Blickpunkt

Moralische Bandbreite definieren
Familienverfassung erleichtert Miteinander

Hendrik Fuchs

Das Familienunternehmen Dreßler Bau aus Aschaffenburg kann auf eine über 100-jährige Geschichte zurückblicken. Um das Unternehmen für die Zukunft fit zu machen, hat die Unternehmerfamilie kürzlich eine Familienverfassung auf den Weg gebracht. Im Interview gibt Geschäftsführer Hubertus Dreßler einen Einblick in den Erarbeitungsprozess.

Das Familienunternehmen Dreßler Bau hat sich unter anderem im Gewerbe- und Logistikbau einen Namen gemacht. Links ist die Zentrale des Familienunternehmens und rechts das neue Gebäude des Versicherers Axa zu sehen.

Warum hat sich Ihre Familie dazu entschieden, gerade in diesem Jahr eine Familienverfassung zu erstellen?

Weil der Generationswechsel bei uns mit großen Schritten weiter voranschreitet. Mein Vater und mein Onkel sind bereits seit einigen Jahren aus der Geschäftsleitung ausgeschieden und 2012 in den neu gegründeten Aufsichtsrat gewechselt. Dafür bin ich 2012 in die Geschäftsführung berufen worden und seitdem der einzige Gesellschafter in der Geschäftsführung. Mit Vollendung des 80. Lebensjahrs scheidet demnächst mein Vater aus dem Aufsichtsrat aus. Neben mir gibt es noch weitere Familienmitglieder der vierten Generation, die im Unternehmen tätig sind, aber keine geschäftsführende Rolle innehaben. Mir war wichtig, dass wir vor dem vollständigen Austritt der Väter und eventuellen Eintritt der 5. Generation ins Unternehmen rechtzeitig gemeinsam klare Regeln aufstellen, die die Kommunikation der Generationen regelt und deren Wünsche und Pflichten klar beschreibt. Momentan sind wir noch fünf Gesellschafter, aber in nicht allzu ferner Zukunft werden wir wahrscheinlich bereits zehn oder noch mehr Gesellschafter sein. Darauf müssen wir uns vorbereiten und für den Umgang miteinander eine moralische Bandbreite definieren. Ein weiterer wichtiger Punkt ist, dass sich Familienmitglieder der fünften Generation nicht mehr so gut kennen und die Gefahr einer zunehmenden Entfremdung besteht. Die gemeinsame Erarbeitung der Familienverfassung durch die vierte Generation war also eine gute Gelegenheit, der zunehmenden Entfremdung entgegenzuwirken, sich besser kennenzulernen und zu erfahren, was jedes einzelne Familienmitglied von der Familie und dem Unternehmen erwartet.

Die Familienverfassung soll die Basis dafür bilden, dass es uns auch in Zukunft gelingen wird, die Bedürfnisse der Familie und des Unternehmens zu vereinbaren. Die Kommunikation im Dreieck Gesellschafter – Unternehmen – Familie ist dabei ein wesentlicher Faktor. Um potenzielle Schwierigkeiten oder Unstimmigkeiten in dieser Kommunikation vorzubeugen, haben wir uns dazu entschlossen, Erwartungshaltungen und Pflichten der verschiedenen Interessensgruppen transparent darzustellen. Somit ist es allen Beteiligten möglich, sich mit den Chancen und Risiken unserer Systeme „Gesellschafter“, „Familie“ und „Unternehmen“ auseinanderzusetzen – genau hier soll unsere Familienverfassung einsetzen.

Das Familienunternehmen Dreßler Bau wird heute in vierter Generation von Hubertus Dreßler geführt.Dreßler Bau
Das Familienunternehmen Dreßler Bau wird heute in vierter Generation von Hubertus Dreßler geführt.

Welche Punkte waren Ihnen und Ihrer Familie im Zusammenhang mit einer Familienstrategie besonders wichtig?

Dass wir in der gemeinsamen Erarbeitung herausfinden, wie sich jeder Einzelne sieht und wie wir zueinanderstehen. Nachdem dem Ausscheiden meines Onkels ist meine Cousine seit kurzem Mitglied im Aufsichtsrat, mein Bruder ist in der Personalentwicklung tätig. Meine beiden Cousins sind nicht im Unternehmen. Aus dieser Konstellation heraus resultieren unterschiedliche Perspektiven auf unser Unternehmen. Ein für mich sehr wichtiger Punkt war es, dass im Hinblick auf die nachfolgenden Generationen beschrieben wird, welche Voraussetzungen ein Familienmitglied erfüllen muss, wenn es im Unternehmen tätig werden möchte. Hierfür haben wir messbare Kriterien unter dem Aspekt „Kompetenz vor Blut“ festgelegt. Dies wurde durch die Unterzeichnung der Familienverfassung durch die Familienmitglieder bereits verabschiedet. Jede Familie hat mit den zeichnungsberechtigten Kindern, sie müssen das 18. Lebensjahr vollendet haben, über die Familienverfassung im Vorfeld gesprochen.

