IT & Digitalisierung

Digitaler Reifegrad produzierender Firmen steigt
Nachholbedarf bei kleinen Unternehmen

Deutsche Industrieunternehmen treiben die digitale Transformation voran. Das zeigen die Ergebnisse der Studie „Digitaler Reifegrad produzierender Unternehmen“ des Beratungsunternehmens Ingenics AG aus Ulm. Insbesondere Firmen aus der Automobilbranche sowie der Elektro- und Medizintechnik weisen eine hohe digitale Reife auf. Im Maschinenbau gibt es dagegen Luft nach oben.

Im Rahmen der Studie „Digitaler Reifegrad produzierender Unternehmen“ hat die Ingenics AG im Januar und Februar 2021 insgesamt 56 kleine, mittelständische und große Industrieunternehmen in Deutschland zum Status ihrer digitalen Transformation befragt. An der Umfrage beteiligten sich vor allem Personen aus dem oberen Management und der Geschäftsleitung. Die befragten Unternehmen stammen aus verschiedenen Branchen, darunter dem Maschinenbau, der Metallverarbeitung und der Automobilindustrie. Als Bewertungsinstrument diente ein von Ingenics entwickeltes Reifegradmodell, das den Entwicklungspfad zur Smart Factory in fünf Stufen unterteilt – von Null (die „Manuelle Fabrik“, in der Datenerfassung und -verarbeitung größtenteils papierbasiert ablaufen) bis Vier (die „Intelligente Fabrik“, die dank eines hohen Automatisierungsgrads ohne menschliche Eingriffe auskommt).

Der Großteil der befragten Unternehmen befindet sich aktuell auf Stufe Eins, der „Transparenten Fabrik“, des Modells. Sie sind in der Lage, Daten digital zu erfassen und zu verarbeiten, tun dies aber überwiegend reaktiv. Die Fähigkeit, Echtzeitanalysen oder Forecasts durchzuführen, wird in diesen Organisationen aktuell noch entwickelt. Gleichzeitig gibt es Pioniere, die bereits auf Stufe Zwei des Modells agieren – der „Reaktionsfähigen Fabrik“, die Unternehmensdaten in Echtzeit auswertet und sich mit Prototypen fertigungsspezifischer Abläufe Stufe Drei nähern. Diese Stufe, die „Prädiktive Fabrik“, erlaubt KI-gestützte Forecasts. Den höchsten Reifegrad hat dementsprechend keines der befragten Unternehmen erreicht.

Die wichtigsten Ergebnisse im Überblick

Die Studie zeigt eine klare Korrelation zwischen Unternehmensgröße und digitaler Reife. Den höchsten Reifegrad weisen Großunternehmen mit mehr als 5.000 Mitarbeitenden auf. Den größten Nachholbedarf gibt es dagegen bei kleinen Organisationen mit weniger als 250 Angestellten. Die Studienautoren erklären sich diesen Zusammenhang damit, dass größere Unternehmen aufgrund der steigenden Komplexität der Produkte, Lieferketten und Prozesse früher mit der Digitalisierung begonnen haben.

Oliver Schmidt ist Partner und Director Business Unit der Ingenics AG.Patrick Tiedtke
Oliver Schmidt ist Partner und Director Business Unit der Ingenics AG.

Bezüglich Branchen finden sich digitale Vorreiter vor allem in der Automobilindustrie sowie in der Elektro- und Medizintechnik; Schlusslicht bildet in der Studie der Maschinenbau. Auch hier vermuten die Autoren einen Zusammenhang mit der Unternehmensgröße, da 50 Prozent der befragten Organisationen im Bereich „Automobil“ Großunternehmen sind, während der Cluster „Maschinenbau“ überwiegend aus kleinen und mittleren Unternehmen besteht. „Der Wirtschaftszweig der Elektro- und Medizintechnik ist ein Ausreißer, da rund 75 Prozent der befragten Unternehmen zwar weniger als 1.000 Mitarbeitende, aber trotzdem einen hohen digitalen Reifegrad haben. Dies lässt sich auf den hohen Automatisierungsgrad in den Fertigungsprozessen der Elektronikfertigung sowie hohe Transparenzanforderungen innerhalb der Lieferketten zurückführen“, erläutert Oliver Schmidt, Partner und Director Business Unit der Ingenics AG. 

