Blickpunkt

Erfolgsrezept Doppelspitze?
Wie Geschwister zum erfolgreichen Führungsteam werden

Dr. Alexander Koeberle-Schmid

Ob sich Macht in einem Unternehmen in Form einer Doppelspitze teilen lässt, daran scheiden sich die Geister. Während dieses Modell bei großen Konzernen bisher nicht von Erfolg gekrönt war, machen Familienunternehmen vor, dass es durchaus funktionieren kann, wenn Geschwister sich die Führungsarbeit teilen.

Leiten das Familienunternehmen erfolgreich gemeinsam: Die Brüder Alexander und Konstantin Sixt (v.l.)

Als innovativ und mutig galt SAP im Oktober 2019, als das Softwareunternehmen den Chefposten auf zwei Köpfe aufteilte und mit Jennifer Morgan erstmals eine Frau an die Spitze eines DAX-Konzerns stellte. Nach nur wenigen Monaten schaffte SAP die Doppelspitze aber wieder ab und Christian Klein übernahm die alleinige Führung. Auch bei der Deutschen Bank geht das Führungs-Tandem, bestehend aus Anshu Jain und Jürgen Fitschen, das sich zwischen 2012 und 2015 die Verantwortung für die Bank teilte, nicht gerade als Erfolgsgeschichte in die Annalen der Bank ein.

Während es für das Top-Job-Sharing auf alleroberster Ebene deutscher Konzerne also kaum leuchtende Beispiele gibt, experimentieren immer mehr kleinere und mittlere Unternehmen und Organisationen mit diesem Modell. Treiber dieser Entwicklung ist die bessere Vereinbarkeit von Beruf und Privatleben. Am Berliner Vivantes Klinikum in Neukölln teilen sich beispielsweise zwei Ärztinnen die Leitung der Klinik für Gynäkologie. Eine der beiden Chefinnen, die fünffache Mutter Mandy Mangler, wurde kürzlich mit dem Berliner Frauenpreis ausgezeichnet.

Führungstandem als Modell der Zukunft

Und auch Familienunternehmen entdecken das Führungs-Tandem als Modell der Zukunft, wenn familienfremde Geschäftsführer installiert werden: So hat der Filzstifte-Hersteller Edding kürzlich bekannt gegeben, den neu geschaffenen Posten des Chief Digital Officers auf zwei Köpfe zu verteilen. Die beiden Digitalexperten Fränzi Kühne und Boontham Temaismithi verantworten gemeinsam das Digitalgeschäft bei Edding (Anmerkung der Red.: Interview auf den Folgeseiten).

Mit diesem Ansatz steht Edding nicht allein da. In Familienunternehmen ist es keine Ausnahme, dass Macht und Führung aufgeteilt werden – und zwar unter Geschwistern oder Cousins der nachfolgenden Generation. Zahlreiche Beispiele zeigen: Ein Führungstandem kann durchaus funktionieren – eben gerade zwischen Geschwistern. Denn sie sind sowohl durch gemeinsame Geschäftsinteressen und Verträge verbunden, als auch durch die gemeinsamen Eltern, die gleiche Erziehung, einen ähnlichen Wertekanon. Sie haben den gleichen Hintergrund und teilen gemeinsame Erfahrungen und Erlebnisse. Das schweißt zusammen – und das sind eigentlich gute Voraussetzungen für erfolgreiche Teamarbeit.

Sixt, Trumpf … – Geschwister teilen sich Macht

Beim Autovermieter Sixt haben beispielsweise die beiden Brüder Alexander und Konstantin Sixt im Jahr 2021 gemeinsam das Ruder von ihrem Vater übernommen. Bei der Seidensticker-Gruppe kümmern sich die Cousins Frank und Gerd Oliver Seidensticker als geschäftsführende Gesellschafter um die strategische Ausrichtung des Bekleidungsherstellers – und zwar ebenfalls gemeinsam, während die operative Leitung der Unternehmensgruppe an familienexterne Manager übertragen wurde.

In Familienunternehmen bedeutet ein Führungstandem jedoch nicht zwangsläufig, dass es zwei ebenbürtige Chefs gibt, wie das Beispiel des Werkzeugmaschinenherstellers Trumpf zeigt: Dort rückte die Tochter Nicola Leibinger-Kammüller als CEO nach. Sie führt das Unternehmen aber im Team mit ihrem Bruder Peter Leibinger, der als stellvertretender Vorsitzender den Bereich Technologie verantwortet, und ihrem Ehemann Mathias Kammüller, der ebenfalls in der Geschäftsführung des Unternehmens sitzt.

