Mobilität & Flotte

Die Logistikbranche in Corona-Zeiten
Trend zu individuellen Transportservices für hochwertige, sensible Güter 

Dr. Theo M. Breitsohl

Wolfgang P. Albeck, der Vorsitzende der Geschäftsführung beim Logistikunternehmen trans-o-flex Express GmbH erläutert, warum die Pandemie nicht nur das Auftragsverhalten nachhaltig verändert hat, sondern auch Individualität, Service & Qualität wieder mehr in den Vordergrund rücken.

Wie sehr hat die Pandemie die Logistikbranche beim Land- und Lufttransport getroffen?

„Bei trans-o-flex selbst konzentrieren wir uns ja auf Landtransporte, aber ganz generell lässt sich feststellen: Es gibt wohl kein Logistikunternehmen, das von der Pandemie nicht betroffen ist. Die Luftfracht hat eine starke Nachfrage, kann sie aber kaum bedienen, weil die Bellytransporte wegfallen – also der Transport im Laderaum von Passagiermaschinen, wo die Mehrzahl der Luftfrachtsendungen transportiert wird. Die Seefrachten sind einerseits aufgrund von pandemiebedingten Produktionseinschränkungen zurückgegangen. Andererseits gab es große Staus, weil in Häfen nicht verladen werden konnte. Insgesamt macht der Logistikbranche die Volatilität zu schaffen, also die Schwankung des Volumens. Die hat durch die Pandemie nochmals zugenommen.

Im Landtransport sind die Mengen im B2B-Bereich vor allem während des Shutdown stark zurückgegangen, im B2C-Bereich haben sie zugenommen. Paketdienste, die sich auf Endkundenbelieferung spezialisiert haben, werden von einer Nachfrage wie zu Weihnachten getroffen. Das führt bei ihnen allerdings auch zu ineffizienten Prozessen und verlängerten Durchlaufzeiten, das heißt, der Bearbeitungsaufwand je Paket steigt. Damit erhöht die Paketflut im B2C-Bereich zwar den Umsatz, senkt aber die Marge. Bis auf Fahrradlogistiker, die möglicherweise einen nachhaltigsten Boom erleben, kann derzeit kein Logistikunternehmen wirklich von der Krise profitieren. Wie die Auswirkungen mittel- und langfristig sind, wenn einige Unternehmen nicht mehr zahlungsfähig sind und aus dem Markt ausscheiden, ist noch nicht absehbar.“

Wolfgang Albecktrans-o-flex
Wolfgang Albeck

Welchen Veränderungen sah sich das Unternehmen gegenüber?

„Unser Spezialgebiet sind hochwertige, sensible Güter, vor allem im Bereich Pharma und Gesundheit. Diese Kunden schauen sich aktuell sehr genau an, wie leistungsfähig und zuverlässig die unterschiedlichen Dienstleister in der Corona-Krise waren. Da die Pharmaunternehmen zur kritischen Infrastruktur zählen, ist für diese Unternehmen nämlich ein extrem leistungsfähiger Dienstleister von hoher Bedeutung. Wir gehen vor diesem Hintergrund davon aus, dass einige Unternehmen zu uns wechseln werden.

Außerdem hat sich in der Corona-Krise ein zweiter Trend verstärkt, von dem wir glauben, dass er dauerhaft sein wird. Es wird zu einer Verschiebung in der Arzneimittelversorgung der Bevölkerung kommen: von Apotheken vor Ort hin zu Versandapotheken. Hierbei werden Versender wie Kunden künftig stärker darauf achten, dass hochwertige Arzneimittel in der Logistikkette aktiv temperiert werden, um die Wirkung sicherzustellen. Denn es ist erwiesen: Der sicherste Weg auch im B2C-Versand von Medikamenten ist die aktiv temperierte Logistikkette. trans-o-flex hat bereits mit hohen Investitionen Spezialnetze für aktiv temperierte Transporte zwischen 2 und 8 Grad Celsius sowie zwischen 15 und 25 Grad Celsius geknüpft. Darauf aufbauend werden wir speziell im B2C-Bereich unsere Lösungen für Pharmasendungen kontinuierlich weiter entwickeln.

