Blickpunkt

Frei wie ein Kind
Warum Verhaltensfreiheit wichtiger ist als Raumgestaltung

Robert Gerlach

Um kreatives Denken zu fördern, wird Mitarbeitenden heute ein angenehmes und anregendes Umfeld geboten. Nach Googles Vorbild sollen Designelemente wie Sofas und Tischkicker helfen, freier zu denken. Die Kreativitätsforscherin Tina Seelig von der Stanford University sagte einmal: „Kreative Räume führen zu kreativer Arbeit.“ Stimmt das?

Stimuliert die Raumgestaltung wirklich kreatives Denken? Die meisten Sillicon-Valley-Tech-Unternehmen starteten in einer Garage. Kreative Ideen sprudelten in diesen Start-ups, obwohl diese „Räume“ alles andere als kreativ designt waren. Wir von Iqudo gingen der Raumfrage 2016 gemeinsam mit der Daimler AG und dem Karlsruher Institut für Technologie (KIT) auf den Grund und befragten 155 Ingenieure. Tatsächlich fanden wir einen tieferliegenden Grund hinter der Bedeutung von kuscheligen Sofas und Rutschbahnen, welche Freiheit im Denken fördert. Mehr noch: Wir entdeckten drei weitere Faktoren für kreatives Denken.

Die Ideenfindungsstudie 3.0

Laut den Mercedes-Benz-Ingenieuren scheint die Raumgestaltung für kreatives Denken gar keine Rolle zu spielen. Sie landete auf dem letzten Platz mit null Prozent der Nennungen. Wichtiger scheint „Verhaltensfreiheit“ zu sein. Diese wurde von 17 Prozent der Befragten genannt. Zuerst aber die Plätze eins bis drei, die kreatives Denken fördern. Das sind: die persönliche Leidenschaft für den Job, inspirierende Kollegen und vom Management geforderte Kreativität.

Was Verhaltensfreiheit bedeutet

In jedem Unternehmen gibt es einen Verhaltenskodex. Dazu gehört ein respektvoller Umgang mit Kollegen. Wutausbrüche oder Nervenzusammenbrüche, wie wir sie in Hollywood-Blockbustern gerne sehen, sind am Arbeitsplatz weniger erwünscht. Mitarbeitende regulieren extreme Gefühle, um den Verhaltenskorridor nicht zu verlassen und die Kolleginnen und Kollegen in ihren durchgetakteten Arbeitsprozessen nicht zu stören. Durch diesen Kodex gibt der Einzelne einen Teil seiner Authentizität auf und damit auch einen Teil seiner autonomen Bedürfnisse. Autonomie ist eng verwoben mit einem natürlichen Erkundungsdrang. Kreative Menschen sind neugierig und haben einen starken Wunsch, Dinge zu verstehen. Um Ideen zu entwickeln, schauen Kreativdenkende in verschiedene Richtungen. Das kann auch bedeuten, dass jemand für zehn Minuten verträumt aus dem Fenster blickt. Aber welche Blicke würde man dann von den Kollegen erhalten? Womit wir wieder bei der Verhaltensfreiheit wären. Es ist gar nicht so wichtig, wie der Raum gestaltet ist, sondern was in den Räumen erlaubt ist. Ein Sofa lädt nun mal zum Mittagsschläfchen ein. Das durfte ich bei Google im Silicon Valley erleben. Im Casino wurde nicht nur gegessen, sondern Billard gespielt und auf den Sofas geschlafen. In einem deutschen Co-Working-Design-Office wurde mir jedoch ein Nickerchen auf den Sofas untersagt.

Daimler AG, Karlsruher Institut für Technologie (KIT), Iqudo

 

Zum kreativen Arbeiten gehört es, seinen eigenen Bedürfnissen zu folgen, um erstens sich wohlzufühlen und zweitens sich zu öffnen. Wer sich physisch geborgen fühlt, getraut sich eher, mental in ein Abenteuer zu stürzen. Da jeder Mensch anders ist, bedarf kreatives Arbeiten einer Vielzahl von verschiedenen Wohlfühl-Atmosphären. Eine Fotografin verwendet während eines Shootings möglicherweise laute Musik, um sich und das Model zu entspannen. Eine Physikerin benötigt vielleicht ein Klavier, um ihre rechte Gehirnhälfte zum Lösen physikalischer Gleichungen zu stimulieren. Der Bestsellerautor Stephen King liebt es, zu lauter Heavy-Metal-Musik zu schreiben. Stellen Sie sich nun einmal die drei im Großraumbüro vor. Dem kreativ-effektiven Arbeiten steht das fokussiert-effiziente Arbeiten gegenüber. Um ein vorgegebenes tägliches Arbeitspensum zu bewältigen, wie 50 bis 100 E-Mails zu beantworten oder mehrere Kalkulationen zu erstellen, bedarf es einer ruhigen und ablenkungsfreien Umgebung.

Wie der Spagat gelingt

Können wir den Widerspruch zwischen kreativ-effektivem Denken und der unternehmerischen Effizienzrealität überhaupt überwinden? Ja! Hier können wir von Kreativagenturen lernen, deren Serviceleistung das Entwickeln von Ideen ist. Agenturen trennen diese unterschiedlichen Arbeitsmodi in eine Kreativabteilung und eine für das Account Management. Die „Kreativabteilung“ eines Unternehmens bezeichne ich als „Bubble“. Wie in einer Seifenblase sind die Grenzen des Verhaltenskorridors hier dehnbar. In diesem „Bubble Space“ könnte es Tischkicker, Playstation, Schaukeln und Sofas geben, die zum Mittagsschläfchen einladen. Und warum nicht auch eine Rutschbahn – der Inbegriff der Verhaltensfreiheit? Die Designelemente sollen signalisieren, dass es erlaubt ist, sich frei zu verhalten. Auch Sport sollte erlaubt sein. Das Gehirn arbeitet auch im Gym. Tatsächlich wirkt sich Bewegung nachweislich positiv auf die Kreativität aus. Lachen übrigens auch.

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