Blickpunkt

Erst die Lawine – dann Corona
Wie ein Familienunternehmen für seine Zukunft kämpft

Hendrik Fuchs

Im vergangenen Jahr zerstörte eine Lawine zur Hochsaison einen Teil des Viersterne-Hotels Hubertus Alpin Lodge & Spa in Balderschwang (Oberallgäu), traf das Herzstück des Familienunternehmens. Nach etwas mehr als einem Jahr immer noch mit den Folgen kämpfend, dann der nächste Rückschlag: die Corona-Pandemie war da. Doch die Unternehmerfamilie lässt sich nicht unterkriegen

Es war der 14. Januar 2019, der Tag, an dem eigentlich Geschäftsführer Karl Traubel bei einem Notar einige seiner Anteile am Familienunternehmen an seinen Sohn Marc übertragen wollte. Doch es kam alles anders. Um 5 Uhr morgens löste sich am Nachbarhang eine Lawine, traf das Hotel mit voller Wucht und richtete enormen Schaden an. Getroffen wurden vor allem der Spa- und Poolbereich mitsamt seinem Ruhebereich, das Aushängeschild des Hotels. Zudem wurden wichtige Fluchtwege im Hotel zerstört, ohne die die Nutzung von 21 der über 60 Zimmer für Übernachtungen nicht mehr möglich war. Und das in der Hochsaison, in der das Hotel voll ausgelastet war. Menschen kamen zum Glück aber nicht zu Schaden. Es folgte die sofortige Evakuierung aller Gäste und eine zweimonatige Schließung des Hotels.

Die Familie Traubel führt das Hotel im Oberallgäu.Frithjof Kjer
Die Familie Traubel führt das Hotel im Oberallgäu.

Viel Zuspruch von Stammgästen erfahren

„Der Schock saß tief, als wir das wahre Ausmaß nach den Aufräumarbeiten sahen“, erzählt Karl Traubel. Glücklicherweise hatte das Familienunternehmen eine Elementarversicherung abgeschlossen. „Angesichts eines Schadens in Höhe von 5,5 bis 6,5 Millionen Euro war das unser Strohhalm, an dem wir uns festhalten konnten“, sagt Marc Traubel. Aber auch die Unterstützung der Bergwacht, Feuerwehr, der Bevölkerung vor Ort, der emotionale Beistand vieler Stammgäste und die Verpflichtung gegenüber den über 80 Mitarbeitern, ermunterten die Familie, nicht aufzugeben und den Betrieb möglichst früh wieder aufzunehmen. Doch wie? Die Instandsetzung der Schäden sollte viel Zeit in Anspruch nehmen, denn es mussten Anträge eingereicht, Auflagen berücksichtigt und Gutachten eingeholt werden. Darüber hinaus wurde das Familienunternehmen verpflichtet, zusätzlich eine Lawinenprallwand mit einer Länge von 60 Metern und einer Höhe von fünf Metern auf eigene Kosten zu errichten, um das Hotel und seine Gäste vor weiteren Unglücken zu schützen. „Die Versicherung machte uns außerdem mehr als deutlich, dass wir nach Wegen suchen müssen, um die Schadenssumme möglichst gering zu halten“, betont Karl Traubel.

„Hubertus unplugged“ war geboren

Die Hoteliers kamen auf die Idee, das Haus mit eingeschränktem Angebot möglichst zeitnah wiederzueröffnen. Unter dem Slogan „Hubertus unplugged“ stehen den Gästen im Übergangsbetrieb seit März 2019 nun rund 40 Zimmer zu reduzierten Preisen zur Verfügung. Den kaputten Ruhebereich zum ebenfalls zerstörten Außenpool riegelte man ab. Einige der Zimmer, die aufgrund der Lawine vorerst nicht mehr für Übernachtungen genutzt werden dürfen, wurden für Wellness-Behandlungen interimsmäßig umgebaut. Auch saunieren kann man wieder. Parallel, so war der Plan, sollten die Wiederaufbauarbeiten vorangetrieben werden. „Die Suche nach Handwerkern und Bauunternehmen hat sich aber als äußerst schwierig erwiesen und den Wiederaufbau verzögert“, erzählt Marc Traubel. Und dann kam auch noch die Corona-Pandemie.

Modernes Design mit Naturmaterialien: Die Zimmer wurden mit viel Liebe zum Detail konzipiert.Günter Standl
Modernes Design mit Naturmaterialien: Die Zimmer wurden mit viel Liebe zum Detail konzipiert.

Als der Corona-Lockdown kam

„Es ist wie eine Betriebsunterbrechung in der Betriebsunterbrechung. Oder wie man in Bayern sagt: „Wir haben links und rechts eine Watschn bekommen“, so beschreibt Karl Traubel die Folgen des von der Bundesregierung beschlossenen Lock-Downs für das Hotel infolge der Corona-Pandemie. „Wir hoffen, dass die Schließung nicht zu lange dauert und wir von der Politik im ausreichenden Maße unterstützt werden. Ansonsten ist das unser wirtschaftlicher Exodus.“ Einen kleinen finanziellen Puffer konnte das Familienunternehmen dank einer gut laufenden Session im Winter aufbauen. Dennoch mussten die Mitarbeiter in Kurzarbeit geschickt werden, um Geld einzusparen, denn nach wie vor laufen die Kosten für Versicherungen und andere Dienstleistungen weiter. Die Zeit des Lockdowns nutzt das Unternehmen momentan unter anderem für Abrissarbeiten. Die Tiefgarage, die erst vor zehn Jahren gebaut wurde, muss aus statischen Gründen wegen der Lawinenprallwand wieder entfernt werden. Im Spätherbst möchte man sich auf Innenausbau-Arbeiten konzentrieren.

Geplante Neueröffnung im Sommer 2021

Das Familienunternehmen glaubt trotz dieses Doppelschlags weiter fest ans wirtschaftliche Überleben und plant die Neueröffnung ihres Lebenswerks im Sommer 2021. Der Zuspruch der Stammgäste sei nach wie vor überwältigend und ein wichtiges Signal, dass alles ein gutes Ende nehmen wird. Den Kopf in den Sand stecken, sei also keine Option, wie Marc Traubel betont. Er fordert aber von der Politik stärker die Besonderheiten des mittelständischen Hotelier- und Gaststättengewerbes zu berücksichtigen und nicht immer nur die großen Konzerne im Blick zu haben. „Wir können ein Hotelbett nur einmal verkaufen. Das heißt, die durch den Lockdown entstandenen Kosten lassen sich nur schwer wieder reinholen.“ Zudem müsse auch die Frage geklärt werden, wie Hotels, die aufgrund gestiegener Hygienevorschriften und Abstandsregelungen nicht die volle Kapazität nach dem Lockdown fahren können, unterstützt werden müssen. Die Traubels setzen hier vor allem auf den Hotellerie- und Gaststättenverband, der allerdings den Druck auf die Politik merklich erhöhen müsse.

www.hotel-hubertus.de

„Es ist wie eine Betriebsunterbrechung in der Betriebsunterbrechung. Oder wie man in Bayern sagt: Wir haben links und rechts eine Watschn bekommen.“ Karl Traubel