Blickpunkt

Keine Nebensache
Mitarbeitergesundheit präventiv angehen

Ulf Ludwig

Ein Blick in die aktuelle Medienberichterstattung macht aus Unternehmenssicht ein Thema sichtbar, das branchenübergreifend und allgegenwärtig erscheint: den Fachkräftemangel. Dieser trifft die Unternehmen nicht unerwartet, aber dennoch mit erheblicher Wucht. Je schwieriger es wird, neue Fachkräfte zu gewinnen, desto wichtiger wird es, das bestehende Personal an das Unternehmen zu binden, arbeitsfähig und motiviert zu halten.

Die BGM-Spezialisten gehen an jeden einzelnen Arbeitsplatz und geben den Mitarbeitern konkrete Tipps zur Verbesserung der Ergonomie, der Körperhaltung und zum Umgang mit Belastungen.

Die krankheitsbedingten Kosten für Arbeitgeber lagen in Deutschland 2020 bei 74,3 Milliarden Euro – die Kosten durch die Ausfälle der Mitarbeitenden für die Wertschöpfung sind hier nicht berücksichtigt. Rund ein Fünftel der Kranken fehlen zwei Wochen und länger. Verletzungen, Muskel-Skelett-Erkrankungen und psychische Erkrankungen sind laut dem Informationsdienst des Instituts der deutschen Wirtschaft in mehr als der Hälfte der Fälle Ursache der Krankschreibungen. Es ist nicht so, dass diese Erkenntnisse neu wären. Aber viel zu viele Unternehmen werden nicht präventiv tätig. Sie scheuen die Kosten für das Betriebliche Gesundheitsmanagement (BGM) – obwohl die krankheitsbedingten Kosten deutlich höher sind –, kennen die Möglichkeiten des BGM nicht oder setzen auf pauschale und damit oft falsche Maßnahmen. Aus dem regelmäßigen Präventionsbericht der Gesetzlichen Krankenversicherung geht hervor, dass lediglich 16.742 Betriebe in Deutschland gezielt BGM-Maßnahmen einsetzen. Das sind gerade einmal 0,5 Prozent der in Deutschland angesiedelten Unternehmen. Von den 45,2 Millionen Beschäftigten kamen daher auch nur 1,95 Millionen Menschen (4,3 Prozent) in den Genuss von BGM-Maßnahmen, 80 Prozent davon übrigens Frauen. Die Kosten hierfür lagen bei 152 Millionen Euro bei den Krankenkassen und etwa in gleicher Höhe bei den Betrieben. Das sind 0,43 Prozent der Krankheitskosten.

Je komplexer der Arbeitsplatz, desto mehr Aspekte sind zu beachten: Stimmen die Bewegungsspielräume, gibt es einseitige Bewegungsabläufe, sind Entfernungen und Höhen für unterschiedlich große Menschen anpassbar usw. Daher wird alles umfassend getestet.Medical Park
Je komplexer der Arbeitsplatz, desto mehr Aspekte sind zu beachten: Stimmen die Bewegungsspielräume, gibt es einseitige Bewegungsabläufe, sind Entfernungen und Höhen für unterschiedlich große Menschen anpassbar usw. Daher wird alles umfassend getestet.

Bewusstsein für die Wirksamkeit schaffen

Diese Fakten zeigen deutlich, dass enormer Handlungsbedarf besteht. Denn klar ist auch: Während die Betriebe immer schwerer an junge Fachkräfte herankommen, werden die älteren immer öfter und länger krank. Eine Studie des Fürstenberg-Instituts zum BGM im Mittelstand brachte zutage, dass viele Führungskräfte zu wenige Informationen zum Gesundheitszustand der Mitarbeitenden haben. Schlecht qualifizierte BGM-Beauftragte oder Mitarbeiter aus anderen Bereichen organisieren – wenn überhaupt – dann ohne strategische Ansätze Einzelmaßnahmen, die meist keine große Wirkung entfalten, von den Mitarbeitenden schlecht angenommen werden und dann wieder versanden. Und ganz im Ernst: Welcher Bauarbeiter wird von einem BGM-Tag im Jahr Anreize bekommen, etwas für seine Gesundheit zu tun? Gute BGM-Maßnahmen orientieren sich daher an den spezifischen Belastungssituationen in den einzelnen Betrieben und der verschiedenen Arbeits- und Einsatzbereiche der Mitarbeitenden, greifen in den Berufsalltag ein und wirken kontinuierlich und nachhaltig. Aufklärung, Tragehilfen, Umgestaltung von Arbeitsplätzen, Hilfsmittel oder gezielte Gesundheitsprogramme wirken deutlich besser als einmalige Vorträge über gesunde Ernährung und Blutdruckmessungen in der Mittagspause. BGM ist daher auch ein Führungsthema. Und es braucht Multiplikatoren im Betrieb, die mit gutem Beispiel vorangehen, die Kommunikation dazu am Laufen halten und immer wieder nachhaken.

Selbst anpacken und ausprobieren ist die Devise. Und schnell werden Defizite deutlich. Für das Verladen dieser Zeitungspakete empfiehlt die Beraterin das Tragen von Handschuhen.Medical Park
Selbst anpacken und ausprobieren ist die Devise. Und schnell werden Defizite deutlich. Für das Verladen dieser Zeitungspakete empfiehlt die Beraterin das Tragen von Handschuhen.