Wie empfanden Sie den Erarbeitungsprozess an sich? Was hat Sie beeindruckt, überrascht beziehungsweise was hat sich im Nachhinein als sehr schwierig erwiesen?

Wir haben das Glück, dass wir zwei harmonische Familienstämme sind. Mich hat der Respekt untereinander beeindruckt, wie wir eine Atmosphäre geschaffen haben, in der jeder seine Positionen, Lebensziele, aber auch seine Ängste offen kommunizieren konnte. Diese Offenheit war extrem wichtig – nur so sind wir zu einem Ziel gekommen, hinter dem alle stehen. Rückblickend hat mich das gute Miteinander auch ein Stückweit überrascht, denn einige Familienmitglieder sehen sich lediglich einmal im Jahr bei der Gesellschafterversammlung. Als schwierig erwiesen hat sich, dass ich der Einzige bin, der operativ tätig ist und einen sehr tiefen Einblick ins Unternehmen und die innerbetrieblichen Vorgänge hat. Mir kam daher eine moderierende Rolle zu, in der ich den anderen Familienmitgliedern erklären musste, wie bestimmte Dinge funktionieren, wo welche Risiken und Chancen für das Unternehmen liegen.

Neben einer Familienverfassung haben Sie auch ein Gesellschafter-Positionspapier auf den Weg gebracht…

Richtig, während die Verfassung das Wertemanagement, die Rituale, Pflichten und Schranken für die Gesellschafter beschreibt, gibt das Positionspapier vor, was die Gesellschafter von der Geschäftsführung und Aufsichtsrat erwarten. Das Positionspapier soll die Erwartungen der Gesellschafter an die Führung des Unternehmens deutlich machen und dem Aufsichtsrat eine Orientierung für seine verantwortungsvolle Kontrollfunktion geben. Unter anderem betrifft das zum Beispiel das Berichtswesen. Bisher war es üblich, dass die Gesellschafter pro Quartal Zahlen bekommen, an den sie sehen können, in welche Richtung sich das Unternehmen entwickelt. Künftig ist ein ausführlicher Bericht geplant, in dem neben den Zahlen verschiedene Themen wie Trends und Entwicklungsmöglichkeiten aufgegriffen werden sollen. Hinzu kommt eine Art Strategie-Forecast für ein, drei und sieben Jahre. Daneben ist im Positionspapier aber auch aufgeführt, welche Rolle und Aufgaben der Aufsichtsrat erfüllen und wie dieser zusammengesetzt werden soll. Ein weiteres Thema ist die generelle Mitarbeit von Familienmitgliedern im Unternehmen.

Die Erstellung einer Familienverfassung und eines Positionspapiers ist das Eine, das Leben im Alltag das Andere. Wie wollen Sie bei der Umsetzung der Inhalte vorgehen? Wer kümmert sich darum?

Für die Umsetzung der Inhalte bin ich größtenteils verantwortlich, da ich Familienmitglied und Geschäftsführer in einer Person bin. Ich werde jetzt die Themen aufarbeiten und implementieren, die wir in der Verfassung festgeschrieben haben, wie etwa einen erhöhten Informationsfluss und rechtzeitige Vorschläge zur Gewinnausschüttung. So werde ich anhand einer Agenda die Punkte nach und nach abarbeiten – das ist der Plan. Meine im Aufsichtsrat tätige Cousine wird sich unter anderem künftig um die Organisation der jährlichen Familientreffen kümmern.

Inwieweit wurden die Inhalte der Verfassung auch gegenüber den Mitarbeitern kommuniziert?

Die Inhalte einer Familienverfassung sind etwas sehr Privates. Darüber haben wir im Detail mit unseren Mitarbeitern nicht gesprochen. Dennoch ist es wichtig zu kommunizieren, dass wir eine Familienverfassung erstellt haben. So habe ich dies in meiner Rede zur Eröffnung unserer neuen Unternehmenszentrale klar beschrieben. Die vierte Generation steht hinter dem Unternehmen Dreßler Bau und stellt die Weichen für die nächsten Generationen.

Welche abschließenden Tipps können Sie anderen Unternehmerfamilien geben, wenn es um die Erarbeitung einer Familienstrategie geht?

Bevor man sich mit der ganzen Unternehmerfamilie zusammensetzt, sollte jeder für sich selbst in Ruhe überlegen, welche Erwartungen er an das Unternehmen hat und wie die eigene Lebensplanung für die nächsten fünf bis 20 Jahre aussieht. Mein zweiter Tipp: Im Erarbeitungsprozess einer Familienverfassung sind Respekt, Offenheit und das Zuhörenkönnen oberstes Gebot. Dieses fördert den offenen respektvollen Umgang, insbesondere bei schwierigeren Themen. Ohne einen externen Moderator kann ich mir die Erstellung einer Familienverfassung nicht vorstellen. Bei uns war dies Weissman & Cie, die die Erstellung der Verfassung professionell betreut haben. Und last but not least empfehle ich jeder Familie, gemeinsam einen Zeitplan für die Erstellung der Verfassung zu vereinbaren, damit sich das Ganze nicht zu sehr die Länge zieht.

www.dressler-bau.de