Blickpunkt

Bewegung schafft auch akustisches Wohlbefinden!
Ergonomie muss neu gedacht werden

Burkhard Remmers

Nach dem „Massenexperiment“ des mobilen Arbeitens zuhause geht es jetzt um die zumindest tageweise Rückkehr ins Büro. Die Gesundheitserfahrungen aus beiden Welten sollten dabei berücksichtigt werden.

Offen- und Privatheit ganz nach Bedarf: Auffaltbare Aufsätze lassen sich ad hoc auf jedem Tisch aufstellen, signalisieren „nicht stören“ und sorgen für ein Minimum an visueller und akustischer Abschirmung.

Fast zwei Jahre gesetzlich verordnete mobile Büroarbeit mit ihren individuellen positiven und schmerzlichen Erfahrungen liegen hinter uns. Doch zwei Aspekte werden fast durchgängig genannt: die weitere Zunahme gesundheitlicher Probleme einerseits und ein störungsfreieres Arbeiten anderseits. Es ist also höchste Zeit, bei der (Neu-) Gestaltung attraktiver Büros die Themenbereiche Ergonomie und Akustik neu zu bewerten, um die Mitarbeitenden für eine zumindest tageweise Rückkehr ins Büro zu gewinnen.

Zuhause noch mehr „Rücken“ und Übergewicht

Im Dekra-Arbeitssicherheitsreport aus dem April 2021 wurde bei muskuloskelettalen Erkrankungen nochmals eine Steigerung von sieben Prozent ermittelt. Und der jüngste DKV-Report „Wie gesund lebt Deutschland?“ konstatiert, dass 89 Prozent der Bevölkerung die Parameter für ein rundum gesundes Leben nicht mehr erreichen. Im Vergleich von 100 Prozent Büroarbeit im Homeoffice und hybrider Büroarbeit wurden bei ersterem eine signifikante Zunahme der Sitzzeiten und entsprechend rückläufige Zeiten bei körperlicher Arbeit, Stehen und Gehen ermittelt. Das schlägt sich auch in der Volkskrankheit Übergewicht nieder: Laut Forsa-Umfrage im Auftrag des EKFZ für Ernährungsmedizin an der TU München haben rund 40 Prozent der Befragten im Homeoffice um durchschnittlich 5,5 kg zugenommen.

Sackgasse Effizienzergonomie

Inzwischen ist sich die Fachwelt einig, dass Rückenleiden und Übergewicht bei Büroarbeitenden vor allem auf Bewegungsmangel zurückzuführen sind. Das erfordert ein komplettes Umdenken der bisherigen Ergonomie. Hier ist die Organisation seit Jahrzehnten analog zur Industriearbeit auf eine Minimierung von Bewegung ausgerichtet. Die Bürostühle werden dem Körper wie ein Exoskelett angepasst, um ihn maximal zu entlasten und vor dem Bildschirm zu fixieren. Das aber schwächt die Muskulatur, behindert Haltungswechsel und reduziert die mentale Performance, weil auch dem Gehirn wesentliche Stoffwechselimpulse fehlen. Noch fataler ist die Situation im Homeoffice, in dem die Wege kurz sind und alles einschließlich der Meetings auf den Bildschirm verdichtet ist. Die Kombination aus angeborenem „Kaloriensparen“ – um das Wort Faulheit zu vermeiden – und digitalem Fortschritt hat aus der ursprünglich sinnvollen Entlastungsergonomie längst eine komatöse Unterforderung gemacht. Im modernen Arbeitsschutz gilt daher der Schutz vor körperlicher und geistiger Unterforderung als ebenso wichtig wie der Schutz vor Überforderung.

Bewegung und Abschirmung: Inzwischen lassen sich auch multifunktionale, mobile Tische mit klappbaren Tischplatten im Handumdrehen mit Akustikpaneelen ausstatten, als „Pop-Up-Office“ selbstorganisiert verfahren und dort aufstellen, wo gerne gearbeitet wird – hier mit 3D-beweglichen Bürostühlen.Wilkhahn
Bewegung und Abschirmung: Inzwischen lassen sich auch multifunktionale, mobile Tische mit klappbaren Tischplatten im Handumdrehen mit Akustikpaneelen ausstatten, als „Pop-Up-Office“ selbstorganisiert verfahren und dort aufstellen, wo gerne gearbeitet wird – hier mit 3D-beweglichen Bürostühlen.