Team oder Konkurrenten? Eltern legen den Grundstein

Das Konzept der Doppelspitze hat aber nicht nur Fürsprecher: Der Chef der Textilfirma Trigema, Wolfgang Grupp, hält von einem Führungs-Duo überhaupt nichts. Für ihn steht fest: Macht lässt sich nicht teilen. Er hat unmissverständlich deutlich gemacht, dass nur eines seiner beiden Kinder das Unternehmen übernehmen wird, wenn er abtritt. Bis er die Entscheidung fällt, arbeiten sowohl die Tochter als auch der Sohn im Unternehmen und stehen in direkter Konkurrenz. Dabei haben gerade die Eltern entscheidenden Einfluss darauf, ob die eigenen Kinder einmal in der Lage sein werden, als Team zusammenzuarbeiten. Familienunternehmer können den Grundstein dafür legen, dass ihre Kinder die Geschicke der Firma künftig gemeinsam in die Hand nehmen. Bei der Deutschen Vermögensberatung AG leiten die Brüder Andreas und Reinfried Pohl als gleichberechtigte Geschäftsführer und Gesellschafter das Unternehmen. Ihr Vater hat den Söhnen von Kindesbeinen an vorgelebt, wie wichtig es ist, zusammenzuhalten und füreinander einzustehen. Mit dem Leitsatz „Ihr schafft das nur gemeinsam!“ hat er die Söhne quasi zur Doppelspitze erzogen.

Eifersucht und Konkurrenzdenken gehören dazu

Auch wenn familiäre Führungsteams nach außen mitunter reibungslos funktionieren: Konkurrenzdenken und Streit gehören in jeder Geschwisterbeziehung dazu – genauso wie Verbundenheit, Gemeinsamkeiten, Liebe und ein tiefes Verständnis für den anderen. Eifersucht zwischen Geschwistern ist nicht ungewöhnlich und äußert sich zum Beispiel in der Angst, dass der Bruder oder die Schwester von den Eltern mehr geliebt, geschützt oder gefördert und folglich auch bei der Unternehmensnachfolge bevorzugt wird. Grundsätzlich gilt: Je geringer der Altersabstand, desto näher stehen sich die Geschwister und desto größer ist ihre Rivalität. Dieses „Kräftemessen“ erstreckt sich auch auf die Bereiche Leistung und Kompetenz: Da fällt leicht der Vorwurf, der Bruder sei ein Workaholic und habe keine gute Work-Life-Balance. Dahinter steckt häufig die Sorge, der andere sei schlauer, kompetenter oder fleißiger.

Unterschiede anerkennen – und als Stärke nutzen

Dabei müssen sich alle Beteiligten klarmachen: Absolute Gerechtigkeit im Sinne von Gleichheit unter Geschwistern ist eine Illusion. Umso wichtiger ist es, die Unterschiede der einzelnen Persönlichkeiten anzuerkennen und sie als Stärken zu nutzen. Denn Geschwister sind oft sehr unterschiedlich. Das kann ein großer Vorteil sein, denn sie ergänzen sich – und werden jeweils ihre Chance haben, zu glänzen. So ist vielleicht die extrovertierte Schwester, die für Marketing und Vertrieb verantwortlich ist, in Zeiten des Aufschwungs besonders gefragt; im Abschwung schlägt die Stunde des introvertierten Bruders, der als Zahlenmensch den analytischen Part übernimmt. Dieses Wechselspiel gelingt jedoch nur, wenn die Beteiligten dazu bereit sind, konstruktiv mit ihren Stärken und Schwächen umzugehen und kontinuierlich an ihrer Beziehung zu arbeiten.

Spielregeln einer Doppelspitze

Damit eine Doppelspitze unter Geschwistern oder Cousins funktioniert, ist es sinnvoll, sich auf einige Spielregeln zu verständigen – etwa die Rollen und Verantwortlichkeiten je nach Interessen und Stärken klar abzustecken. Ein weiterer Grundsatz kann lauten: „Wichtige Entscheidungen treffen wir nur gemeinsam und nach außen treten wie immer geschlossen auf.“ Eine konstruktive Streitkultur ist wichtig, wird aber nur hinter verschlossenen Türen ausgetragen und Konflikte auf Familienebene werden auf den Feierabend verschoben. Nicht zuletzt kommt es darauf an, nicht nur die Macht zu teilen, sondern auch Werte, Ziele und Wissen sowie die Bereitschaft, die Schwächen des anderen auszugleichen. Unter diesen Voraussetzungen ist die Doppelspitze durchaus ein Erfolgsmodell.

www.pwc.com