Was man andererseits angesichts dieses Trends nicht vergessen sollte, ist: Gerade in der Corona-Krise hat sich gezeigt, wie wichtig die Apotheke vor Ort für die Versorgung der Bevölkerung ist. Wenn aber immer mehr Umsätze von den lokalen Apotheken zu den Online-Apotheken wechseln, dann wird das auf Dauer die Lebensfähigkeit der Apotheken vor Ort gefährden. Gesamtgesellschaftlich muss deshalb diskutiert und entschieden werden, wie die Apotheken vor Ort dauerhaft erhalten werden können. Weiterhin ist vorstellbar, dass ganze Produktionsstandorte nach Europa zurückverlegt werden und dass mehr Läger für die Vorhaltung kritischer Artikel benötigt werden. Denn es wird in Europa stärkere Bemühungen geben, um ohne Umweg über außereuropäische Lager und Produktionsstätten auf Produkte zugreifen zu können, die in Krisensituationen benötigt werden.“

Hat die Pandemie die Digitalisierung weiter beschleunigt?

„Die Digitalisierung aller Prozesse hat bei uns bereits seit Jahren höchste Priorität. Daran hat die Pandemie nichts geändert und auch nichts beschleunigt. Dass wir in diesem Frühjahr neue digitalisierte Prozesse einführen konnten, liegt daran, dass die digitale Technik inzwischen so leistungsfähig ist, dass mit ihrem Einsatz tatsächlich nennenswerte Fortschritte in Qualität und Produktivität erzielt werden können.

Künstliche Intelligenz (KI) kann inzwischen Zustellrouten besser und schneller optimieren, als selbst erfahrene Disponenten das können. Wir führen das gerade bei trans-o-flex an unserem Standort in Hamm ein und die Erfolge sind vielversprechend. Noch scheinen die Algorhythmen nicht so gut, dass sie bei einer komplett dynamischen Disposition bessere Ergebnisse erzielen. Denn hier verändern sich aufkommensabhängig täglich die Zustellgebiete und die Touren. Daher kann es in Abhängigkeit von der Sendungsstruktur – viele kleine oder viele große Sendungen – zu schlechterer Auslastung kommen. Bei einer sogenannten Bubble-Disposition hingegen, bei der ein selbstlernendes Programm das Feintuning auf vorgegebenen Rahmentouren übernimmt, erschließt KI heute bereits neue Potenziale. Das System werden wir noch in diesem Jahr an weiteren Standorten einführen.“

Welche neuen Perspektiven ergeben sich für Ihr Unternehmen?

„Unsere Chancen ergeben sich aus zwei gegenläufigen Trends: Da ist einerseits der Trend hin zu immer stärker standardisierten und industrialisierten Logistikdienstleistern. Dieser Trend hat Paketdienste groß gemacht. Die großen Wachstumsraten in diesem Markt sind zumindest im B2B-Bereich jedoch Vergangenheit. Denn durch den Online-Handel nimmt die Zahl der Transporte an lokale Geschäfte ab. Dafür steigt die Direktbelieferung privater Empfänger. Im Vergleich zum B2B-Markt sind im B2C-Geschäft die Bündelungseffekte im Transport geringer, die Kosten pro Stopp höher und die Margen niedriger, weil derzeit ein Verteilungskampf um die Auslastung der Netze tobt. Aus diesem Markt hält sich trans-o-flex heraus.

trans-o-flex profitiert hauptsächlich von dem gegenläufigen Trend hin zu individuellen Transportservices, die bei besonders hochwertigen und sensiblen Gütern beginnen. Hier geht es darum, Versendern wie Empfängern das gesamte Transportmanagement leichter, sicherer, zuverlässiger und schneller zu machen. Das gilt sowohl für B2B- wie für B2C-Transporte. Und hier kann trans-o-flex mit seiner Flexibilität und Spezialisierung punkten. Versender können bei uns Ware nicht nur in standardisierten Paketen versenden, sondern auch auf Paletten. Sie können sperrige Güter und sogar Gefahrgut versenden. Sie können nicht nur Standardware mit trans-o-flex transportieren, sondern auch Güter, die eine aktive Temperierung brauchen oder die diebstahl- oder bruchgefährdet sind. Diese breite Produktpalette bis hin zu Express-Sendungen, die bis zu einer bestimmten Uhrzeit oder an einem bestimmten Tag ausgeliefert werden, erleichtert die Versandabwicklung ungemein und spart unseren Kunden Zeit und Geld. Dieser Bereich hoher Zuverlässigkeit, hoher Sicherheit und hoher Schnelligkeit macht den Kern unserer Branchenlösungen aus. Und in diesem Bereich sehen wir in den nächsten Jahren gute Chancen für profitables Wachstum, sowohl national wie auch international über unser europäisches Distributionsnetz EURODIS.“