Finanzierung & Kapital

Aufwand, der sich lohnt
Nachhaltigkeit entscheidet über Geschäftserfolg

Dr. Roman Glaser

Nachhaltigkeit ist das bestimmende Thema unserer Zeit. Wie erfolgreich Unternehmen sind, wird künftig auch davon anhängig sein, wie nachhaltig die Unternehmen sind. Genossenschaftsbanken sind hierbei wichtige Partner für den Mittelstand.

Es ist eine lange Zeit vom Jahr 1713 bis heute: Damals ist der Begriff „nachhaltende Nutzung“ im Kontext der Forstwirtschaft entstanden, mit dem ausgedrückt wurde: Es darf nur so viel Holz geerntet werden, wie wieder nachwachsen kann. Mehr als 300 Jahre später ist „Nachhaltigkeit“ eines der großen Themen unserer Zeit. Nachhaltigkeit ist ein Dekaden-Thema, ein Megatrend, der nahezu alle Bereiche der Gesellschaft und Wirtschaft betrifft.

Chancen für Unternehmen

Eine entscheidende Rolle bei der Umsetzung der Nachhaltigkeits-Ziele fällt der Finanzdienstleistungsbranche zu: Im Zuge der „Sustainable Finance“, der „Nachhaltigen Finanzwirtschaft“, wird geregelt, dass Banken zukünftig bei der Kreditvergabe berücksichtigen müssen, ob damit ein Beitrag zur nachhaltigen Weiterentwicklung unserer Gesellschaft und unserer Volkswirtschaft geleistet wird. Banken müssen hierfür von ihren Unternehmenskunden Informationen erhalten. Zielsetzung ist es, Anreize für Investitionen in Klimaschutz und Nachhaltigkeit zu schaffen und Finanzströme verstärkt in Richtung nachhaltig agierender Unternehmen zu lenken. Um es deutlich zu sagen: Dies ist nicht nur mit einem signifikanten Aufwand für die Banken, sondern auch für die Unternehmen verbunden. Ein Aufwand, der sich aber durchaus lohnen kann und mit großen Chancen für Unternehmen wie Banken verbunden ist. Denn Verbraucher und Kunden entscheiden sich zunehmend sehr bewusst für Produkte und Dienstleistungen von als nachhaltig eingeordneten Unternehmen.

Auswirkungen auf Kreditvergabe

Gesteuert wird die „Sustainable Finance“ maßgeblich über die Banken-Regulatorik. Werden Unternehmen und ihre Kreditanfragen als nicht nachhaltig eingestuft, so können sie künftig als risikoreich bewertet werden mit der Folge, dass die Banken die Kredite mit mehr Eigenkapital absichern müssen. Darüber hinaus zeichnet sich ab, dass sich das Engagement von Banken in nachhaltig agierende und eingestufte Unternehmen in niedrigeren Eigenkapitalanforderungen auswirken wird. Kurzum: Auswirkungen auf die Kreditvergabe durch „Sustainable Finance“ sind zu erwarten. Wie nachhaltig ein Unternehmen ist, wird zu einem wichtigen Kriterium bei der Kreditvergabe. Dies führt zur Frage: Was gilt als nachhaltig, wann ist ein Unternehmen nachhaltig? An den Definitionen wird aktuell in Brüssel gearbeitet. Manche Kriterien stehen fest, viele noch nicht. Sie alle fließen in die Taxonomie-Verordnung ein, ein EU-weit einheitliches Klassifikationssystem für nachhaltige Geschäftsaktivitäten. Dabei werden bei der Bewertung der Unternehmen nicht nur ökologische Aspekte berücksichtigt, sondern ebenso ökonomische sowie soziale und gesellschaftliche. Diese drei Bereiche gilt es, in ein ausgewogenes Verhältnis zu bringen. In der Regel werden die drei Aspekte der Nachhaltigkeit auch als ESG bezeichnet: E steht für „Environment“, also Umwelt; S für „Social“, das soziale Engagement; G für „Governance“, die Unternehmensführung.

