Recht & Steuern
Die News April 2022

Im Spannungsfeld zwischen Pflicht und Strategie

Nachhaltigkeitsberichte als neue Herausforderung

Vom typischen Mittelständler über den lokalen Dienstleister bis hin zum global aufgestellten Automotivkonzern – das Wort "Nachhaltigkeit" ist in aller Munde. Ebenso vielschichtig wie die Bilder, die ein jeder mit dem Wort verbindet, sind auch die inhaltlichen Facetten dieses Themenkomplexes.

Simon Hart
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Geprägt vom Green Deal der Europäischen Kommission und der gesellschaftspolitischen Diskussionen liegt der gedankliche Schwerpunkt sicherlich im Bereich der Klimaneutralität. Wie die Bezeichnungen „Environment Social Governance“ (ESG) und „Corporate Social Responsibility“ (CSR), die oft synonym zum Begriff „Nachhaltigkeit“ verwendet werden, jedoch verraten, geht es thematisch um mehr. Nachhaltigkeit verbindet ökonomische, ökologische und soziale Belange mit der Kultur der Unternehmensführung.

Als großes Ganzes begreifen?

Im nachfolgenden Beitrag sollen neben einem Überblick über die rechtlichen Entwicklungen im Bereich der Nachhaltigkeitsberichterstattung insbesondere auch inhaltliche und strategische Aspekte derselben aufgegriffen werden. Für Unternehmen gilt es abzuwägen: Soll diese Berichterstattung eine reine Erfüllung anstehender gesetzlicher Verpflichtungen sein oder wird die künftig geforderte Nachhaltigkeitsberichterstattung in einen größeren Zusammenhang gestellt? Die Erfahrung zeigt, dass es durchaus zielführend ist, die Verpflichtung der Nachhaltigkeitsberichterstattung mit Aspekten weiterer Stakeholder-Information, der strategischen Unternehmensausrichtung und des Marketings zu verbinden.

KMU wohl bald ebenfalls betroffen

Die rechtlichen Entwicklungen im Bereich der „Nachhaltigkeitsberichterstattung“ sind aktuell durch zwei zentrale Punkte geprägt: Zum einen gibt es den Richtlinienentwurf der EU-Kommission vom April 2021 zur Nachhaltigkeitsberichterstattung. Dieser soll im Laufe des Jahres finalisiert und bis Jahresende in nationales Recht umgesetzt werden. Zum anderen ist da die EU-Taxonomie-Verordnung vom 18. Juni 2020 zur Klassifizierung nachhaltiger Wirtschaftsaktivitäten, die bereits in Kraft getreten ist und die Nachhaltigkeitsberichterstattung ergänzt.

Die Regelungen zur Nachhaltigkeitsberichterstattung sehen insgesamt vor, dass große Kapitalgesellschaften und haftungsbeschränkte Personenhandelsgesellschaften im Sinne des HGB (geplant) für Geschäftsjahre ab 2023 ihren jährlichen Lagebericht um einen Nachhaltigkeitsbericht erweitern müssen. Der bisher geltende Anwendungsbereich der sogenannten CSR-Berichterstattung vergrößert sich in Deutschland damit von derzeit rund 500 kapitalmarktorientierten Gesellschaften auf rund 15.000 Unternehmen. Eine mittelfristige Ausdehnung der Regelungen auf die KMU gilt unter Fachleuten darüber hinaus als sicher.

Breiter und tiefer angelegt

Inhaltlich soll die Nachhaltigkeitsberichterstattung – entlang der Abkürzung ESG – die Themenfelder Umwelt, Soziales und Unternehmensführung abdecken. Dabei ist sowohl zu branchenunabhängigen Punkten, zu branchenspezifischen Gegebenheiten, als auch zu unternehmensindividuellen Aspekten der Nachhaltigkeit Stellung zu nehmen. Inhaltlich geht es im Bereich der Umweltbelange insbesondere um die Themenfelder Klimastrategie, Umweltmanagement, Ressourcenverbrauch und Ressourceneffizienz. Der Bereich der Sozialbelange erfordert beispielsweise Stellungnahmen zu Arbeitsbedingungen und Arbeitsstandards, zum gesellschaftlichen Engagement sowie zur Chancengleichheit und den Menschenrechten. Der Bereich der Unternehmensführung erfordert Informationen zur Compliance und Anti-Korruption, zu Datenschutz und Datensicherheit, zu Hinweisgebermöglichkeiten und zu internen Governancesystemen. Die Ausgestaltung und Schwerpunktsetzung wird hierbei unternehmensindividuell sein.

