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Die News November 2021

„Die Werte bleiben erhalten“

Gemeinsames Grundverständnis als Nachfolge-Basis

Nachfolgekandidaten von Familienunternehmen finden sich schon früh in der Situation wieder, mit ihrem Namen auch eine Firma zu repräsentieren. Das studentische Organisationsteam des 24. Kongresses für Familienunternehmen sprach mit Moritz Neuhaus-Galladé unter anderem darüber, wie es ist, in einem Familienunternehmen aufzuwachsen, welche Verantwortungen damit einhergehen und wie man mit den daraus resultierenden Spannungsfeldern bestmöglich umgeht.

Florens de Wyl
Lesezeit: ca. 4 Minuten
J.D. Neuhaus

Das heute in 7. Generation inhabergeführte Unternehmen J.D. Neuhaus ist weltweiter Technologieführer im Segment pneumatischer und hydraulischer Hebezeuge.

Was hat es als Kind für Sie bedeutet, Teil eines Familienunternehmens zu sein?

Seit ich denken kann, ist das Unternehmen Teil meines Lebens. Nichtsdestotrotz hatte ich eine normale und sehr behütete Kindheit. Natürlich spielte in meiner Kindheit das Unternehmen nicht die Rolle, die es heute innehat, weil mir damals die Verantwortung, die mit einem Familienunternehmen einhergeht, noch nicht bewusst war. Mit zunehmendem Alter nahm das Bewusstsein für unser Unternehmen dann zu. Mit den ersten Ferienarbeiten in der Schulzeit lernte ich das Unternehmen und die Menschen dahinter besser kennen, wovon ich heute noch zehre.

Moritz Neuhaus-Galladé studiert Strategy & Organistion an der Universität Witten/Herdecke. Er und seine Geschwister stehen für die Nachfolge bei J.D. Neuhaus bereit. J.D. Neuhaus

Mittlerweile ist das Ende Ihres Studiums in Sichtweite. Was hat sich geändert?

Im Laufe der Zeit spürt und versteht man die Verantwortung, die man als Nachfolger übernimmt. Vor dem Hintergrund meiner Ausbildung und meiner gesammelten beruflichen Erfahrung, verstehe ich die Anforderungen, die ein Familienunternehmen hat. Gleichzeitig kenne ich mich, meine Stärken, Schwächen und vor allem meine persönlichen Werte, was mir extrem hilft. Sicherlich nehme ich meine Rolle als Nachfolger viel aktiver wahr als noch vor einigen Jahren. So tausche ich mich regelmäßig mit Mitarbeitenden oder meinem Vater aus. Ich weiß heute, dass ich das gefunden habe, was mir Spaß macht. Und darum geht es doch am Ende, oder?

Zum Umgang mit den Werten und Spannungsfeldern von Familie und Unternehmen haben Sie gemeinsam eine Familienverfassung erarbeitet. In welchen Bereichen Ihres Alltags ist diese präsent?

Zum Verständnis: Wir haben damit begonnen, die Familienverfassung zu formulieren, als ich 14 Jahre alt war. Meine Schwester war ein Jahr älter und mein großer Bruder 25. Das heißt, unsere Familienverfassung ist schon seit längerem Teil meines beziehungsweise unseres Lebens. Dadurch, dass wir alle zusammen die Inhalte ausdiskutiert und am Ende die Familienverfassung unterschrieben haben, haben wir die „Familien-Regeln“ akzeptiert. Am Ende kann ich sagen, dass sie in jedem Bereich unseres Lebens präsent ist, weil die Verfassung ein Grundverständnis beschreibt, wie die Generation vor uns, die Generation meiner Eltern, meine Generation und sicherlich auch folgende Generationen ihr Leben gestalten wollen. Wichtig ist auch, dass unsere Inhalte in der Verfassung nicht für ewig in Stein gemeißelt sind. Auch unsere Familienverfassung wächst und passt sich der Zeit an. Unsere Werte jedoch sind seit über 275 Jahren unverändert und werden sich nie ändern.