Hohe Priorität erforderlich

Die europäischen Planungen sehen vor, dass in einem ersten Schritt ab 2022 größere Unternehmen ihre Nachhaltigkeitskriterien offenlegen müssen. In einem zweiten Schritt soll dies auch von kleineren Unternehmen eingefordert werden. KMU oder kleinere Handwerksbetriebe können aber auch schon früher in die Lage kommen, ihre Nachhaltigkeitsaktivitäten nachzuweisen. Dies kann beispielsweise der Fall sein, wenn sie als Zulieferer oder Dienstleister für größere, berichtspflichtige Unternehmen tätig sind, die von ihnen Nachhaltigkeitsnachweise einfordern, um die eigenen Berichtspflichten erfüllen zu können. Daraus ergibt sich: Die Unternehmen müssen das Thema ernst nehmen und sich damit intensiv beschäftigen. Es muss eine hohe Priorität erhalten: Zum einen, weil auf lange Frist der Geschäftserfolg davon profitieren wird, zum anderen, weil Nachhaltigkeitskriterien direkten Einfluss auf das Kundenrating haben werden. Idealer Partner des Mittelstands sind hierfür die Volks- und Raiffeisenbanken – und zwar in dreifacher Hinsicht:

  • Volks- und Raiffeisenbanken sind selbst mittelständische Unternehmen und befinden sich in einer ähnlichen Situation wie ihre Firmenkunden: Sie beschäftigen sich intensiv mit Zukunftsfragen, sich verändernden Kundenanforderungen und der damit einhergehenden notwendigen Transformation. Sie entwickeln Strategien hin zur noch mehr Nachhaltigkeit und setzen diese oftmals bereits um. Da die Genossenschaftsbanken vor Ort die Geschäftsmodelle ihrer Kunden kennen, sind sie wertvoller Sparringspartner. In der Transformationsbegleitung helfen sie ihren Kunden dabei, nachhaltige Aktivitäten auf- und auszubauen. Sie können – nicht zuletzt dank eigener Erfahrungen – wichtige Impulse geben, wie die ESG-Kriterien erfüllt werden können. Die Motivation speist sich dabei nicht primär aus der Überlegung, ein gutes Nachhaltigkeits-Rating zu erhalten, sondern vor allem aus der tiefen Überzeugung, dass dies ökonomisch und ökologisch sinnvoll ist.
  • Mit ihrer regionalen Verwurzelung, ihrer Mitglieder- und Kundennähe sowie den genossenschaftlichen Werten leben Genossenschaften das Thema Nachhaltigkeit seit mehr als 170 Jahren. Die als Weltkulturerbe von den Vereinten Nationen anerkannte Genossenschaftsidee verbindet wie keine andere Rechts- und Unternehmensform wirtschaftlichen Erfolg und soziale Verantwortung. Solidarität, Subsidiarität, Gemeinschaft, Fairness, Transparenz, Mitgliederförderung. All dies sind genossenschaftliche Werte, die deutlich machen: Genossenschaften stehen glaubwürdig für Nachhaltigkeit. Nachhaltiges Wirtschaften im Verständnis der drei Aspekte Ökologie, Ökonomie und Soziales ist elementarer Teil der genossenschaftlichen DNA.
  • Volks- und Raiffeisenbanken sind verlässliche Finanzierer des Mittelstands: Auch wenn die gesamtwirtschaftliche Entwicklung Deutschlands im zweiten Halbjahr 2021 merklich an Fahrt verloren hat, steigerten die baden-württembergischen Genossenschaftsbanken erneut ihre Kreditvergabe deutlich. Die Kreditbestände an Firmenkunden und Selbstständige erhöhten sich um knapp acht Prozent auf 50,17 Milliarden Euro. Die regionalen Genossenschaftsbanken haben gerade auch während der Corona-Krise über verlässliche Kreditvergaben für Stabilität und Sicherheit in einer unsicheren Zeit gesorgt. Die Banken schätzen die Kreditrisiken weiterhin als niedrig und gut beherrschbar ein.

Unternehmen dürfen Nachhaltigkeit nicht als Hemmnis oder allein als Pflicht für ein gutes Kreditrating beziehungsweise als regulatorisches Thema begreifen. Dies würde dazu führen, Chancen und Geschäftsmöglichkeiten zu verpassen. Der große gesellschaftliche Veränderungsprozess hin zu einem ressourcenschonenden und sozialen Wirtschaften verändert Verbraucherverhalten und Märkte. Zukünftiger wirtschaftlicher Erfolg wird maßgeblich von einer nachhaltigen Geschäftspolitik abhängen. Dies gilt für Volks- und Raiffeisenbanken ebenso wie für ihre mittelständischen Kunden.

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