Planen & Führen

Digital Leadership
Führung auf Distanz

Prof. Oliver Herkommer

Die Digitalisierung verändert unser Arbeitsleben grundlegend: Das Büro ist nicht mehr der primäre Ort der Leistungserbringung. Schon heute ist die Arbeit in verteilten Teams in vielen Unternehmen als Standard etabliert. Die verstärkte Nutzung digitaler Tools macht es einerseits möglich, dass Teammitglieder ortsunabhängig arbeiten können. Andererseits verlangt die räumliche Trennung, dass Führungskräfte ihr Selbstverständnis und ihre Aufgaben überdenken. Die große Frage ist: Wie kann die Führungskraft ihrer Verantwortung für die Ziele, das Team und den einzelnen Menschen gerecht werden?

Die zunehmend dezentral organisierte und agile Arbeit hat Einfluss auf die Zusammenarbeit im Team und stellt neue Anforderungen an die Entscheider im Unternehmen. Das gilt besonders dann, wenn Homeoffice beziehungsweise „Remote Work“ zuvor noch nicht in der Organisation etabliert waren. Vielleicht werden manche Unternehmen zu den alten Strukturen zurückkehren, doch für die meisten werden hybride Arbeitsmodelle aus Heimarbeit und Präsenzphasen der neue Standard sein – ebenso wie das agile Arbeiten. Daher ist es für Unternehmen jetzt wichtig, entsprechende organisatorische, soziale und technologische Rahmenbedingungen zu schaffen, beziehungsweise auszubauen.

„New Work“ erfordert Veränderungsbereitschaft seitens der Mitarbeitenden und Führungskräfte. Während für Mitarbeitende Eigenverantwortung, Selbstorganisation und Selbstmotivation zentrale Qualifikationen sind, stehen Teamleiterinnen und Teamleiter vor der Aufgabe, stärker als bisher, die Zusammenarbeit zu organisieren und Orientierung zu geben. Gerade in Zeiten tiefgreifender Transformationsprozesse, die von Unsicherheit geprägt sind, kommt der Führungskraft eine Schlüsselrolle zu. Sie ist erste Ansprechpartnerin, Bindeglied zwischen den Beschäftigten und zur Unternehmensführung.

Transformationsprozess aktiv mitgestalten

Durch die veränderten Arbeitsbedingungen brauchen wir eine neue Art von Führung in allen Hierarchieebenen. Die Führungskraft muss sich zu einem „Digital Leader“ wandeln. An erster Stelle stehen dabei die Fähigkeit und Bereitschaft zur Veränderung. Konkret heißt das, neue Tools, Prozesse und Methoden offen anzunehmen, zu bewerten und ins Team zu tragen. So können alle im Unternehmen den digitalen Transformationsprozess aktiv mitgestalten. Außerdem wirkt sich ein solches Mindset bei Führungskräften positiv auf den digitalen Transformationsprozess im gesamten Unternehmen aus. Auch wenn der Wandel zu verstärkter Arbeit und folglich Führung auf Distanz schnell erfolgt ist: Es wird einige Zeit dauern, bis sich diese neue Art der Führung verfestigt hat. Gerade weil es eine Umstellung vieler Beteiligter bedeutet. Die Erfahrung hat gezeigt, dass Veränderungen, die von oben von oben vorgegeben werden, schlecht angenommen werden. In der Folge können Parallelstrukturen entstehen, welche die Zusammenarbeit ineffizient machen. Deshalb treten die sozialen Aspekte der Führungsarbeit in den Vordergrund.

Die Aufgaben für Entscheider werden in den kommenden Monaten vor allem sein, die grundlegenden Funktionen und Prozesse aufrechtzuerhalten, Arbeitsfortschritte und Ergebnisse transparent zu machen sowie den Mitarbeitenden die Sinnhaftigkeit des eigenen Tuns und den daraus resultierenden Beitrag zum Unternehmenserfolg zu vermitteln. Auf lange Sicht gesehen, verändert sich das Verständnis von Führung weitergehend: Während die Führungskraft wie bisher die Verantwortung für das Ergebnis trägt, erfolgt die Prozessgestaltung gemeinschaftlich im Team.

