Nachfolger im Gespräch

Gegenseitiger Respekt unabdingbar
Nachfolge bei Heinz-Glas in trockenen Tüchern

Hendrik Fuchs

Mitte des Jahres hat bei der Heinz-Glas & Plastics Group mit Carletta Heinz bereits die 13. Generation das Ruder an der Spitze des Familienunternehmens übernommen. Die Redaktion sprach mit ihr über den Nachfolgeprozess.

Inwieweit gab es von Seiten Ihres Vaters eine gewisse Erwartungshaltung, dass Sie einmal den Familienbetrieb übernehmen werden bzw. aus welchen Beweggründen heraus haben Sie sich für die Nachfolge entschieden?

Mein Vater hat mir diese Entscheidung immer völlig freigestellt. Er selbst musste schon als Kind mit einer sehr starken Erwartungshaltung der Familie fertig werden – vor allem seitens seines Onkels Heinrich. So wollte das mein Vater bei mir nicht angehen und hat mir von Anfang an immer gesagt, dass ich jeden Beruf ergreifen kann, den ich für richtig halte. Als Kind hatte ich, wie andere Kinder auch, natürlich verschiedene Berufswünsche. Es hat sich aber relativ früh herauskristallisiert, dass ich meinem Vater nachfolgen möchte. Schon vor meinem Abitur gab es für mich keine Alternative mehr. Es macht mich stolz, das Lebenswerk meiner Vorfahren und meines Vaters, Carl-August Heinz, fortführen zu dürfen. Natürlich ist die aktuell coronabedingte Zeit nicht einfach und es stehen viele Herausforderungen an. Aber ich bin überzeugt, dass diese bewältigt werden können, wenn wir gemeinsam die richtigen Entscheidungen treffen und zusammenhalten.

Ich möchte das erhalten, was mir übergeben wurde. Ich möchte aber nicht auf dem aktuellen Stand stehenbleiben, sondern das Unternehmen auch weiterentwickeln – die Internationalität unseres Unternehmens vorantreiben und neue Märkte erschließen. Ich strebe zudem Verbesserungen an, beispielsweise in der Produktivität, und möchte das „Wir-Gefühl“ innerhalb der Belegschaft noch weiter stärken. Das sind sicherlich einige Herausforderungen, aber auch Chancen, die ich ergreifen möchte und die mich dazu motiviert haben, die Nachfolge anzutreten.

Wie haben Sie sich auf die Nachfolge vorbereitet?

Mein ganzes Leben habe ich mich auf die Nachfolge vorbereitet, mein Studium danach ausgerichtet. Seit 2013 habe ich Erfahrungen in verschiedenen Abteilungen des Unternehmens in Deutschland und auch an den ausländischen Standorten sammeln können. Und ganz wichtig: Ich habe meinem Vater Carl-August Heinz und erfahrenen Mitarbeitern in unserer Firma zugehört und versucht, möglichst viel von deren Wissen aufzunehmen.

Heinz-Glas stellt unter anderem Glasflakons und Verschlüsse für die Parfüm- und Kosmetikindustrie her.Heinz-Glas
Heinz-Glas stellt unter anderem Glasflakons und Verschlüsse für die Parfüm- und Kosmetikindustrie her.

Wie lief der Nachfolgeprozess konkret ab?

Wie bereits erwähnt, habe ich verschiedene Abteilungen durchlaufen und auch unsere internationalen Standorte besucht, was mir umfassende Einblicke und noch mehr Sicherheit in operativen Abläufen verschaffte. Dabei wurde ich von meinem Vater und erfahrenen Mitarbeitern sehr gut unterstützt. Der Übergang verlief relativ flüssig, ohne harte Schnitte in der Organisation. Es war mir wichtig, unseren Mitarbeitern Sicherheit zu vermitteln und zu kommunizieren, dass ich unser Familienunternehmen weiterführen will – mit einem modernen Führungsstil, aber immer mit der Wahrung unserer Tradition und unserer Werte.

Was ist rückblickend besonders gut gelaufen, was hat Ihnen das Ankommen im Unternehmen erleichtert?

