Blickpunkt

„Anti-Bank“ Family Office
Unabhängigkeit zahlt sich aus

Hendrik Fuchs

Family Offices verwalten das Vermögen einer oder mehrerer Unternehmerfamilien. Die Redaktion sprach mit Prof. Dr. Maximilian Werkmüller, Partner von Peter May Family Business Consulting, unter anderem darüber, wie die Zusammenarbeit zwischen Family Office und Unternehmerfamilie aussehen sollte.

Was unterscheidet ein Family Office von einer klassischen Vermögensverwaltung, etwa der einer Bank?

Ganz bildhaft formuliert, sitzt der Family Officer am Tisch direkt neben der Familie, während der Banker in der Regel gegenüber Platz nimmt. Im Idealfall zeichnet sich das Family Office durch ein hohes Maß an Objektivität und Unabhängigkeit aus, was Interessenkonflikte weitgehend ausschließt. Banken sind hingegen sehr stark provisionsgetrieben, wollen entsprechend auch eigene Produkte verkaufen. In der Praxis gibt es da aber auch Grauzonen, wenn zum Beispiel das Family Office eigene Vermögensdienstleistungen anbietet. Dann verlassen wir bereits den Pfad der reinen Lehre. Daher sollten Unternehmerfamilien dringend darauf achten, dass das Family Office nicht gleichzeitig auch Asset Manager ist, der eigene Produkte einsetzt und dabei eigene Interessen verfolgt. Nur so ist ein hohes Maß an Unabhängigkeit gewährleistet. Überspitzt formuliert soll das Family Office die Unternehmerfamilie letztlich vor den Begehrlichkeiten der Hausbank schützen; es ist sozusagen so etwas wie die „Anti-Bank“. Es soll jetzt aber nicht der Eindruck entstehen, dass eine Unternehmerfamilie keine Bank braucht. Sie ist natürlich auf Konten, Depots, Darlehen und das Liquiditätsmanagement der Banken angewiesen. Man muss Banken allerdings klare Vorgaben machen und kontrollieren, dass diese auch eingehalten werden.

Prof. Dr. Maximilian Werkmüller berät Unternehmerfamilien bei der Vermögensstrukturierung und Vermögensnachfolge und gilt als anerkannter Experte für Stiftungsrecht und Family-Office-Management. Sein Wissen sowie seine Erfahrungen, insbesondere im Bereich Family Office, bringt er seit 2020 auch als Partner bei der Peter May Family Business Consulting ein.M.ZANIN
Prof. Dr. Maximilian Werkmüller berät Unternehmerfamilien bei der Vermögensstrukturierung und Vermögensnachfolge und gilt als anerkannter Experte für Stiftungsrecht und Family-Office-Management. Sein Wissen sowie seine Erfahrungen, insbesondere im Bereich Family Office, bringt er seit 2020 auch als Partner bei der Peter May Family Business Consulting ein.

Welche unterschiedlichen Formen von Family Offices gibt es?

Grundsätzlich kann man sagen, dass der Begriff Family Office nicht gesetzlich geschützt ist. So gilt es, genau darauf zu achten, was Dienstleister ausmacht, die sich als Family Office bezeichnen. Man muss etwa schauen, ob es sich nicht doch um einen Investment Club mit eigenen Produkten handelt.

Bei Family Offices kann man grundsätzlich zwei Gruppen unterscheiden: Das sind die Single und die Multi Family Offices. Während das Single Office nur für eine Familie da ist, betreut das Multi Office mehrere Familien. Bei ersterem bauen sich Unternehmerfamilien eine eigene Struktur für ihre Vermögensverwaltung auf. Prominente Beispiele sind etwa die Familien Haniel und Henkel. Manchmal führt sogar ein Familienmitglied das eigene Family Office, was aber erhebliches Konfliktpotenzial in sich bergen kann, wenn etwa mehrere Familienstämme mit eingebunden werden müssen oder wollen. Daher würde ich jeder Familie empfehlen, einen externen Manager für das Family Office mit an Bord zu holen. Seit der vergangenen Finanzkrise hat sich hier eine richtige Jobbörse für solche Experten entwickelt. Früher wäre es undenkbar gewesen, dass etwa ein Family Officer von der einen zur anderen Unternehmerfamilie wechselt. Heute geht es da weitaus professioneller zu: Man weiß, wie ein entsprechendes Jobprofil auszuschreiben ist, damit der Experte zur Familie passt, aber dennoch nicht auf Ewigkeit mit der Familie verbunden sein muss.