Der größte Fortschritt in der Digitalisierung ist im Supply Chain Management erkennbar. Hier nähert sich der digitale Reifegrad im Durchschnitt bereits Stufe Zwei. In Produktion und Logistik besteht im Vergleich dazu noch Nachholbedarf. Hier stehen momentan Themen wie Intralogistik und transparente Materialflüsse im Vordergrund. Der digitale Reifegrad dieser Bereiche entspricht überwiegend Stufe Eins.

Grundsätzlich ist bei allen profitablen Unternehmen eine signifikante Profitabilitätssteigerung in Abhängigkeit zu ihrem digitalen Reifegrad erkennbar. Daran zeigt sich, dass die Digitalisierung ein wesentlicher Effizienztreiber ist. Besonders deutlich wird die Korrelation zwischen beiden Werten bei Unternehmen mit einer positiven EBIT-Marge: Ihr digitaler Reifegrad liegt im Durchschnitt um 15 Prozentpunkte höher.

Strategie als Schlüssel für den Erfolg

Mehr als die Hälfte (53 Prozent) der befragten Unternehmen haben bereits eine Digitalisierungsstrategie erstellt und zumindest teilweise umgesetzt. Weitere 29 Prozent sind aktuell dabei, eine Strategie zu erarbeiten. Lediglich 18 Prozent haben diesbezüglich keine konkreten Pläne. Auch auf der Organisationsebene sind Fortschritte erkennbar. In 50 Prozent der befragten Unternehmen liegt die Verantwortung für die Digitale Transformation bei einer übergreifenden Abteilung, die teilweise sogar auf der Geschäftsleitungsebene installiert ist. Nur in 32 Prozent der Fälle beschränkt sich die Digitalisierung auf einzelne Projekte oder Abteilungen.

Beide Ergebnisse weisen zudem eine deutliche Korrelation zum digitalen Reifegrad auf. Unternehmen, die ihre Digitalisierungsstrategie fest in ihren Prozessen verankert und die Verantwortlichkeiten bereichsübergreifend koordiniert haben, weisen im Durchschnitt einen höheren digitalen Reifegrad auf als Unternehmen, die dies nicht taten. „Die Ergebnisse verdeutlichen, dass Digitalisierung ein klares Commitment des Managements erfordert. Führungskräfte sind in der Digitalen Transformation als ‚Antreiber‘ gefragt, die entsprechende Initiativen fördern und eine bereichsübergreifende Koordination sicherstellen“, so Schmidt.

Hinsichtlich Kompetenzaufbau und der Qualifizierung der Mitarbeitenden besteht branchenübergreifend Nachholbedarf. In rund 85 Prozent der befragten Unternehmen erfolgen Digitalisierungsschulungen im Selbststudium oder „on the Job“. Lediglich 15 Prozent nutzten zentrale Schulungsangebote oder unternehmensübergreifende Schulungsprogramme. In über 30 Prozent der Unternehmen müssen sich die Beschäftigten in Eigenverantwortung selbst fortbilden. Gleichzeitig weisen Organisationen mit einem unternehmensübergreifenden Schulungsprogramm tendenziell den höchsten digitalen Reifegrad auf. Auch daran zeigt sich, dass die Qualifizierung der Mitarbeitenden ein wesentlicher Erfolgsfaktor ist, um Digitalisierung flächendeckend zu implementieren.

Industrieunternehmen auf gutem Weg

Zusammenfassend zeigendie Ergebnisse der Studie, dass deutsche Industrieunternehmen in ihrer digitalen Transformation auf einem guten Weg sind. Einige von ihnen weisen bereits einen hohen digitalen Reifegrad auf, darunter nicht nur weltweit agierende Konzerne, sondern auch kleine und mittelständische Unternehmen. „Kennzeichnend für diese Organisationen sind eine ausgeklügelte Digitalisierungsstrategie sowie klar definierte Verantwortlichkeiten, die in den internen Strukturen verankert sind. Diese Unternehmen haben in der Digitalisierung nicht nur die größten Fortschritte erzielt, sondern weisen einen klaren Zusammenhang zwischen digitalem Reifegrad und Rendite auf. Organisationen mit hoher digitaler Reife arbeiten also tatsächlich profitabler“, fasst Schmidt zusammen.

www.ingenics.com