Bewegungsförderung das A + O

Jenseits der klassischen Greifraumergonomie ist eine in die Büroprozesse integrierte Bewegungsförderung der wichtigste Hebel, um Körperkompetenzen zu erhalten, Degenerationen vorzubeugen und die Stressresilienz zu verbessern. Und das beginnt sinnvollerweise schon beim Sitzen selbst. Hier setzen 3D-dynamische Bürostuhlkonzepte an, die vor allem die natürliche, dreidimensionale Beweglichkeit des Körpers aktivieren. Die Förderung der Steh-Sitzdynamik mit höhenverstellbaren Schreibtischen und entsprechendem Sitzmobiliar gehört ebenso dazu, wie häufigere Orts- und Platzwechsel. Das Konzept eines Activity based Workplace, in dem diejenige Raumumgebung aufgesucht wird, die für den aktuellen Arbeitsprozess die beste Umgebung bietet (zum Beispiel für Stillarbeit, (Video-)Telefonate, informelle Abstimmung, Kreativarbeit, Lernen), beinhaltet diese mental und physiologisch wichtige Dimension. Und das gilt auch für die Frage, welche Aufgaben unter akustischen Gesichtspunkten an welchem Ort am besten auszuführen sind.

Activity based Acoustics

Dem Plus einer weitgehenden Ungestörtheit zuhause steht das Minus der vielen akustische Störungen im Büro gegenüber, die zu den meistgenannten Stressfaktoren zählen. Nicht umsonst erfreut sich das klassische Zellenbüro so großer Beliebtheit. Das Problem ist allerdings vor allem ein organisatorisches: Wenn die Arbeit wie im Homeoffice von der konzentrierten Fokusarbeit über Telefonie bis zu den vielen Videokonferenzen komplett am Schreibtisch stattfindet, dann führt das nicht nur zu Bewegungsarmut, sondern auch zu mehr Störfaktoren. Denn neben Geräuschquellen wie Computerlüfter, Kopierer, Drucker und Klimaanlage sind es in erster Linie die Gespräche, die andere bei der Fokusarbeit stören. Das zwangsläufige Mithören lenkt ab und stresst entsprechend. Wirkungsvolle Lösungen bieten entweder spezielle Kopfhörer, die solche Geräusche komplett absorbieren, aber dafür den Kommunikationsteil an der Arbeit erschweren und damit die Arbeit im Büro als einem Ort der Kommunikation konterkarieren. Oder die zitierten unterschiedlichen Raumangebote für die verschiedenen Arbeitsprozesse, wie Stillarbeitszonen für konzentrierte Einzelarbeit, abgeschirmte Meetingpoints für spontane Besprechungen und Telefonboxen sowie akustisch spezifisch ausgestattete Zonen und Räume für unterschiedliche Formen der analogen und hybriden Kommunikation und Kooperation sind zu empfehlen.

Komplexes Themenfeld

Solche Akustikausstattungen lassen sich kaum standardisieren. Wie beim Thema Be- und Entlastung ist der Wechsel entscheidend und sind Extreme zu vermeiden. Eine gedämmte „tote“ Raumakustik kann ebenso belastend sein wie ein homogener leichter Geräuschteppich hilfreich, in dem Schallspitzen nivelliert und störende Sprachverständlichkeit geschluckt werden. Hinzu kommt, dass die Einflussfaktoren komplex und teils variabel sind: In Abhängigkeit zu Raumgrößen und Materialien spielen die Decke, Wände, Schränke, Fenster, der Boden, aber auch Pflanzen und die Zahl der anwesenden Personen eine Rolle. Deshalb beziehen sich akustische Bewertungen immer auf einen konkreten Raum in einer bestimmten Konstellation. Über Simulationen können dann Werte errechnet und durch gezielte Interventionen optimiert werden. Die messbaren Faktoren sind Schallausbreitung, Schalldruck (wahrgenommene Lautstärke), Frequenz und Wellenlänge (Hörbarkeit), Nachhallzeit und Sprachverständlichkeit (mal gewollt, wie in Konferenzräumen, mal Störfaktor wie in Gruppenbüros), Schallabsorption und Schallschirmung. Last but not least beeinflusst auch die menschliche Reaktion auf akustische Bedingungen deren Qualität: In einer lauten Umgebung wird lauter gesprochen und damit das Problem verschärft, in einer gedämpften Atmosphäre tritt der umgekehrte Effekt ein. Einen guten Überblick zur Büroakustik bietet die DGUV-Information 215-443. Aber wer für seine Raumkonzepte und Nutzungsszenarien eine angepasste Akustik erzielen will, kommt um die Hinzuziehung eines spezialisierten Fachplaners nicht herum.

Allen Möglichkeiten akustischer Optimierung zum Trotz bleibt die Grundsatzfrage, was sinnvoller ist: einen Doppelarbeitsplatz so abzuschirmen, dass die wechselseitigen Störungen möglichst klein ausfallen (und dafür der Blickkontakt auf der Strecke bleibt) oder aber die Vorteile der Arbeit im Büro konsequent zu nutzen, indem sie nach Bedarf entzerrt und auf unterschiedliche Zonen verteilt ist. So lässt sich am einfachsten Bewegungsergonomie mit akustischem Wohlbefinden verbinden!

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