Arbeit transparent organisieren

Die zunehmende Digitalisierung hat das Ende der Präsenzkultur eingeleitet. Durch flexiblere Arbeitszeiten und häufige Tätigkeit außerhalb des Büros ist die Anwesenheit nicht mehr der entscheidende Leistungsfaktor. Leistungsmessung und -kontrolle stellen bei der Remote-Arbeit sowohl für Führungskräfte als auch für die Beschäftigten eine Herausforderung dar. Mit dem Verlust der Anwesenheit als Arbeitsindikator verschiebt sich das Augenmerk automatisch verstärkt auf die Arbeitsergebnisse. Dadurch rückt die Qualität der Arbeit in den Vordergrund.

Ein weiterer wichtiger Aspekt im neuen Führungskonzept ist eine Anpassung der Verfügbarkeits- und Kapazitätssteuerung. Durch das Arbeiten von unterschiedlichen Orten aus ist es für die Führungskräfte häufig nicht mehr möglich, die Verfügbarkeit und Auslastung mit den bisherigen Werkzeugen zu erfassen. Der Einsatz digitaler Tools und virtuellen Plattformen der Zusammenarbeit schaffen hier transparente Steuerung und ermöglichen gleichzeitig agiles Arbeiten.

Führungskräfte müssen motivieren

Bei Remote-Arbeit gewinnen die Fähigkeit zur Selbstmotivation, die Lernbereitschaft und die Eigeninitiative an Bedeutung. Diese können von der Führungskraft jedoch nur begrenzt beeinflusst werden. Daher braucht es deutlich intensivere Führungsarbeit und virtuell erlebbare Kollegialität. Eine erfolgreiche Führungskraft sollte in der Lage sein, ihre Werte, ihre Begeisterung für neue Entwicklungen und Offenheit gegenüber Veränderungen an die Mitarbeitenden weiterzugeben. Das gelingt, indem sie diese zentralen Qualifikationen vorleben.

In einem dynamischen Marktumfeld ist es die Aufgabe der Führungskraft, ein resilientes Umfeld zu schaffen, in welchem das Team die Ziele optimal erfüllen kann. Im Fokus der Führungskraft steht allerdings nicht nur das Team, sondern auch die einzelne Person. Daher ist es besonders wichtig, die Verhaltensweisen der Mitarbeitenden zu beobachten, um eine Über- oder Unterforderung frühzeitig zu erkennen und somit die individuelle Balance zwischen Leistungs- und Erholungsphasen zu gewährleisten. Die Führungsaufgabe in digitalen Zeiten entspricht nicht mehr der traditionellen Form von Anweisung und Ergebniskontrolle. In einer Arbeitswelt, in der Teams verstärkt remote und teils zeitversetzt arbeiten, funktioniert Mikromanagement nicht mehr. Vielmehr muss die Führungskraft Leitplanken vorgeben, aber auch Verantwortung an die Teammitglieder bei der Ausgestaltung der Aufgaben abgeben. Das zukünftige Führungshandeln wird stark durch persönliches Coaching und Mentoring von Mitarbeitenden geprägt sein. Gerade bei Zusammenarbeit auf Distanz ist eine vertrauensvolle Führung mit offener Feedbackkultur und regelmäßiger Kommunikation entscheidend für den Erfolg.

Fest steht also: Genauso radikal wie sich die Arbeitswelt verändert hat, müssen sich auch Unternehmen und deren Führungskräfte verändern.

Kurz vorgestellt

Die Ingenics AG hat den Handlungsdruck für Unternehmen bei der Gestaltung der neuen Form der Arbeit erkannt, zentrale Fragenstellungen formuliert und konkrete Handlungsempfehlungen erarbeitet. Neben den Aspekten der Führung in digitalen Zeiten werden auch der Zusammenhalt in dezentralen Strukturen sowie die ortsunabhängige Arbeitsplatzgestaltung beleuchtet.

www.ingenics.com

„Die Führungskraft muss sich zu einem „Digital Leader“ wandeln. An erster Stelle stehen dabei die Fähigkeit und Bereitschaft zur Veränderung.“