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Die News September 2021

Enorme Strahlkraft beibehalten

125 Jahre Haus der Wirtschaft in Stuttgart

Das Haus der Wirtschaft im Herzen der Schwabenmetropole kann mittlerweile auf eine 125-jährige Geschichte zurückblicken. Baden-Württembergs Wirtschaftsministerin Dr. Nicole Hoffmeister-Kraut unterstreicht im Interview dessen herausragende Bedeutung für die Wirtschaftsförderung über die Region hinaus.

Hendrik Fuchs
Lesezeit: ca. 5 Minuten
Haus der Wirtschaft

Welche Höhen und Tiefen hat das Haus in seiner langen Geschichte erlebt?

Die Geschichte des Hauses kann man in drei Phasen einteilen. Die Eröffnung im Jahr 1896 in Anwesenheit der königlichen Familie war natürlich ein besonderes Highlight und der Startschuss für eine langanhaltendende Hochphase. Der imposante Museumsbau war gleichzeitig der Amtssitz der „Königlichen Centralstelle für Gewerbe und Handel“. Die Grundidee dahinter: Objekte und Sammlungen von Industrieprodukten aus dem In- und Ausland auszustellen, um den Unternehmerinnen und Unternehmern in Württemberg den neuesten Stand der Technik zu zeigen. Natürlich war das Gebäude auch ein Repräsentationsbau des Königreichs Württemberg und weit über die Grenzen des Ländles hinaus bekannt. Damals gab es noch eine wunderschöne Bibliothek. Und auch die vielen Wandgemälde, die musealen Säle, die großen Granitsäulen, die wunderschönen Terrazzo-Böden und die vielen raffinierten architektonischen Details hinterließen bei den Besuchern einen bleibenden Eindruck. Das Gebäude war zum damaligen Zeitpunkt – man kann es nicht anders sagen – eine absolute Benchmark.

Dr. Nicole Hoffmeister-Kraut, baden-württembergische Ministerin für Wirtschaft, Arbeit und Tourismus, möchte den Austausch und Dialog im Haus der Wirtschaft künftig noch intensivieren. Martin Stolberg

Im 1. Weltkrieg, einer der Tiefphasen, nutzte auch die Kriegswirtschaft das Haus. Es überstand diese Zeit aber unbeschadet. Anders bei den Luftangriffen 1944: Große Teile der Gewerbe-Sammlungen, die König-Karl-Halle und fast die gesamte Bibliothek wurden zerstört. Insgesamt gingen über 88.500 Sachbücher aus den Bereichen Wirtschaft und Technik in den Flammen verloren. Die wertvollen Kunstbände und viele kostbare Sammlungsobjekte hatte man aber bereits zu Kriegsbeginn in Sicherheit gebracht.

Trotz dieser Schäden und der Abrisseuphorie in der Nachkriegszeit konnte das Haus diese Phase glücklicherweise überstehen. Es wurde nach dem Krieg aber einer anderen Nutzung zugeführt, diente hauptsächlich als Bürogebäude und wurde entsprechend umgebaut. Diese Umnutzung bildete die Brücke zur Wiederauferstehung des Gebäudes als Zentrum der Wirtschaftsförderung Ende der 1980er-Jahre. Da begann eine Hochzeit, die bis heute anhält. Nach wie vor hat das Haus eine enorme Bedeutung für Land und Landesregierung und verfügt immer noch über eine enorme Strahlkraft.

Das imposante Haupttreppenhaus Traumwelt GmbH

Die Namen vieler Persönlichkeiten aus Politik und Wirtschaft werden mit dem Haus in Verbindung gebracht. Welche sind Ihnen in besonderer Weise in Erinnerung geblieben? Was haben diese Persönlichkeiten bewirkt?

Hier muss man vor allem Ferdinand von Steinbeis nennen. Er war damals einer der Ideengeber des Hauses und hat unermüdlich die Förderung der württembergischen Wirtschaft vorangetrieben sowie das Profil und den Geist des späteren Landesgewerbemuseums entscheidend mitgeprägt. Steinbeis war es auch, der 1851 auf der Weltausstellung in London erstmals württembergische Erzeugnisse in einer zusammenhängenden Ausstellung einem internationalen Publikum präsentierte – mit durchschlagendem Erfolg. Es war seine Idee, Produkte von den Weltausstellungen nach Stuttgart zu bringen. Seine Verdienste beim Aufbau der Sammlungen kann man nicht genug würdigen. Sein Name stand und steht für Wissenstransfer und Ansporn. Das ist noch heute in den Räumlichkeiten zu spüren.