Ihre Schwester und Ihr Bruder sind ebenfalls sehr gut qualifiziert. Wie gehen Sie innerhalb der Familie mit der Nachfolgesituation um?

Wir sind uns dessen bewusst, dass je nach Situation jeder von uns unterschiedliche Rollen einnimmt. Zu Hause ist mein Vater mein Vater, meine Schwester meine Schwester, mein Bruder mein Bruder. Im Unternehmen ist mein Vater geschäftsführender Gesellschafter eines Familienunternehmens, meine Schwester und mein Bruder sind mit mir zusammen Mitgesellschafter. Da wird anders miteinander kommuniziert, da gibt es ein anderes Hierarchiegefälle und vor allem ein anderes Rollenverständnis. Was feststeht, sind unsere Werte sowie die Art und Weise wie wir als Team miteinander umgehen wollen. Alles das bedarf Übung, Rücksichtnahme und eine offene Kommunikation. Unser gemeinsames Ziel ist es, die beste Lösung für das Unternehmen zu finden, um das Unternehmen weiterzuführen und unseren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern einen sicheren Arbeitsplatz bieten zu können. Ganz grundsätzlich nutzen wir Familientage, um über die Nachfolge zu diskutieren. Das sind meistens mehrere Samstage im Jahr, an denen wir als Kernfamilie zusammenkommen und über die Zukunft diskutieren.

Sie haben bereits in jungen Jahren an der Nachfolgeakademie des Kongresses für Familienunternehmen teilgenommen, was erhoffen Sie sich von dieser für den kommenden Kongress?

Vor dem Hintergrund meines Studiums, der Erfahrungen im und mit dem Familienunternehmen sowie der mehrmaligen Teilnahme am Kongress selbst, kenne ich schon viele Themen. Deshalb geht es für mich insbesondere um einen spannenden Erfahrungsaustausch und ums Netzwerken.

Nachfolgeakademie & Kongress

Der Kongress, der am 11. und 12. Februar 2022 unter dem Motto „Bestimmung finden“ stattfindet, bietet Nachfolgern die Möglichkeit, auch außerhalb des gewohnten Umfelds einen Einblick in die Welt zwischen Familie und Unternehmen zu gewinnen. Durch Begegnungen auf Augenhöhe bekommen Familienunternehmer aus verschiedenen Lebenslagen, Branchen und Positionen die Chance, die eigene Perspektive zu erweitern. Beim Netzwerken mit anderen Nachfolgern werden Erfahrungen wie Erwartungen und Wünsche im geschützten Rahmen untereinander geteilt. Um die Teilnehmenden auf die Herausforderungen dieser speziellen Lebenslage vorzubereiten, wird in von Experten aus Wissenschaft und Praxis geleiteten Workshops die individuelle Situation reflektiert. Damit können im Nachgang Strategien entwickelt werden, die bestmöglich auf die Übernahme von Verantwortung vorbereiten. In den Angeboten, etwa Sprach- und Ausdrucksschulung oder einem umfangreichen Verhandlungstraining, bekommen die Teilnehmenden auch praktische Fähigkeiten zur direkten Anwendung von hochkarätigen Referenten vermittelt.

Die Design-Thinking-Methode: Um die eigene Nachfolge aus einer neuen Perspektive zu betrachten, bauen die Teilnehmenden ihre Assoziationen dazu dreidimensional. Wifu

In den vergangenen Jahren leitete Dr. Anne Katarina Heider den Erfahrungsaustausch der Teilnehmenden und fundierte die lockere Atmosphäre mit wissenschaftlichen Ansätzen. So reflektierten die Teilnehmenden unter anderem den Prozess der eigenen Nachfolge über die Design-Thinking-Methode.

www.familienunternehmer-kongress.de

Moritz Neuhaus-Galladé studiert Strategy & Organistion an der Universität Witten/Herdecke.Er befindet sich momentan mitten im Nachfolgeprozess bei J.D. Neuhaus.

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