Die zweite Form, das Multi Family Office, steht quasi für jedermann offen. Da gibt es sehr viele Anbieter, der Markt ist teilweise sehr unübersichtlich. Oft stecken ehemalige Banker dahinter, die ein entsprechendes Unternehmen ins Leben gerufen haben. Die findet man gut im Internet, wogegen Single Offices dort nicht erkennbar sind, da sie in der Regel als GmbHs oder GmbH & Co. KGs unter Fantasienamen und ohne den Zusatz Family Office firmieren.

Ab welcher Vermögenshöhe sollte eine Unternehmerfamilie über das Thema Family Office nachdenken?

Diese Frage wird immer wieder gerne gestellt. Dabei sollte es nicht darum gehen, ab welcher Summe eine entsprechende Leistung in Anspruch genommen werden sollte, sondern wann man glaubt, etwa bei einer Bank schlecht beraten zu sein. Mit 300.000 Euro ist man bei einer Bank mit ihren Standardprodukten in der Regel gut aufgehoben. Aber mit einer Summe ab fünf Millionen Euro kann es unter Umständen bereits interessant sein, den Status quo einmal von einem unabhängigen Fachmann etwas genauer prüfen zu lassen und sich auch zu fragen, ob man mit der Leistung der Banker noch zufrieden ist. In der Regel sind es Vermögen im zweistelligen Millionenbereich, bei denen über die Einschaltung eines Family Office nachgedacht wird. Das soll auf der einen Seite niemanden davon abhalten, sich mit dem Thema auseinanderzusetzen und auch bei niedrigen Summen den Schritt zu wagen. Auf der anderen Seite muss man sagen, dass inzwischen viele Privatkunden bei Banken auf deren Online-Portalen einige klassische Dienstleistungen aus dem Family-Office-Segment, wie z. B. eine Liquiditätsanalyse und die Zuordnung von Einnahmen und Ausgaben, einfach so in Anspruch nehmen können. Die Nutzung ist mit der Kontoführungsgebühr abgegolten.

Welche Funktionen konkret übernimmt ein Family Office?

Da gibt es beispielsweise den technischen Bereich, das Financial Engineering, mit bestimmten Kerndienstleistungen. Dazu zählt zuerst die strategische Vermögensplanung. Der Family Officer nimmt hier das Gesamtvermögen der Familie zu einem bestimmten Stichtag auf und bestimmt den Status quo. In diesen Bereich fallen auch Fragen, wo sich die Familie heute und in den nächsten fünf bis zehn Jahren sieht. Daraus resultieren eine Zielstruktur und die Umsetzungsstrategie. In einem nächsten Schritt geht es um das Vermögensreporting. Das Family Office braucht Zahlen, Daten und Fakten, muss zum Beispiel wissen, wer was mit dem Familienvermögen macht. Zudem müssen die Daten und Zahlen vergleichbar sein. Ein Beispiel: Wenn eine Unternehmerfamilie bei drei Banken jeweils ein eigenes Depot hat, fallen die Berichte in der Regel trotz ähnlicher Anlagerichtlinie unterschiedlich aus – das erschwert einen Vergleich der jeweiligen Performances. Da geht es zunächst darum, zu schauen, wer besser ist und warum. Eine weitere Kerndienstleistung ist die Planung der Vermögensnachfolge. Im Fokus steht da auch die Übertragung von Vermögen zu Lebzeiten. Darunter fallen zum Beispiel Schenkungen, die Gründung einer Familienstiftung, steuerliche Aspekte oder Asset Protection. Bei Letzterem geht es auch darum, das Vermögen von allzu hohen Ansprüchen, etwa von geschiedenen Ehepartnern, zu schützen.

Und dann gehört die Selektion und die Kontrolle von Managern zu den Grundpfeilern eines Family Offices. Dabei geht es um die Suche nach den bestmöglichen Vermögensverwaltern, die neben ihrer Expertise auch zur Philosophie, der „Denke“ der Familie, passen müssen. Auch die Chemie zwischen Vermögensverwalter und Familie muss stimmen. Das darf man keinesfalls unterschätzen. Der letzte Kernbereich ist die Investitionsprüfung und -beratung. Hierzu entwickelt das Family Office eigene Prüfsysteme und -kriterien für Finanzprodukte. Vieles läuft dabei über Netzwerke. Der Family Officer ist grundsätzlich immer ein Generalist, der eine juristische oder betriebswirtschaftliche Ausbildung mitbringt – und der eine Antenne dafür haben sollte, wann er welchen Experten hinzuziehen muss. Denn keiner kann in allem der Beste sein.

