Planen & Führen

Kraftquelle für Familienunternehmen
Private Equity zur Wachstumsbeschleunigung

Thomas Weber

Die Zeit der spektakulären Überschriften scheint vorbei: Wo es einst hieß „Firmenjäger blasen zum Angriff auf den Mittelstand“, wird inzwischen die nützliche Rolle hervorgehoben, die Finanzinvestoren für die Weiterentwicklung von Unternehmen spielen. Gleiches Medium, gleiches Thema, zehn Jahre später: „Jäger? Welche Jäger?“ Fakten tragen die neue Form der Berichterstattung. Private Equity und der Mittelstand – und darin gerade die Familienunternehmen – haben zueinander gefunden. Ein Beispiel aus der Telekommunikationsbranche.

Die Nachfrage nach leistungsfähigen Internetanschlüssen ist hoch. Der Ausbau von Glasfasernetzen ist deshalb attraktiv. Beteiligungsgesellschaften helfen mit ihrer M&A-Erfahrung und Finanzierungsexpertise, neue marktstarke Unternehmen aufzubauen.

Die Geschäftsidee und ihr Potenzial liegen auf der Hand: Der Bedarf an leistungsfähigen Internetanschlüssen wird stark wachsen. Ebenso sicher ist, dass dazu hohe Investitionen nötig sein werden – Investitionen in ein Glasfasernetz, über das immer größere Datenmengen an Privathaushalte und Unternehmen fließen können. Dieses Netz würde langfristig verfügbar und eine attraktive Erlösquelle sein. Alexander Lucke, der 1998 die „DNS:Net Internet Service GmbH“ (DNS:Net) gegründet hatte, will die Marktchancen nutzen: 2010 hatte das Unternehmen begonnen, in den Breitbandausbau in prosperierenden Regionen im Umland von Berlin zu investieren. 2013 bedient es von der Hauptstadt aus neben Banken, Technologie- und Medienunternehmen schon mehr als 5.000 Privatkunden mit Telekommunikations- und IT-Dienstleistungen auf Basis einer eigenen Glasfaser-Infrastruktur. Nun gibt es im Flächenland Brandenburg weitere Gebiete für den Netzausbau zu erschießen. Anbieter können sich bewerben. Ein großer Kundenzuwachs ist möglich.

Zunächst gilt es jedoch, in Vorleistung zu treten. Elf Millionen Euro Umsatz erzielt das Unternehmen damals, die Planung sieht Investitionen von 40 Millionen Euro für die nächsten vier Jahre vor. Das Cash-Flow-Profil eines solchen Geschäftsmodells ist für ein kleines Unternehmen wie DNS:Net nicht finanzierbar. Es dauert, bis die ersten Erlöse fließen. Die Investitionen müssen davor in kurzer Zeit erfolgen: Wer eine Region als erster mit seinem Netz erreicht, erschließt Region und Potenzial für sich. Für weitere Anbieter ist ein eigenes Netz dann kaum noch attraktiv.

Knackpunkt Eigenkapital

Um investieren und rasch wachsen zu können, ist eine Vervielfachung des Eigenkapitals nötig. Die Ausschreibungen verlangen eine belastbare Bilanz. Auch später binden Banken Kredite an eine starke Eigenkapitalbasis und eine finanzkräftige Gesellschafterstruktur. Unternehmensgründer Lucke lässt eine Corporate-Finance-Boutique nach einem Eigenkapitalinvestor suchen – und lernt die Deutsche Beteiligungs AG kennen. Deren Erfahrungen mit dem Geschäftsmodell aus einer anderen Beteiligung kommen dem Unternehmen zugute. Fünf Millionen Euro werden in einem ersten Schritt kapitalerhöhend investiert; später folgen zehn Millionen Euro und schließlich 2019/2020 nochmals 20 Millionen Euro zinstragende Instrumente für eine weitere Beschleunigung des Wachstums.

Hohe Investitionen als Vorleistung, um langfristig attraktive Erlösquellen zu erschließen: Ein finanzstarker Investor hilft, das Wachstum zu beschleunigen.DNS:Net
Hohe Investitionen als Vorleistung, um langfristig attraktive Erlösquellen zu erschließen: Ein finanzstarker Investor hilft, das Wachstum zu beschleunigen.

An der Spitze dank Kapitalspritze

Nicht zuletzt dank dieses Wachstumskapitals konnte DNS:Net seither 75 Millionen Euro investieren und ist heute der zweitgrößte Anbieter sogenannter VDSL-Anschlüsse in Brandenburg. Außerdem ist das Unternehmen führend im Anschluss von Neubau-Wohnimmobilien in Berlin an das eigene Glasfasernetz. Der künftige Standard lautet Fibre to the Home (FttH): Die Glasfaser endet erst an der Dose in der Wohnung. Dieser Anschluss ist deshalb im Hinblick auf Leistungsfähigkeit die bestmögliche Breitband-Verbindung. Zum Jahreswechsel 2020/2021, sieben Jahre nach der ersten Kapitalzuführung, können mehr als 160.000 Haushalte mit Internet, Telefon und Fernsehen versorgt werden.

