es nirgendwo sonst so viele Weltmarktführer wie in Deutschland! Zum Beispiel beim Wasserstoff, einem der aktuell meistdiskutierten Energie-Themen, gestalten Familienunternehmen die Zukunft der Energieversorgung schon heute aktiv mit und setzten ein Zeichen für den Klimaschutz.

Vielerorts beschleicht einen das Gefühl, dass man sich nicht in die Karten schauen lassen möchte. Im Ergebnis agieren die Unternehmen oftmals allein und eher gegen- statt miteinander. Nun mag diese Einstellung für den über Jahrzehnte andauernden Aufstieg zum „Hidden Champion“ gesorgt haben. In einer global vernetzten, digitalen Welt aber, in der der Zugang zu Informationen zunehmend vereinfacht wird, besiegeln Geheimniskrämerei und Eigenbrötlerei nur das nahende Ende der Erfolgsgeschichte.

„Vielerorts beschleicht einen das Gefühl, dass man sich nicht in die Karten schauen lassen möchte. Im Ergebnis agieren die Unternehmen oftmals allein und eher gegen- statt miteinander.“

Ein ganz aktuelles Beispiel ist sicher der Fachkräftemangel. Er behindert nicht nur die Geschäftstätigkeit – auch die Herausforderungen der digitalen und kulturellen Transformationen werden ohne die richtigen Leute kaum zu meistern sein. Gerade unter den Digital Natives wird der Mittelstand nur selten mit Innovationskraft und Zukunftstechnologien assoziiert – zu Unrecht. Um sich im Kampf um die besten Fachkräfte als Arbeitgeber zu behaupten und gegen Konzerne oder Start-ups durchzusetzen, braucht es mehr Selbstbewusstsein und mehr Sichtbarkeit der Stärken!

Durch Kooperation fit für die Zukunft

Fakt ist:In unserer immer komplexer werdenden Welt können Unternehmen den Herausforderungen nicht mehr alleine begegnen. Sie können es sich schlichtweg nicht leisten, jeden Trend selbst abzuwarten, zu analysieren und Fehler beim Ausprobieren zu begehen. Alleingänge schaden dem Erfolg. Stattdessen können gerade Familienunternehmen immens davon profitieren, aus Erfahrungen und Fehlern anderer zu lernen und sich miteinander auszutauschen. Bestimmte Herausforderungen der Digitalisierung beispielsweise treten in jedem Mittelstands- und Familienunternehmen auf, unabhängig von Branche und Firmengröße. Auch wenn man sich die funktionellen Bereiche in einer Organisation anschaut – etwa die Personal-, Marketing-, Strategie- oder Innovationsabteilung –, dann sind die Zukunftsthemen, an denen man dort arbeitet, bei allen zu 60 bis 80 Prozent identisch. Aufgrund dieser Deckungsgleichheit kann man sich gegenseitig hervorragend helfen, denn es gibt immer ein Unternehmen, das in einem bestimmten Bereich weiter ist als andere. Ein Transformationsprozess und Kulturwandel gelingt durch Kooperation mit anderen besonders gut, da familiengeführte Unternehmen jeweils über ein ähnliches Mindset verfügen: Sie denken vor allem langfristig – also nicht in Quartalszahlen, sondern in Generationen.

Fest steht aber auch, dass Familienunternehmen noch immer viel zu selten miteinander kooperieren. Wo sich beispielsweise Start-ups quasi natürlich innerhalb ihres Netzwerks zusammentun, um gemeinsam an zentralen Herausforderungen zu arbeiten, muss bei Familienunternehmen erst zusammenwachsen, was bisher durch Geheimniskrämerei und Konkurrenzdenken getrennt war. Doch gerade mit der neuen Generation, die in den Unternehmerfamilien mehr und mehr Verantwortung übernimmt, vollzieht sich ein Umdenken. Das lässt den Blick in die Zukunft optimistisch werden.

„Maschinenraum“-Insights aus der Praxis

Im Rahmen des Innovationsökosystems „Maschinenraum“ öffnen sich die Unternehmen und sprechen in einem vertraulichen Kreis aus Gleichgesinnten über (Miss-)Erfolge und Learnings. Dabei geht es nicht darum, Wettbewerbsvorteile oder Geschäftsgeheimnisse miteinander zu teilen. Vielmehr steht der Austausch von Erfahrungen im Zentrum der Aktivitäten, sei es zum Thema Digitalisierung, Nachhaltigkeit oder generellen Modernisierungsaufgaben in den Organisationen. So entstehen nicht zuletzt auch neue Potenziale für tiefgreifende Kooperationen.

Kooperationen finden zumeist innerhalb der eigenen Industrie statt. Doch um langfristig wettbewerbsfähig zu bleiben und die Herausforderungen unserer Zeit zu meistern, müssen darüber hinaus auch industrieübergreifende Kooperationen mit anderen Unternehmen eingegangen werden. Denn: Wir alle wissen, dass Industriegrenzen zunehmend verschmelzen und neue Geschäftsmodelle genau an dessen Schnittstellen entstehen. Der Schlüssel bei alldem liegt darin, sich schnellstmöglich zu orientieren, neue Kontexte schnellstmöglich zu verstehen, dann mit neuen Partnern die Zukunft mutig zu gestalten und dabei auf die Stärken der anderen zu vertrauen.

Kooperationen unter Gleichgesinnten bieten enorme Chancen für den deutschen Mittelstand. Dafür müssen familiengeführte und mittelständische Unternehmen mehr denn je an einem Strang ziehen. Wenn diese Weitsicht nun vollends in die Praxis übertragen wird, steht der Zukunft des Mittelstands nichts im Wege.

www.maschinenraum.io