Im Interview

Im Ehrenamt etwas bewegen
DIHK-Vizepräsidentin Breuning im Interview

Hendrik Fuchs

Die Hauptversammlung des Deutschen Industrie- und Handelskammertages (DIHK) hat Ende März die Präsidentin der IHK Region Stuttgart, Marjoke Breuning, zur Vizepräsidentin gewählt. Die Redaktion sprach mit der Familienunternehmerin über das Thema Ehrenamt.

Die Stuttgarter Familienunternehmerin Marjoke Breuning wurde Ende März neue DIHK-Vizepräsidentin.

 Warum ist Ihnen ein Ehrenamt als Familienunternehmerin wichtig?

Ich bin der festen Überzeugung, dass eine Gesellschaft nur über ein gewisses Maß an ehrenamtlicher Arbeit funktioniert. Daher sollte jeder, der die Möglichkeit hat, sich in der Gesellschaft einzubringen, dies auch tun. Dabei spielt es keine Rolle, ob es dabei um etwas Soziales, Religiöses geht oder es sich um ein Engagement im Elternbeirat oder im Verein dreht. Die Gesellschaft braucht Menschen, die die Gesellschaft mit ihrer Leidenschaft, etwas Gutes zu tun, aufrechterhalten. Leider wird das Ehrenamt in Deutschland meiner Ansicht nach zu wenig gewürdigt, bekommt nicht die Aufmerksamkeit, die es eigentlich verdient hätte. Für mich war das einer der Gründe, mich ehrenamtlich zu engagieren – erst einmal im kleinen Rahmen, etwa in einer Stadt-Initiative, im City Marketing und über verschiedene Aufgaben bei der IHK Region Stuttgart. Mit der Zeit wurde dann alles etwas größer. Ich hatte das Glück, mit meiner Schwester im Unternehmen zusammen zu arbeiten. So konnte mein Engagement nach und nach wachsen.

Seit 2017 sind Sie Präsidentin der IHK-Region Stuttgart und seit Ende 2018 auch Vizepräsidentin des Dachverbands der IHKs in Baden-Württemberg (BWIHK). Wo liegen die Schwerpunkte Ihrer bisherigen Engagements?

Grundsätzlich stehen die IHKs für die duale Aus- und Weiterbildung. Wir haben nach wie vor einen enormen Fachkräftemangel und nicht jeder kann studieren. Daher ist es mir besonders wichtig, dass sich junge Menschen in Ausbildungsberufen stärker miteinander vernetzen. Ein weiteres Steckenpferd für mich sind Frauen in den sogenannten MINT-Berufen. Insgesamt geht es auch darum, den Mittelstand gegenüber der Politik gut zu vertreten und zu zeigen, dass es in Deutschland neben Großunternehmen auch einen sehr vitalen Mittelstand gibt. Was mir darüber hinaus besonders am Herzen liegt, ist dem „H“ für Handel im Namen IHK wieder mehr Aufmerksamkeit zu widmen. Ich glaube, das trifft momentan den Nerv der Zeit. Angesichts der Lage in den Innenstädten, der zunehmenden Digitalisierung und der Corona-Pandemie müssen neue Konzepte für den Handel auf den Weg gebracht werden. Auch die IHKs als Arbeitgeber müssen sich den Herausforderungen der heutigen Zeit stellen und unter anderem effizienter sowie digitaler sein.

Wie haben Sie Ihren Weg hin zu Ihrem ersten großen Ehrenamt als IHK-Präsidentin organisiert?

Das Familienunternehmen Maute-Benger führe ich in der sechsten Generation seit knapp 20 Jahren zusammen mit meiner Schwester. Sie hat relativ schnell hintereinander drei Kinder bekommen. Das heißt, es gab eine Zeit, in der sie ihren Fokus vor allem auf ihre Kinder gelegt hatte und ich entsprechend intensiver im Geschäft eingebunden war. Als ihre Kinder größer waren, konnte ich im Gegenzug mein außerbetriebliches Engagement ausweiten, während sich meine Schwester wieder mehr um das Unternehmen kümmerte. Wir arbeiten heute beide im Betrieb weitgehend autark in unseren Bereichen, sind aber so gut miteinander vernetzt, dass wir die Positionen der jeweils anderen jederzeit übernehmen können.