Mein Elternhaus befindet sich auf dem Betriebsgelände – so war ich immer sehr nahe beziehungsweise „mitten drin“ im Firmengeschehen. Mit zwei Jahren saß ich das erste Mal auf dem Schoß von meinem Papa in seinem Büro und habe danach mit ihm meine erste Runde durch die Produktion gemacht. Als Kind war die Firma für mich eher ein Abenteuerspielplatz, jetzt ist es mein Zuhause und mein Hafen. Heute sehe ich die Führung des Unternehmens als eine Berufung und Lebensaufgabe.

Wie hat sich das Unternehmen verändert, seit Sie 2013 an Bord gegangen sind?

Unser Unternehmen und auch unser Produktportfolio ändert sich schon seit 400 Jahren, je nach den Bedürfnissen und Chancen auf dem Glasverpackungsmarkt. Das wird auch weiterhin der Fall sein. Bedürfnisse ändern sich und demnach auch die Produkte. Es wäre fatal, wenn sich ein Unternehmen dem Wandel verschließen und zu lange an Bestehendem festhalten würde. Veränderungen sind natürlich auch in verschiedenen Abläufen und Prozessen durchgeführt worden, unter anderem im Bereich Digitalisierung.

In jüngster Vergangenheit ergaben sich zwangsläufig Veränderungen. Die Corona-Pandemie hat auch bei uns Auswirkungen auf die Absatzmärkte. Hinzu kommen Unsicherheiten, was die Bewältigung der Energiewende und die Energieversorgungssicherheit zu wettbewerbsfähigen Preisen betrifft. Zudem mache ich mir Gedanken, wie man für die Zukunft qualifiziertes Personal gewinnen und halten kann. Auch wenn wir momentan eher zurückhaltend mit Neueinstellungen agieren, müssen wir an später denken. Ich bin überzeugt, es wird auch wieder aufwärts gehen und dann müssen wir auf qualifizierte Fachkräfte zurückgreifen können.

Der Firmenstammsitz des Familienunternehmens im oberfränkischen Kleintettau.Heinz-Glas
Der Firmenstammsitz des Familienunternehmens im oberfränkischen Kleintettau.

Welche konkreten Tipps können Sie jungen Menschen geben, die ebenfalls mit einer Nachfolge im elterlichen Unternehmen liebäugeln?

Eine Nachfolge anzutreten bringt immer Herausforderungen mit sich. Das muss einem bewusst sein und man muss offen damit umgehen. Wichtig ist in meinen Augen, dass jeder diese Entscheidung für sich selbst frei treffen kann. Eine erzwungene Nachfolge ist in meinen Augen keine gute Lösung. Außerdem braucht es klare Regeln zwischen den Generationen. Wann die nächste Generation welche Aufgabe übernimmt, muss geklärt sein und der Abgebende muss das auch so wollen. Gegenseitiger Respekt ist dafür auch ein unabdingbarer Punkt – ebenso, dass man sich gegenseitig zuhört und unterstützt. In unserem Fall zeigt mein Vater mir immer wieder, dass er stolz ist und Respekt davor hat, dass ich die Führung des Unternehmens bereitwillig angetreten habe. Genauso zeige ich ihm, welch großen Respekt ich vor seinen Leistungen habe, dass ich sehr stolz auf ihn bin und dass ich ihm dankbar dafür bin, dass er mir die Firma übergeben hat und ich auf seinem Lebenswerk aufbauen darf.

Kurz vorgestellt

Die Glasmachertradition der Familie Heinz reicht bis ins Jahr 1523, die des Unternehmens Heinz-Glas rund 400 Jahre bis 1622 (in Piesau/Thüringen) beziehungsweise 1661 (in Kleintettau/Oberfranken) zurück. Die Unternehmensgruppe gehört heute mit zu den Weltmarktführern in der Herstellung und Veredelung von Glasflakons und Verschlüssen für die Parfüm- und Kosmetikindustrie. An 16 Standorten in zwölf Ländern erwirtschaften rund 3.300 Mitarbeiter einen Jahresumsatz von  über 300 Millionen Euro.

www.heinz-glas.com