Finanzierung & Kapital

„Banken sind Schönwetterfinanzierer“
Was Kreditplattformen auszeichnet

Hendrik Fuchs

Kreditplattformen gewinnen beim Mittelstand zunehmend an Bedeutung. In Zeiten der Corona-Pandemie hat das Schuldenmachen ohne Hausbank einen kräftigen Boom erfahren. Die Redaktion sprach darüber mit Dr. Daniel Bartsch, Vorstand und Co-Gründer der Plattform Creditshelf.

Wie haben Ihre Kunden, Investoren und Sie das vergangene Jahr erlebt? Welche Entwicklung erwarten Sie in den kommenden Monaten?

Im vergangenen Jahr und bis heute haben wir sehr außergewöhnliche Zeiten durchgemacht. Gerade zu Beginn der Krise mussten wir Unternehmerinnen und Unternehmer erleben, die zutiefst verunsichert waren. Verstärkt haben sie nach Liquidität unter anderem als Puffer für die Überbrückung unsicherer Zeiten gesucht. Gleichzeitig konnten die Banken dem nicht mehr gerecht werden, weil der Ansturm zu groß war. Letztlich haben die Banken immer weniger gemacht, weil sie komplett überlastet waren. Gründe sind unter anderem ein zu niedriger Digitalisierungsgrad, veraltete Prozesse und pandemiebedingt geschlossene Filialen. Zwar haben Hilfsprogramme und insbesondere die 100-Prozent-Sofortkredite der KfW etwas Stabilität in das Thema gebracht, dennoch blieben die Banken in der Regel zurückhaltend. Man hat also praktisch nur noch seine Bestandskunden bedient – mit dem Ergebnis, dass viele dieser Unternehmerinnen und Unternehmer zu uns gekommen sind. Dies führte zu einer Rekordnachfrage im Frühjahr vergangenen Jahres.

Dr. Daniel Bartsch ist Vorstand und Co-Gründer der Kreditplattform Creditshelf.Creditshelf
Dr. Daniel Bartsch ist Vorstand und Co-Gründer der Kreditplattform Creditshelf.

Sollten die Impfprogramme weiter an Fahrt gewinnen, erwarte ich einen signifikanten Schub beim Kapitalbedarf. Es steht uns ein großer Rebound-Effekt bevor, also eine starke kurzfristige Erholung des Markts. Ich bin gespannt, wie sich in dieser Zeit dann die Banken positionieren. Ich gehe aber davon aus, dass ein nennenswerter Teil der Kreditanfragen wieder in den verlängerten Hilfsprogrammen der KfW landen wird. Kapital ist der Engpassfaktor bei den Banken – Stichwort Eigenkapital-Hinterlegung. Für uns als Plattform ist das eine Chance, weil wir mit dem Kapital institutioneller, risikobereiter Investoren in der Lage sind, die Unternehmen bei ihren Finanzierungen zu unterstützen.

Inwieweit sind denn digitale Kreditplattformen eine sinnvolle Alternative?

Ich denke, dass die Flexibilität, die wir als Plattform anbieten, ein wichtiger Hebel für mittelständische Firmen sein kann. Wir bieten Hilfe in einem Bereich an, der von Banken momentan nicht in dem Maße bedient werden kann, wie es die Lage eigentlich erfordert. Irgendwann wird sich auch der Staat wieder aus der staatsgarantierten Kreditfinanzierung zurückziehen. Das Gleiche wird für die sonstigen Hilfsprogramme gelten. Insofern stellt sich die Frage, wie das Wachstum in den nächsten Monaten und Jahren finanziert werden soll. Daher werden Kreditplattformen mit dem dahinterstehenden Kapital eine wichtige Funktion einnehmen.

Wie bewerten Sie Risiken?

Unsere Prozesse sind denen einer Bank zunächst einmal gar nicht so unähnlich. Bei der Analyse nutzen wir aber einen großen Fundus an technischen, digitalen Möglichkeiten. Da geht es um die Auswertung eines großen Datenpools in einem sehr effizienten Verfahren. Wir schauen auf Netzwerkdaten, rufen eine ganze Reihe an Informationen ab, um das Unternehmen und die Risiken besser erfassen zu können. Algorithmen helfen uns zum Beispiel dabei, Informationen aus Buchhaltungssystemen sehr schnell und zuverlässig auszuwerten. So sind wir in der Lage, selbst bei komplexer Datenlage relevante Muster zu erkennen. Was uns außerdem unterscheidet, ist unser größerer Risiko-Appetit, da wir in der Regel dinglich unbesichert finanzieren. Natürlich sorgt das auch im Ergebnis für höhere Risikokosten und damit zu einem höheren Darlehenszins. Wir starten in der Regel bei vier bis fünf Prozent Zinskosten.