Als junge Unternehmerin, die sich immer schon gerne über den Tellerrand hinaus engagiert hat, habe ich übrigens sehr viel Unterstützung von allen Seiten erfahren. Und natürlich war und bin ich mit meinem mitten in Stuttgart gelegenen Unternehmen über die Branche hinaus bekannt, was das Ganze für mich erheblich erleichtert hat. Dankbar bin ich zudem meinen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, die es betriebsbedingt gewohnt sind, auch ohne meine Schwester und mich im Unternehmen sehr eigenständig zu agieren. Trotzdem haben wir natürlich alle Beschäftigten über mein Engagement informiert und sie mit ins Boot geholt.

Ende März dieses Jahres hatten Sie sich auf die Position der DIHK-Vizepräsidentin beworben – und die Wahl als erste Frau gewonnen. Was verbinden Sie mit dem Amt? Was treibt Sie an, was wollen Sie bewegen?

Da viele politische Entscheidungen für die Wirtschaft auf Bundesebene gefällt werden, habe ich als DIHK-Vizepräsidentin noch einmal ganze andere Möglichkeiten, die Positionen des Mittelstands im Südwesten gegenüber den Verantwortlichen zu kommunizieren und zu vertreten. Wie bereits erwähnt, möchte ich die Aufmerksamkeit für Themen, die vielleicht in den vergangenen Jahren nicht mehr ganz so präsent im DIHK waren, deutlich erhöhen. Das sind der Handel und die Gastronomie, also die zurzeit sehr leidenden Brachen, die wieder eine Stimme finden müssen, aber auch die Themen Frauen und Frauen-Netzwerke.

Wie beurteilen Sie generell das ehrenamtliche Engagement der Unternehmerschaft?

Ich würde schon sagen, dass das ehrenamtliche Engagement von Seiten der Unternehmerinnen und Unternehmer für die IHK Region Stuttgart sehr gut ist. Momentan sind es rund 6.000 an der Zahl, die sich zum Beispiel in der Vollversammlung, den Fachausschüssen oder als Prüferinnen und Prüfer engagieren. Man merkt vielen Unternehmerinnen und Unternehmern ihre Heimatverbundenheit an. Sie wollen von ihrem Erfolg auf diese Weise etwas zurückgeben, fühlen sich durch die IHK gut vertreten. Und wie in der Gesellschaft auch, funktioniert die IHK eben nur, wenn es genügend ehrenamtliches Engagement gibt.

Wo sehen Sie Hürden, die Unternehmerinnen und Unternehmern ein Engagement erschweren? Was muss sich hier eventuell ändern?

Der kritische Faktor ist immer die Zeit. Man muss als Unternehmen schon sehr gut organisiert sein, damit ein ehrenamtliches Engagement möglich ist. Natürlich hängt das stark von der Größe und der Struktur beziehungsweise von der Phase ab, in der sich die Firma befindet. Wenn man über den Faktor Zeit spricht, ist das immer auch eine Abwägung, inwieweit man seine begrenzte Zeit in der Firma, mit der Familie, mit Freizeitaktivitäten oder im Ehrenamt verbringt. Was vielen helfen würde, wäre ein stärkerer Abbau der Bürokratie – also nicht nur für die Unternehmen, sondern auch für das Ehrenamt allgemein. Viele Vereine und Ehrenamtliche ertrinken in Bürokratie, bedingt etwa durch den Datenschutz und die Beantragung von Genehmigungen. Da geht so viel Zeit drauf, die man an anderer Stelle viel sinnvoller einsetzen könnte. Und man muss jetzt natürlich auch für die Frauen und Unternehmerinnen sprechen: Es muss für alle, die arbeiten, eine gute und verlässliche Kinderbetreuung gewährleistet sein. Leider muss man feststellen, dass es in der Corona-Pandemie wieder einen Rückfall in alte Muster gibt und sehr viel bei den jungen Frauen hängenbleibt.

Was empfehlen Sie anderen, die gerne ein Ehrenamt übernehmen wollen?

Im Kleinen anfangen, zum Beispiel im Elternbeirat oder der Nachbarschaftshilfe – einfach mal die Augen aufhalten, wo und an welcher Stelle eventuell Unterstützung gebraucht wird. Was ich selbst immer gerne vermitteln möchte, ist, dass ein Ehrenamt sehr sinnstiftend sein und auch Spaß machen kann. Und man übernimmt mit seinem Engagement eine wichtige Vorbildfunktion in der Gesellschaft.

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