Die EU-Taxonomie sieht darüber hinaus vor, dass die berichtspflichtigen Unternehmen weiterführende Angaben zu nachhaltigen Wirtschaftsaktivitäten machen. Hierdurch soll der Beitrag zur Erreichung von sechs definierten Umweltzielen messbar gemacht werden. Diese Umweltziele umfassen zum Beispiel den Klimaschutz, die Anpassung an den Klimawandel, die nachhaltige Nutzung und den Schutz von Wasser und Meeresressourcen, die Abfallvermeidung und das Recycling, die Vermeidung und Kontrolle der Umweltverschmutzung sowie den Schutz gesunder Ökosysteme. Dabei sollen die Unternehmensaktivitäten diesen Umweltzielen zugeordnet werden, um dann einzuordnen, ob das Unternehmen kriterienkonform agiert.

Strategische Überlegungen

Hintergrund der skizzierten Neuerungen waren neben der gestiegenen gesellschaftlichen Relevanz und Sensibilität für Nachhaltigkeitsaspekte insbesondere auch Mängel in der Vergleichbarkeit und der Zuverlässigkeit der bisherigen Berichterstattung. Die Neuerungen erweitern und konkretisieren die Nachhaltigkeitsberichterstattung. Die Tiefe der Neuregelung liegt aber auch darin, dass nach Vorstellung und Zielsetzung der EU-Kommission diese nichtfinanzielle Berichterstattung künftig der finanziellen Berichterstattung gleichgestellt werden soll.

Im Hinblick auf die Validität der in eine solche Berichterstattung eingehenden Daten, ist diese Zielsetzung von großer Bedeutung. Während aktuell für diese Daten keine inhaltliche Prüfungspflicht besteht, wird sich dies schrittweise ändern. Der Nachhaltigkeitsbericht als Bestandteil des Lageberichts wird künftig im Rahmen der Jahresabschlussprüfung auch einer inhaltlichen Prüfungspflicht unterliegen. Dies stellt eine Herausforderung dar, für deren Bewältigung den Unternehmen in Anbetracht des oben skizzierten, ambitionierten Umsetzungsplans nicht viel Zeit bleibt.

In Anbetracht des Umfangs der Neuerung stellt sich für Unternehmen aber auch eine weitere strategischen Frage: Der Vertrieb der Unternehmen wird künftig zunehmend mit Fragestellungen rund um die Nachhaltigkeitsthemen konfrontiert werden. Hintergrund ist, dass viele Kunden künftig ebenfalls zu den Themen Umwelt, Soziales und Unternehmensführung Stellung nehmen müssen. Dies erfordert für die Kunden eine entsprechende Betrachtung ihrer Lieferkette. Vor diesem Hintergrund gilt es, sich mit den eingangs aufgeworfenen Fragen zu beschäftigen, inwieweit die Nachhaltigkeitsberichterstattung eine reine Erfüllung anstehender gesetzlicher Verpflichtungen ist. Oder ob es aufgrund der Informationsbedürfnisse der übrigen Stakeholder – etwa der Kunden, aber auch der Arbeitnehmer, der Fremdkapitalgeber und der Öffentlichkeit, sinnvoll ist, diese Berichterstattung in einem eigenständigen Nachhaltigkeitsbericht zu bündeln. Ein solcher eigenständiger Bericht ersetzt zwar nicht die Berichterstattung im Lagebericht, er kann jedoch Grundlage für diese sein. Und mehr: Richtig aufgesetzt bietet er eine valide Sammlung von Daten und Informationen, die nicht mehr anfragespezifisch zusammengetragen werden müssen, sondern ad hoc zur Verfügung gestellt werden können – für interessierte Kunden, für Kapitalgeber, für potenzielle Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer sowie für Marketingzwecke.

www.bansbach-gmbh.de

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