Blickpunkt

Mit Rückgrat in die Zukunft
Wenn die Führung Externen anvertraut wird

Dr. Marc Konieczny und Dr. Marc Viebahn

Das Zusammenspiel von externen Top-Führungskräften mit den Eigentümerfamilien von Familienunternehmen ist ein weites Feld. Oft genug gelingt es gut – zuweilen scheitert es. Die neu gegründete Stewardship-Gesellschaft nimmt sich dieses Themas an.

Thomas Pohlmann führte 25 Jahre lang in zweiter Generation sein Familienunternehmen und machte es zum europäischen Marktführer in der Elektroindustrie mit einem Umsatz von 700 Mio. Euro p. a. und 4.000 Beschäftigten. Doch der Vollblutunternehmer hatte noch höhere Ziele: Die Pohlmann GmbH sollte innerhalb von fünf Jahren den Umsatz durch weltweite Akquisitionen verdoppeln. Für diese gewaltige Aufgabe plante er die Übergabe der Führung des Unternehmens an einen international versierten, familienexternen Geschäftsführer, zumal keines seiner beiden Kinder zur Verfügung stand.

Beziehung zur Familie aktiv aufbauen

„Kann ein externer Manager meinen Ansprüchen gerecht werden und kann ich einem Fremden mein Unternehmen anvertrauen?“ Das Störgefühl, das Pohlmann hatte, teilen viele Unternehmerinnen und Unternehmer. Das ist verständlich, denn Fremdmanagement impliziert schon vom Begriff her Distanz – dabei geht es doch in der Zusammenarbeit um Vertrauen und Verbundenheit. Pohlmann bringt es heute, fünf Jahre später, auf den Punkt: „Ich wollte keinen Fremdmanager, sondern den Manager meiner Wahl. Ich suchte einen Wahlmanager.“ Mit Johanna Jensen fand er diese Persönlichkeit, die das Unternehmen erfolgreich zu einem Global Player machte. Fragt man sie heute nach den besonderen Anforderungen in einem Familienunternehmen, dann sagt sie: „Ich bilde die Brücke zwischen Unternehmen und Inhaber. Dazu muss ich aktiv eine Beziehung zur Eigentümerfamilie aufbauen und sowohl Empathie als auch Rückgrat beweisen.“

Oft hoher Identifizierungsgrad

Die Pohlmann GmbH gibt es nicht, sie ist eine fiktive Geschichte. Aber die Situation, die dieses Beispiel beschreibt, kommt in der Realität so oder ähnlich regelmäßig vor. Wenn ein Familienunternehmen an Größe gewinnt oder die Nachfahren kein Interesse am Unternehmertum haben, stellt sich die Frage nach der Führung durch Manager, die nicht aus der Familie kommen. In den Medien werden dabei meist nur die Fälle präsentiert, in denen die Nachfolge alles andere als reibungslos abläuft – ob bei Knorr-Bremse oder der Unternehmensgruppe Theo Müller. Dabei gibt es weitaus mehr erfolgreiche Fälle, in denen Familienmitglieder und Familienexterne gemeinsam als „gemischtes Team“ die Geschicke eines Unternehmens lenken. Diese Wahlmanager identifizieren sich in einem hohen Maße mit den Unternehmen und stimmen in ihrer langfristig orientierten Strategie mit den Gesellschaftern überein. In der Wissenschaft wird dieses Zusammenspiel als „Stewardship“ beschrieben.

Neues Netzwerk gegründet

In diesem Geiste haben sich Ende 2021 familienexterne Geschäftsführer sowie Beiräte namhafter Familien- und Stiftungsunternehmen zusammengefunden, um mittels eines neuen Netzwerks die Zusammenarbeit innerhalb von Familienunternehmen weiter zu verbessern: Die Stewardship-Gesellschaft war geboren. Der Bedarf nach einer solchen Plattform zeigte sich gleich beim ersten Treffen im März 2021, denn schnell war klar, dass über Branchen und Unternehmensgrößen hinweg die Herausforderungen von Wahlmanagern vergleichbar sind. Im Mittelpunkt steht dabei immer wieder das Spannungsfeld zwischen den Interessen des Unternehmens und den Vorstellungen der Familie. Dabei setzt die Stewardship-Gesellschaft drei Schwerpunkte:

  • Sie generiert neue Erkenntnisse im Hinblick auf die spezifischen Belange externer Top-Führungskräfte und Beiräte;
  • Sie schafft einen vertraulichen Raum für den Austausch untereinander und die Diskussion mit der Unternehmerseite;
  • Sie hat sich zum Ziel gesetzt, nachhaltig zu wirken, indem sie ihre Erkenntnisse in die Praxis überführt.