Eine weitere Persönlichkeit, die das Haus geprägt hat und die ich auch kennen lernen und erleben durfte, war der damalige Ministerpräsident Lothar Späth. Unter seiner Regierung wurde 1985 das Gebäude zum Haus der Wirtschaft ausgebaut. Seitdem wird das Gebäude auch so genannt. Ziel war es, aus einem Bürogebäude ein modernes Dienstleistungszentrum für die mittelständischen Unternehmen aus Baden-Württemberg zu schaffen. Die Vision dahinter: eine mittelständische Wirtschaftsförderung aus einem Guss und einer Hand. Damals wurde das Haus innerhalb von nur vier Jahren umgebaut. Untergebracht waren dort das damalige Landesgewerbeamt, die Steinbeis-Stiftung für Wirtschaftsförderung, die Gesellschaft für internationale wirtschaftliche Zusammenarbeit (GWZ) sowie das Steinbeis-Europa-Zentrum (SEZ).

Wie ist es bei der Gründung des „Haus der Wirtschaft“ im Jahr 1985 gelungen, den Spagat zwischen dem Erhalt der historischen Fassade und einer modernen Kongress-Architektur hinzubekommen?

Die Aufgabenstellung lautete damals: ein Baudenkmal mit neuer Nutzung und Zukunft. Dieser Spagat zwischen dem Erhalt der historischen Fassade und der Schaffung eines modernen Dienstleistungszentrums war in der Tat eine sehr große Herausforderung – ein komplexes Bauprojekt mit vielen Mitwirkenden von Architekten über Denkmalpfleger bis hin zu zahlreichen Gutachtern. Während die Fassade weitgehend gleichgeblieben ist, wurden im Inneren unter anderem die Räume wieder geöffnet und Wände, die nach dem Krieg eingezogen wurden, wieder entfernt. Die Innenhöfe blieben erhalten. Sie wurden mit verglasten Überdachungen versehen und somit als zusätzliche Nutzfläche gewonnen. Die König-Karl-Halle wurde als zentraler Mittelpunkt des Hauses ausgebaut. Die Glaswände erinnern noch heute an die historischen Dimensionen des Raumes. Wie ich meine, ist es gelungen, Tradition und Moderne auf einzigartige Weise zu verknüpfen. Im Prinzip steht das Haus heute sinnbildlich für das, was Baden-Württemberg stark macht: für die vielen mittelständische Firmen und Familienunternehmen mit einer langen Tradition, die es geschafft haben, sich immer wieder neu zu erfinden und somit ihre Position an der Spitze zu behaupten. Das Äußere – die Wurzeln und Werte – blieb erhalten, während das Innere den aktuellen Erfordernissen angepasst wurde.

Die König-Karl-Halle bildet das Zentrum des Hauses. Traumwelt GmbH

Was macht das Haus aus Ihrer Sicht heute so einzigartig?

Da ist natürlich die einmalige Atmosphäre in der historischen Kulisse. Das Haus beherbergt heute Mitarbeitende des Wirtschaftsministeriums, die Gesellschaft Baden-Württemberg International sowie das Regierungspräsidium Stuttgart mit dem Patent- und Markenzentrum und dem Design Center Baden-Württemberg. Damit sind wesentliche Kräfte der Wirtschaftsförderung in einem Haus zusammengeführt. Da entsteht untereinander jede Menge Austausch zum Wohle des Wirtschaftsstandorts Baden-Württemberg. Hervorgehoben werden müssen auch die Kernveranstaltungen, die in normalen Zeiten einmal im Jahr dort stattfinden. Das sind etwa die FMX, eine international renommierte Konferenz für digitales Entertainment, oder die Stuttgarter Buchwochen. Inzwischen wird die historische Kulisse immer häufiger für virtuelle Formate genutzt, zum Beispiel für den Open-Innovation-Kongress, der im Juni direkt aus dem Haus heraus gestreamt wurde. Solche virtuellen Formate möchten wir künftig weiter ausbauen.

Mit seinen unterschiedlichen Flächen und Räumen eignet sich das Haus zudem für Veranstaltungen jeglicher Art und Größe – seien es Kongresse, Unternehmensfeiern, Hauptversammlungen, Tagungen, kleinere Messen oder Ausstellungen. Zusammen mit einem professionellen Service sowie einem gehobenen kulinarischem Angebot wird hier ein hervorragendes Gesamtpaket geboten. Nicht zu vergessen, die gute Erreichbarkeit im Herzen Stuttgarts.

Welches ist die größte Herausforderung für das Haus?

Die größte Herausforderung sehe ich darin, die Vision des Hauses so weiterzuentwickeln, um es zukunftssicher zu machen. Wir wollen das Haus bei einem noch größeren Publikum bekannt machen und arbeiten zurzeit unter anderem an einem umfassendes Redesign des Internetauftritts inklusive eines virtuellen Rundgangs, der die eindrucksvolle Atmosphäre und die Nutzungsmöglichkeiten des Hauses anschaulich präsentiert.

www.hausderwirtschaft.de

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