Welche Arten von Finanzierungen werden auf Ihrer Plattform angeboten?

Wir machen ausschließlich Darlehensgeschäft, also Kredite mit fester Laufzeit und Verzinsung. Agiert wird mit zwei unterschiedlichen Tilgungsparametern – einmal eine monatliche Tilgung bis Ende der Laufzeit. Und in einigen anderen Fällen können wir als Strukturierungselement auch endfällige Bausteine darstellen. Das heißt, dass man bei einer Finanzierung einen gewissen Teil vollamortisierend abwickelt und den Rest endfällig abbezahlt. Unsere Finanzierungen reichen von 100.000 Euro bis fünf Millionen Euro.

Seit einem Jahr finanzieren Sie auch verstärkt stark wachsende, innovative Geschäftsmodelle. Sie nennen das „scale-up Finance“. Was können wir uns darunter vorstellen?

In den vergangenen Jahren haben wir die Gründung vieler, sehr spannender Unternehmen gesehen – die Zukunft des deutschen Mittelstands. Junge Firmen, die stark wachsen und einen Heißhunger auf Kapital haben. Das sind meistens Firmen, die über ein digitales Geschäftsmodell verfügen, etwa im Bereich Software as a Service, E-Commerce oder Cloud Computing. Häufig sind das Unternehmen, die Profiteure der aktuellen Krise sind, aber bereits über mehrere Jahre ihr Können unter Beweis gestellt haben. Allerdings sind sie in der Regel noch verlustträchtig, erwirtschaften aufgrund ihres schnellen Wachstums keine Gewinne, was ihnen letztlich den Weg über eine klassische Bank oder die KfW-Hilfsprogramme enorm erschwert. In dieser Situation springen wir ein. Der quantitative Schritt der Analyse ist derselbe wie bei klassischen Unternehmen. Wir schauen auf den Umsatz, die Ertragsbasis, die Bilanz und die Verschuldung. Aber die qualitative Analyse ist eine andere. Da geht es unter anderem darum, das Marktumfeld, in dem sich das Jungunternehmen bewegt, einzuschätzen, darauf zu schauen, inwieweit die Ziele des Kunden für die nächsten drei bis fünf Jahre realistisch sind. Wir sind uns stets darüber im Klaren, dass diese Unternehmen häufig in einem unsicheren und sehr dynamischen Marktumfeld aktiv sind. Diese höhere Unsicherheit müssen wir qualitativ plausibilisieren.

Bis vor der Pandemie war der deutsche Mittelstand nicht gerade Vorreiter in der Digitalisierung. Wie erleben Sie hier Ihre Kunden? Welche Chancen ergeben sich daraus für die Zukunft?

Ich beobachte vor allem bei den großen Mittelständlern, dass sie große Fortschritte bei der Digitalisierung gemacht haben und größere Investitionen getätigt wurden. Bei den kleinen und mittleren Unternehmen zeigt sich leider ein anderes Bild. Doch in der Pandemie haben auch diese Unternehmen erkannt, dass in diesen Bereich investiert werden muss, auch wenn jeder Euro dort dreimal umgedreht wird. Hier wird deshalb einiges passieren. Die Mittelbereitstellung ist aber die Achillesferse. Dafür braucht es zusätzliche Finanzierungsquellen. Da bei den Banken diesbezüglich noch kein Umdenken stattgefunden hat, sie bei der Besicherung von Krediten weiter auf Haptisches setzen, fallen Unternehmen bei Investitionen in Software, Cloud-Lösungen und Vernetzungen weitgehend durch das Raster. In diesem Bereich erkennen wir einen klaren Engpass und verzeichnen ein reges Interesse der Unternehmer an unseren Lösungen.

Muss da nicht auch ein Umdenken auf Seiten der Banken erfolgen?

Natürlich, allerdings sind Banken oft „Schönwetterfinanzierer“. Dort, wo schönes Wetter herrscht, finanzieren sie auch eine Digitalisierung. Sind klassische Sicherheiten aber bereits weitgehend belegt, wird es mit einem Kredit sehr schwierig. Wir von Creditshelf sind schon vor Längerem dazu übergangen, mit Banken zu kooperieren, etwa mit der Commerzbank oder ganz aktuell der Sparkasse Bremen. Die nehmen uns dann mit ins Boot, wenn sie eine Finanzierung nicht alleine stemmen können oder wollen. Wir werden hier als Lösungsanbieter wahrgenommen.

www.creditshelf.com