Speziell beim Single Family Office gibt es noch sogenannte Convenience Services. In diesem Bereich, in dem die Familie im Alltag unterstützt wird, entsteht ein gewisses Maß an Wärme. Das alles setzt natürlich ein besonderes Verhältnis zur Familie heraus, das sich in einem Multi Family Office so nicht entwickeln kann. Dort fällt alles deutlich nüchterner aus. Unter Convenience Services fallen z. B. die private Reiseplanungen, die Anschaffung von Luxusgegenständen oder -immobilien bis hin zur Entlastung im täglichen Leben, etwa bei Behördengängen. Immer wichtiger wird zudem eine kompetente Begleitung bei Sicherheitsfragen in der realen, aber zunehmend auch in der virtuellen Welt. Es geht also weit über die reine Verwaltung von Vermögen hinaus.

Was sollte eine Unternehmerfamilie bei der Auswahl des Family Offices beachten? Welche Qualitätskriterien gibt es?

Die Suche nach einem passenden Family Office ist so ziemlich das Schwierigste, was man sich im Kontext „Familienvermögen“ vorstellen kann, denn es geht hier ja um ein sehr diskretes Geschäft. Wenn man harte Kriterien ins Feld führen möchte, würde ich empfehlen, darauf zu schauen, wie lange der Anbieter bereits am Markt ist und wer dort alles im Gesellschafterkreis sitzt. Große Anbieter mit vielen Niederlassungen sind nicht grundsätzlich von der Liste zu streichen. Man kann zumindest ein erstes Gespräch führen. Interessant sind auch Anbieter mit hybriden Strukturen. Das sind ehemalige reine Single Family Offices, die sich für andere geöffnet haben, also ihr Know-how nicht nur an die eigene Familie weitergeben. Das haben etwa die Familien Deichmann und Unger gemacht.

Unternehmerfamilien kann ich darüber hinaus als ersten Schritt empfehlen, sich in Unternehmerkreisen einmal umzuhören. Eine kalte Internetakquise ist hingegen weniger sinnvoll, denn das ruft viele Anbieter auf den Plan, die auf den zweiten Blick gar kein Family Office sind. Zudem ist es wichtig, darauf zu achten, dass die Family Offices nicht zu eng mit einer Bank verbunden sind, um ein möglichst hohes Maß an Unabhängigkeit zu gewährleisten.

Wenn der passende Partner gefunden ist: Wie sollte die Zusammenarbeit zwischen Familie Office und Unternehmerfamilie idealerweise aussehen?

Das Verhältnis zwischen Family Office und Unternehmerfamilie sollte von einem sehr tiefen Vertrauen der handelnden Personen geprägt sein. Das Zusammenspiel muss völlig transparent ablaufen. Ich persönlich halte nichts von Family Offices, die von sich aus einfach gleich loslegen und nur ein Ergebnis verkaufen. Viel entscheidender ist es, dass sich die Familie mitgenommen fühlt – sie muss wissen, was warum gemacht oder empfohlen wird und sollte auch ihre festen Ansprechpartner haben. Zudem sollte sich das Family Office regelmäßig mit der Familie treffen, denn relativ schnell wird es eine Agenda von Themen und Projekten geben, die gemeinsam „beackert“ werden müssen. Kommunikation ist hier extrem wichtig – und zwar mit klarer Linie in beide Richtungen. So weiß jeder, wo er steht. Und wenn es sinnvoll ist, sollte auch gleich die nächste Generation mit eingebunden werden. Hier ist natürlich immer die Frage, inwieweit das Family Office auch in operative Themen mit eingebunden ist. Interessanterweise ist es gerade die Generation der Mitte 40-jährigen Unternehmensnachfolger, die das Bedürfnis hat, eine Bestandsaufnahme über alles zu machen – also sowohl das private als auch das betriebliche Vermögen aufzunehmen. Das ist für ein Family Office extrem wichtig, denn so hat es im Gegensatz zu einer Bank, die ja nur einen kleinen Ausschnitt zu sehen bekommt, das große Ganze im Blick und kann so Wechselwirkungen und Risiken besser erkennen.

Der Family Officer muss sich aber stets seiner verantwortungsvollen Rolle bewusst sein, denn er ist manchmal „Priester“ und „Beichtvater“ zugleich. Für ihn ist es immer eine Gradwanderung, möglichst objektiv agieren zu können und nicht zu viel Nähe zur Familie zuzulassen. Denn er muss in der Lage sein, auch einmal unbequeme Entscheidungen fällen zu können. Und dann gibt es da ja noch das Thema Vergütung, die meiner Meinung nach ausschließlich transparent nach Aufwand erfolgen sollte. Das sorgt ebenfalls für ein hohes Maß an Vertrauen.

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