Wissenschaft und Organisationen im Bereich der Familienunternehmen fokussieren sich aktuell fast ausschließlich auf die Unternehmen und Unternehmer. Die Stewardship-Gesellschaft möchte hingegen das Management als Schnittstelle zwischen Eigentümer und Unternehmen in den Mittelpunkt rücken und hier neue Erkenntnisse generieren. Diese sind dann der Auftakt für den Austausch zwischen den Führungskräften und insbesondere auch mit der Gesellschafterseite. Die Stewardship-Gesellschaft bietet den familienunternehmensspezifischen Themen ein Forum und fördert explizit die Interaktion mit allen Beteiligten. Denn schließlich dient es nicht dem Selbstzweck, sondern dem Ziel, eine langfristige Wirkung zu erzielen, Familienunternehmen zu stärken und noch erfolgreicher zu machen.

Breites Themenspektrum

Interessante Themen und Fragestellungen, die durch die Stewardship-Gesellschaft behandelt werden müssen, gibt es genug. Dazu gehört die Zusammenarbeit in gemischten Geschäftsführungsteams oder der Wechsel einer Führungskraft von einem klassischen Konzern in ein Familienunternehmen. Darüber hinaus besteht bei den familienexternen Führungskräften ein Interesse an einer kurzfristigen, anlassbezogenen Unterstützung. Das zeigte sich auch gleich zu Beginn der Militäroffensive Russlands in der Ukraine: Auf Initiative des Vorstandsvorsitzenden eines internationalen Familienunternehmens mit großen Produktionen in Russland fanden sich innerhalb der Stewardship-Gesellschaft in nur einem Tag acht Kollegen zusammen, die vor ähnlichen Herausforderungen standen. Grundvoraussetzung für die Teilnahme an solchen Gesprächsrunden ist dabei die Verpflichtung zu den „Chatham House Rules“: Die Identität der Teilnehmer wird über den Gesprächskreis hinaus nicht offengelegt.

Dr. Marc Konieczny (l.) und Dr. Marc Viebahn (r.) sind Initiatoren der Stewardship-Gesellschaft und Campus-Autoren von Wahlmanagement gewinnt: Passgenaue Führung für Familienunternehmen sowie geschäftsführende Gesellschafter der auf Familienunternehmen und Family Offices fokussierten Düsseldorfer Personalberatung Interconsilium.Interconsilium
Dr. Marc Konieczny (l.) und Dr. Marc Viebahn (r.) sind Initiatoren der Stewardship-Gesellschaft und Campus-Autoren von Wahlmanagement gewinnt: Passgenaue Führung für Familienunternehmen sowie geschäftsführende Gesellschafter der auf Familienunternehmen und Family Offices fokussierten Düsseldorfer Personalberatung Interconsilium.

Kodex für Management jenseits der Familie

Die Stewardship-Gesellschaft arbeitet nicht nur still im Hintergrund. Das erste öffentliche Arbeitsergebnis ist der im Jahr 2021 erarbeitete Kodex der Unternehmensführung von Familienunternehmen. 16 familienexterne Top-Manager sowie Beiräte haben in fünf Leitlinien ein gemeinsames Selbstverständnis ihrer Tätigkeit formuliert:

  • „Wir sichern den langfristigen Erfolg des Unternehmens.“
  • „Wir sind die Brücke zwischen Eigentümern und Unternehmen.“
  • „Wir setzen uns für eine professionelle Governance ein.“
  • „Wir bewahren unsere Unabhängigkeit.“
  • „Wir agieren verantwortungsbewusst.“

Der neue Kodex schließt eine Lücke. Während die Kodizes der Familien beziehungsweise Familiencharten naturgemäß die Eigentümerfamilie in den Mittelpunkt rücken und der Governance-Kodex für Familienunternehmen die formale Governance der Unternehmen darstellt, formuliert der neue Kodex der Unternehmensführung der Stewardship-Gesellschaft das Selbstverständnis des Managements jenseits der Familie. Dabei macht er den besonderen Kern der familienexternen Führung greifbar und liefert so auch belastbare Kriterien für die Auswahl neuer Geschäftsführer.

Die Stewardship-Gesellschaft stößt auf großes Interesse von allen Seiten: Familienexterne Führungskräfte finden hier Inhalte, Netzwerk und Austauschmöglichkeiten; Inhaber und Beiräte loben die aktive Auseinandersetzung mit dem Thema und das Vorhandensein gleichgesinnter Ansprechpartner. Damit nähert die Gesellschaft sich dem Ziel, dass sie sich langfristig gesetzt hat: durch den verbesserten Austausch zwischen Eigentümerfamilien und ihren externen Führungskräften diese Unternehmen langfristig erfolgreich zu machen und letztlich die deutsche Wirtschaft zu stärken.

www.stewardship-kodex.de