Der nächste Expansionsschritt ist genau definiert: Bis 2030 wird das Unternehmen 2,5 Milliarden Euro in FttH-Anschlüsse für mehr als 1,2 Millionen Wohn- und Geschäftseinheiten investieren. Dafür wurde ein neuer Gesellschafter gefunden: Die britische „3i Infrastructure plc“ hat im April 2021 die Anteilsmehrheit erworben. Alexander Lucke bleibt mit 40 Prozent beteiligt und wird sein Unternehmen zusammen mit seinem Managementteam weiterführen.

Finanzinvestoren immer gefragter

DNS:Net ist kein Einzelfall. Inzwischen betrachten mehr als 83 Prozent der deutschen Familienunternehmen Private Equity als Finanzierungsalternative. In jedem zwanzigsten Unternehmen des gehobenen Mittelstands (Umsatz zwischen 15 und 500 Millionen Euro jährlich) ist die Beteiligung eines Finanzinvestors Realität. Doch Beteiligungsgesellschaften sind mit ihrem Kapital nicht nur eine bedeutende Kraftquelle. Sie wirken auch daran mit, Lösungen für Ereignisse und Anforderungen zu finden, die außerhalb des normalen Geschäftsbetriebs oder auf der Ebene der Familiengesellschafter liegen. Typische Anlässe für eine Eigenkapitalbeteiligung sind Restrukturierungen der Passivseite der Bilanz und zu geringe Eigenkapitalquoten – etwas, das nach der COVID-19-Pandemie an Bedeutung gewinnen wird. Eine Unternehmensnachfolge, womöglich verbunden mit der Auszahlung anderer Familienmitglieder, kann ebenso Eigenkapitalbedarf auslösen wie ein Gesellschafterwechsel zum Herauskauf eines Familienstamms.

Dass Finanzinvestoren einen messbaren Wertbeitrag leisten, ist ohnehin akzeptiert. Schon 2017 äußerten mehr als 70 Prozent der befragten Familienunternehmen gegenüber dem Beratungshaus PwC, dass Finanzinvestoren Unternehmen operativ verbesserten und die Gesamtleistung steigerten. Der Imagewandel zeigt sich auch im Transaktionsgeschehen: Wurden bis vor fünf Jahren Unternehmen aus Familienhand nur ausnahmsweise an Private Equity veräußert, steckt inzwischen hinter mehr als jedem zweiten Management-Buy-out im Mittelstand der Verkauf eines Familienunternehmens an einen Finanzinvestor. Auch als Minderheitsgesellschafter werden Beteiligungsgesellschaften wichtiger: Zwischen 2011 und 2015 investierten sie rund 950 Millionen Euro jährlich in Deutschland; 2016 bis 2020 war es bereits nahezu doppelt so viel.

Kurz vorgestellt

Die Deutsche Beteiligungs AG initiiert geschlossene Fonds, die in das Eigenkapital oder eigenkapitalähnliche Instrumente nicht börsennotierter Unternehmen investieren. Investoren der Fonds sind zum Beispiel Pensionsfonds oder Versicherungen. Die DBAG berät die Fonds: Sie sucht und prüft Beteiligungsmöglichkeiten, um dann die Transaktionen zu strukturieren. Mit Mitteln aus ihrer Bilanz co-investieren die Spezialisten an der Seite der Fonds, gehen aber auch eigenständige Beteiligungen ein, etwa dann, wenn diese – zum Beispiel wegen der vorgesehenen Haltedauer von sieben Jahren und länger – nicht zur Anlagestrategie eines Fonds mit einer festen Laufzeit passen. Der Fokus liegt auf mittelständisch geprägten Unternehmen, vor allem in Deutschland. Mit den Geschäftsmodellen und Märkten dieser Unternehmen beschäftigt sich die DBAG zum Teil seit Jahrzehnten: Einen Schwerpunkt bildet dabei die Industrie. Ein zunehmender Anteil der Eigenkapitalbeteiligungen entfällt auf Unternehmen in den Wachstumssektoren Breitband-Telekommunikation, IT-Services/Software und Healthcare. Seit ihrer Gründung 1965 hat sie gut 300 Unternehmen Eigenkapital zur Verfügung gestellt. Gegenwärtig hält die DBAG 32 Beteiligungen; über die DBAG-Fonds und aus ihrer Bilanz stehen ihr 2,5 Milliarden Euro an anlagebereitem Kapital zur Verfügung. Die Aktie der Gesellschaft ist an der Frankfurter Wertpapierbörse notiert, und zwar im Prime Standard, dem Marktsegment mit den höchsten Transparenzanforderungen.

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