Blickpunkt
Die News Dezember 2022

Die richtige Balance finden

Unternehmerin genießt knappe Familienzeit in vollen Zügen

Mutter von vier Kindern und gleichzeitig die Leitung eines Familienbetriebs innehaben – geht nicht? Geht doch, wie das Beispiel von Beatrice Kiesel-Luik zeigt. Im Interview sprachen wir mit der Geschäftsführerin der Kiesel Bauchemie GmbH & Co. KG über deren Herausforderungen.

Hendrik Fuchs
Lesezeit: ca. 3 Minuten
Kiesel Bauchemie

Frau Kiesel-Luik, Sie sind verheiratet, Mutter von vier Kindern und seit 2014 Geschäftsführerin des Familienunternehmens Kiesel Bauchemie. Wie bekommen Ihr Ehepartner und Sie den Spagat zwischen Ihrer Firmenleitung und der Familie hin?

Das ist mitunter eine sehr schwierige Aufgabe, unsere Familie, das Familienunternehmen beziehungsweise unser Berufsleben unter einen Hut zu bringen. Alles muss sehr gut organisiert sein. Man muss sich fortlaufend in Sachen Termine abstimmen, denn auch mein Mann hat einen 100-Prozent-Job. Da müssen auch beide Seiten bereit sein, mal an der einen oder anderen Stelle zurückzustecken. Wir sind in der glücklichen Lage, eine Kinderfrau zu haben, sprich, unsere Sprösslinge sind über den Tag hinweg gut betreut. Das war zu den Hochphasen der Corona-Pandemie natürlich anders, in denen die Kinderfrau nicht zu uns nach Hause kommen durfte – und für uns ähnlich herausfordernd wie für alle anderen Familien auch. Die zunehmende Digitalisierung von Prozessen und die Möglichkeit zum Homeoffice in der Coronazeit haben aber wiederum dazu beigetragen, dass wir vieles flexibler handhaben konnten. Allein, dass mein Mann durch Homeoffice rund zweieinhalb Stunden Fahrzeit am Tag einsparte, half uns sehr.

Mit welchen Herausforderungen hatten beziehungsweise haben Sie in diesem Kontext noch zu kämpfen?

Mitunter habe ich als Mutter schon Gewissensbisse, weil ich mir darüber im Klaren bin, dass ich als Geschäftsführerin eines mittelständischen Unternehmens weniger Zeit mit meinen Kindern verbringen kann, als das bei anderen Frauen der Fall ist. Manchmal bin ich auf andere Mütter neidisch, wenn ich diese mittags bei einem Spaziergang zusammen mit den Kleinen sehe. Andererseits weiß ich es sehr zu schätzen, meinen Traum als Unternehmerin jeden Tag leben zu können. Da muss jeder für sich die richtige Balance finden. Daher ist es mir besonders wichtig, die wenige Zeit, die ich dann mit den Kindern und der Familie verbringe, auch in vollen Zügen zu genießen und für sie voll und ganz da zu sein. Und natürlich war aufgrund der knappen Zeit und mit vier Kindern klar, dass nur einer aus der Familie im Top-Management eines Unternehmens arbeiten kann. Sprich, mein Mann musste karrieretechnisch zurückstecken.

Die Fabrik des Familienunternehmens am Stammsitz in Esslingen. Kiesel Bauchemie

Mit welchen Vorurteilen sehen/sahen Sie sich als Frau und Nachfolgerin beziehungsweise Unternehmerin des Öfteren konfrontiert?

Als Nachfolgerin hatte ich hin und wieder das Gefühl, dass man mich mehr als Tochter des Chefs wahrnimmt, und nicht als jemanden, der sich voll und ganz dem Familienunternehmen verschrieben hat und sich die Dinge hart erarbeitet. Auch wenn mein Vater anfangs noch mit an Bord war, konnte ich mir meinen Tag nicht so einteilen, wie ich es wollte, sondern musste auch immer das Familienunternehmen im Blick haben. Später als Geschäftsführerin sah ich mich eigentlich mit keinen Vorurteilen oder blöden Sprüchen konfrontiert, auch wenn hauptsächlich Männer in der Bauchemie-Branche arbeiten. Das lag eventuell auch daran, dass ich mich eher selten auf Baustellen blicken lasse (lacht).

Was muss sich Ihrer Ansicht nach in Deutschland ändern, damit noch mehr Frauen (auch mit Kindern) den Weg an die Spitze eines Unternehmens wagen?

Sicherlich muss sich hier die Wertschätzung gegenüber Frauen ändern. Wie ich es von vielen weiblichen Führungskräften mitbekomme, geht es in der Wahrnehmung von Frauen häufig nicht um deren Arbeit und Leistung, sondern um geschlechtsbezogene Dinge. Da ist man halt die Tochter, Mutter oder Quotenfrau. Und – auch hier braucht es einen Wandel in der Gesellschaft – es muss doch als Unternehmerin mit Kindern hin und wieder möglich sein, um 16 Uhr sagen zu können, dass man sich um die Familie kümmern muss, ohne dabei komisch angeschaut zu werden. Das wünsche ich mir für Väter genauso. Apropos Väter: Es würde auch einiges erleichtern, wenn diejenigen Männer, die sich verstärkt um die Betreuung der Kinder kümmern, in der Gesellschaft positiver wahrgenommen werden würden.

www.kiesel.com

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