Nachfolger im Gespräch
Die News Dezember 2022

„Der Weg schiebt sich dem Gehenden unter die Füße“

Vanessa Weber: mit viel Selbstvertrauen Nachfolge gestemmt

Ein Sprung ins kalte Wasser: Im Alter von 18 Jahren stieg Vanessa Weber von einem auf den anderen Tag in den Werkzeughandel ihres Vaters ein. Aus einer anfangs von vielen Menschen unterschätzten jungen Frau wurde eine erfolgreiche Unternehmerin. Die Redaktion sprach mit ihr über den Generationswechsel.

Hendrik Fuchs
Lesezeit: ca. 6 Minuten
Werkzeug Weber – Tim Wegner

Vanessa Weber ist Geschäftsführerin der Werkzeug Weber GmbH & Co. KG mit Sitz in Aschaffenburg.

Sie waren im Sommer 1998 gerade einmal 18 Jahre alt, als Ihr Vater mit der Frage an Sie herantrat, ob Sie das Familienunternehmen in absehbarer Zeit übernehmen möchten. Was haben Sie geantwortet und welche Gedanken schossen Ihnen durch den Kopf?

Damals hatte mich mein Vater einfach zu Hähnchen und Pommes in einen Biergarten eingeladen und mir dann ganz unvermittelt ohne Vorwarnung diese Frage gestellt. Ich habe ganz spontan nur mit „Ja“ geantwortet. Ich hätte es nicht übers Herz gebracht, Nein zu sagen. Dazu muss man wissen, dass mein Vater zu diesem Zeitpunkt bereits sehr krank war und ihm die Ärzte empfohlen hatten, für den Fall der Fälle alles Wichtige zeitnah zu regeln und in die Wege zu leiten. Sein Wunsch war Ausdruck seines tiefen Vertrauens in meine Person und in meine Fähigkeiten. Es war fest davon überzeugt, dass ich das schaffe. Und er wollte mir und der Familie ersparen, dass es uns einmal so geht wie ihm, der in jungen Jahren nach dem plötzlichen Tod meines Opas das Unternehmen von einem auf den anderen Tag übernehmen musste – ohne dass irgendetwas geregelt war.

Was wollten Sie ursprünglich machen?

Ich bin ein sehr kreativer Mensch – male und zeichne sehr gerne und gut. Lange spielte ich daher mit dem Gedanken, in die künstlerische Richtung zu gehen, Malerin oder Grafikerin zu werden. Doch unter anderem ein Praktikum in einer Kreativagentur hat mich von diesem Weg wieder abgebracht. Da ich von klein auf mit dem Unternehmen groß geworden bin und unter anderem eine Realschule mit Schwerpunkt Wirtschaft besucht hatte, war ich entsprechend vorgeprägt. Daher hatte ich die Option der Nachfolge auch immer wieder auf dem Schirm.

Wie hat Ihr Umfeld auf den Wunsch Ihres Vaters reagiert und Ihre Entscheidung, den Schritt zu wagen?

Mein Freundeskreis bestand zu diesem Zeitpunkt ausschließlich aus Arbeitnehmenden. Sie konnten mit dieser Unternehmer-Thematik schlicht nichts anfangen. Dementsprechend fehlte mir hier auch der Austausch und das Verständnis für meine Entscheidung beziehungsweise den Weg, den ich dann eingeschlagen habe. Groß Party machen am Freitagabend und am Wochenende bis spät in die Nacht hinein ging eben nicht mehr, weil ich arbeiten musste. So blieb schließlich die ein oder andere Freundschaft auf der Strecke. Meine Familie und die Mitarbeitenden standen aber von Anfang an hinter meiner Entscheidung und unterstützten mich, wo sie nur konnten.

Der Werkzeughandel war damals eine absolute Männerdomäne. Gab es da nicht an der ein oder andere Stelle blöde Sprüche und komische Blicke?

Die gab es. Anfangs haben mich Geschäftspartner, Kunden und viele in der Branche doch recht komisch angeschaut – mich, die junge Frau mit den blonden Haaren und den blauen Augen. Man könnte jetzt sagen, dass man sich als Frau jetzt einfach mehr beweisen muss. Mein Weg war allerdings ein anderer: Für mich war das permanente Unterschätzwerden eher cool als hinderlich. Ich habe aus einem offenkundlichen Nachteil für mich einen Vorteil gezogen. Da viele davon ausgegangen sind, dass ein junges Mädel wie ich nicht viel über Werkzeuge wissen kann, zeigten sie sich umso überraschter, wenn ich mit meinem Know-how um die Ecke kam. Man hinterlässt Eindruck und wird so schnell nicht vergessen.

Wie sah der Nachfolgeprozess nach Ihrer Entscheidung aus beziehungsweise wie sind Sie in Ihre Aufgaben und in die Verantwortung hineingewachsen?

Damals bestand die Belegschaft nur aus neun Mitarbeitenden. Sprich, alles war noch recht übersichtlich und man macht einfach alles mit – da bist du Buchhalter, Kommissionierer, Ladeneinrichter und Außendienstler in einer Person. Das erste größere Projekt, mit dem ich mich beschäftigt habe, war die Zertifizierung nach der DIN 9001. Kurz darauf folgte ein Projekt für Bosch Rexrodt in den Vereinigten Staaten im Bereich Einkauf, das ich übernommen habe, weil es um die Englischkenntnisse meines Vaters nicht zum Besten stand.