BGM-Spezialisten einbinden

Das Gute an unserer arbeitsteiligen Gesellschaft ist, dass es auch für das Thema Betriebliches Gesundheitsmanagement und Betriebliche Gesundheitsförderung Spezialisten gibt. Eine solche Spezialistin ist Alin Zinser vom Medical Park St. Theresien in Nürnberg. „Viele Unternehmen, die uns ansprechen, wissen gar nicht so richtig, was sie erwarten können“, erklärt sie. „Dabei können wir gesundheitsfördernde Maßnahmen an nahezu jedem Arbeitsplatz umsetzen. Wir analysieren in einem ersten Schritt das Arbeitsumfeld, die Arbeitsplätze, die Abläufe, die Krankheitsursachen und wie die Mitarbeiter mit der Arbeitsaufgabe umgehen. In einem zweiten Schritt zeigen wir dann Optimierungspotenziale. Dafür gehen wir dorthin, wo Arbeit stattfindet, sind also direkt dran am Mitarbeiter und seinem persönlichen Arbeitsplatz: in Büros, Arztpraxen, Krankenhäusern, Handwerksbetrieben, Logistik- und Industrieunternehmen. Wir gehen auf die Individualität jedes einzelnen Mitarbeiters ein und arbeiten gemeinsam ein maßgeschneidertes Konzept in Bezug auf Ergonomie, Achtsamkeit und Gesundheitsverantwortung aus.“ Tatsächlich sind die meisten Auftraggeber erstaunt, dass das Team von Alin Zinser an den Arbeitsplätzen selbst tätig wird. Nach vorheriger Unterweisung arbeiten die Berater mit und können sich so exzellent in die Arbeitssituation des Mitarbeitenden hineinversetzen. „Den meisten Menschen fallen zum Thema Ergonomie Beispiele ein, die aus dem Büroalltag stammen. Aber wir können einem Bauarbeiter helfen, Rückenschäden vorzubeugen, indem wir ihn lehren, Lasten richtig zu heben oder Entlastungsübungen in den Arbeitsalltag einzubauen. Zustellern der Deutschen Post helfen wir, mit der enormen Belastung durch ihren Job fertig zu werden.“ Es sei erstaunlich, wie unterschiedlich die Belastungen der Zustellerinnen und Zusteller an den verschiedenen Arbeitsstationen seien, so Zinser. Das reiche von der richtigen Einstellung des Fahrersitzes in den Fahrzeugen, über die Beladung der verschiedenen Fahrzeuge bis zum Tragen der einzelnen Postsache. In den Frachtzentren kämen noch Temperatur und Lautstärke hinzu. „Gerade, wenn wir solche Prozesse kontinuierlich begleiten, sehen wir auch die Fortschritte und erfahren von den Mitarbeitenden viel Dankbarkeit.“

Individuelle Konzepte bringen Erfolg

Werden die BGM-Maßnahmen noch durch zielgerichtete Maßnahmen aus der Betrieblichen Gesundheitsförderung (BGF) ergänzt, bietet der Arbeitgeber seinen Mitarbeitenden schon ein ziemlich gutes Gesamtpaket an. Betriebliche Gesundheitsförderung umfasst beispielsweise Kurse, Workshops, Vorträge, Gesundheitskurse, individuelles Coaching, Stressmanagement oder Entspannungsübungen. Die Mitarbeitenden merken sehr schnell, ob die Maßnahmen eher Alibi-Charakter haben, oder sich gezielt um ihre konkreten Themenfelder drehen. Ist Letzteres der Fall, profitieren Belegschaft und Arbeitgeber gleichermaßen. Denn die meisten Mitarbeitenden spüren den Nutzen dieser Maßnahmen und rechnen es dem Arbeitgeber hoch an, dass er solche Maßnahmen finanziert und anbietet. Das steigert Zufriedenheit und Loyalität und senkt den Krankenstand. Und motivierte und gesündere Mitarbeiter erzielen eine höhere Wertschöpfung für das Unternehmen.

Auch an das eigene Team denkt BGM-Spezialistin Alin Zinser. Gesunde Snacks und Teamevents sorgen für gute Kommunikation, Motivation und Zusammenhalt.Medical Park
Auch an das eigene Team denkt BGM-Spezialistin Alin Zinser. Gesunde Snacks und Teamevents sorgen für gute Kommunikation, Motivation und Zusammenhalt.

Staat fördert gezielte Maßnahmen

Apropos Finanzierung: Der Staat fördert BGM und BGF. Der volkswirtschaftliche Hintergedanke dieser Förderung ist, dass gesündere Arbeitnehmer einerseits die Gesundheitsausgaben insgesamt weniger belasten und durch die höhere Wertschöpfung der Staat auch steuerlich profitiert. Wenn man so will, ist Betriebliches Gesundheitsmanagement zusammen mit Betrieblicher Gesundheitsförderung eine Win-win-win-win-Situation, denn Arbeitnehmer, Arbeitgeber, Krankenkassen und Staat profitieren von erfolgreichen Maßnahmen. Insofern ist die Untätigkeit vieler Betriebe in dieser Hinsicht wenig nachvollziehbar, denn mit professioneller Unterstützung ist der Aufwand für Unternehmen gar nicht so hoch. Erfolg werden in Zukunft jedenfalls nur noch jene Firmen haben, die der Ressource „Mensch“ die Aufmerksamkeit schenken, die ihr zusteht.

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