Die Zeit, einen detailliert ausgearbeiteten Nachfolgeplan aufzustellen, hatten wir jedenfalls damals nicht. Mein Vater war, als ich eingestiegen bin, übers Jahr betrachtet drei Viertel der Zeit im Krankenhaus. Das heißt, ich war in der Anfangszeit häufig auf mich allein gestellt. Natürlich war da noch die restliche Familie an meiner Seite – meine Tante, mein Onkel und meine Mutter, die alle im Unternehmen gearbeitet haben. Wenn mein Vater nicht im Krankenhaus war, trafen wir uns jeden Morgen zu einer Tasse Kaffee und haben die wichtigsten Dinge besprochen und uns ausgetauscht.

Ich bin ein großer Fan davon, Dinge einfach zu machen; sich darauf zu besinnen, was man kann, und nicht darauf, was man nicht kann.

Was hat Ihnen rückblickend den Nachfolgeprozess erleichtert?

Dass ich in ein Familienunternehmen mit einem hohen Familienanteil eingetreten bin. Zudem haben die Mitarbeitenden schnell gemerkt, dass ich die Sache sehr ernst nehme, neue Dinge bewegen möchte und mit viel Herzblut dabei bin. Entsprechend wurde ich von ihnen unterstützt. Was mir ebenfalls geholfen hat, war sicherlich, dass mein Vater mich meine eigenen Erfahrungen, meine Fehler hat machen lassen. Er hat einmal zu mir gesagt: „Jetzt bist du gegen die Wand gelaufen und hast gemerkt, dass es wehgetan hat. Das nächste Mal läufst du einfach außen rum.“

Unter ihrer Führung verfünffachte sich der Umsatz des Familienunternehmens. Zudem wuchs die Zahl der Mitarbeitenden von neu auf 25 an. In der Kundenliste des Aschaffenburger Unternehmens finden sich bekannte Namen wie Bosch Rexroth, Linde, Audi, Hyundai, Rolls Royce und der Senfhersteller Develey. Werkzeug Weber – Tim Wegner

Weibliche Role Models, an denen ich mich hätte orientieren können, gab es damals leider nicht. Mein Vorbild war mein Vater. Er hat mir ans Herz gelegt, frühzeitig ein gutes Netzwerk an vielen Menschen aufzubauen, die diesen Weg der Nachfolge bereits gegangen sind oder sich in einer ähnlichen Situation wie ich befinden. So trat ich etwa der Juniorengruppe unseres Einkaufverbands bei, in der sich Nachfolger mehrmals im Jahr austauschten. Da gab es zudem Betriebsbesichtigungen und Seminare rund um die Persönlichkeitsentwicklung. Auch mein Engagement bei den Wirtschaftsjunioren ab 2004 half mir, die Nachfolge erfolgreich zu meistern. Darüber hinaus hat mich mein Vater auf viele Kongresse geschickt – einerseits um ein Gespür für bestimmte Themen zu bekommen, andererseits um weiter an meinem Netzwerk zu arbeiten. Und last but not least habe ich mich permanent weitergebildet – ich bin eine Art Wissensjunkie.

Inwieweit hat sich nach Ihrem Eintritt der Führungsstil im Unternehmen verändert?

Ich pflege einen kooperativen Führungsstil. Er war da eher, wie damals alle, patriarchisch unterwegs. Es war einfach eine andere Zeit. Trotz aller Strenge war er allerdings immer sehr auf das Wohlfühlen aller bedacht. In einem ersten Schritt musste ich erst einmal meine Führungspersönlichkeit entwickeln und kennen lernen; herausfinden, was mir in Sachen Führung guttut. Ich gebe gerne Verantwortung ab, bin der Meinung, dass diejenigen, die über die meiste Kompetenz in einem Bereich verfügen, die Entscheidungen dort fällen sollten. Dazu musste ich die Mitarbeitenden auch ein Stück weit in diese Richtung erziehen. Was hingegen gleichgeblieben ist: Das Wohl der Mitarbeitenden und ein gutes familiäres Miteinander stehen nach wie vor im meinem absoluten Fokus.

Wie hat sich das Familienunternehmen unter Ihrer Leitung entwickelt?

Das Unternehmen ist von neun Mitarbeitern mit einem Umsatz von 1,9 Millionen Euro auf 25 Beschäftigte mit einem Umsatz von zehn Millionen Euro angewachsen. Wir haben uns viel stärker systematisiert, mit einem Fokus auf die Prozesse der Kunden. Meine Kreativität konnte ich im Unternehmen sehr gewinnbringend einsetzen – sei es beim Markenrelaunch oder in der Außenkommunikation. Wir sind ja nicht nur im Werkzeughandel, sondern auch im Bereich Betriebseinrichtungen aktiv. Letzteres bietet zahlreiche Gestaltungsmöglichkeiten, ähnlich wie in der Innenarchitektur. Hier konnte ich mich kreativ richtig ausleben. Gleiches gilt für die Entwicklung neuer Geschäftsmodelle.

Welche Tipps können Sie gerade jungen Frauen geben, wenn es speziell um die Nachfolge in einem Familienunternehmen aus einer eher männerdominierenden Branche geht?

Ich bin ein großer Fan davon, Dinge einfach zu machen; sich darauf zu besinnen, was man kann, und nicht darauf, was man nicht kann. Ganz nach dem Motto: Der Weg schiebt sich dem Gehenden unter die Füße. Also, nicht stehen bleiben, sondern immer voranschreiten. Das Unternehmertum bietet so viel Raum zum Gestalten, dass ich jedem nur empfehlen kann, sein eigenes Ding zu machen.

Mein Rat speziell an Frauen: Traut euch mehr zu. Es zeigt sich leider immer wieder, dass sich Frauen im Gegensatz zu Männern unterschätzen, obwohl sie gleich viel auf dem Kasten haben. Und: Verhindert Stutenbissigkeit; knüpft stattdessen untereinander lieber Seilschaften und helft euch gegenseitig in die Steigbügel. Da kann man sich einiges von den Männern abschauen.

www.werkzeugweber.de

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