Energie & Umwelt
Die News Dezember 2022

Ökologisch verträglich – ökonomisch einträglich

Genossenschaften als ideale Rechts- und Unternehmensform

Mittelständisch geprägte Landwirtschaft befindet sich im Spannungsfeld zwischen Versorgungssicherheit und Nachhaltigkeit. Ein Wettstreit über vermeintlich wichtigere oder unwichtigere Ziele darf es nicht geben.

Dr. Roman Glaser
Lesezeit: ca. 4 Minuten
Andrii Yalanskyi / shutterstock.com

Für die Verbraucherinnen und Verbraucher sind die Erzeuger von Lebensmitteln nur selten sichtbar. Die Regale im Supermarkt sind gut bestückt, doch wer das Obst, Gemüse, Fleisch, den Wein oder die Milch hergestellt hat, ist nicht ersichtlich. Das ist bedauerlich, weil dadurch oft in Vergessenheit gerät, dass die Land- und Ernährungswirtschaft stark von mittelständischen Unternehmen und kleineren Familienbetrieben geprägt ist – insbesondere in Baden-Württemberg. Hier ist festzuhalten, dass viele landwirtschaftliche Betriebe in Genossenschaften organisiert sind, die von knapp 100.000 Einzelmitgliedern getragen werden. Damit sind es eben auch kleine und mittlere Unternehmen, die einen wichtigen Beitrag zur Ernährungssicherheit in Deutschland leisten und gleichzeitig den viel zitierten Transformationsprozess in der Landwirtschaft vollziehen müssen.

Tiefgreifender Veränderungsprozess

Seit Jahren befindet sich die Landwirtschaft in einem tiefgreifenden Veränderungsprozess hin zu mehr Tierwohl (etwa indem Ställe entsprechend umgebaut werden) sowie zu mehr Klima- und Umweltschutz. Dies ist ohne Zweifel wichtig und richtig. Bei allen politischen wie gesellschaftlichen Forderungen muss jedoch klar sein: Hierbei dürfen die Landwirtinnen und Landwirte nicht allein gelassen werden. Die konsequente Weiterentwicklung der Agrar- und Ernährungswirtschaft zu mehr Nachhaltigkeit ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe, an der alle mitarbeiten müssen: Landwirtschaft, Politik, Handel sowie Verbraucherinnen und Verbraucher.

Die Herausforderungen für die Landwirtschaft sind aktuell so hoch und so vielfältig wie selten. Die Höfe und Genossenschaften sehen sich einer Häufung von Krisen in nicht bekanntem Ausmaß gegenüber. Es verdient größten Respekt, wie sie sich den Herausforderungen stellen, und ihrer Verantwortung, die Bevölkerung mit Nahrungsmitteln zu versorgen, gerecht werden. Denn zu den seit Jahren bekannten und politisch wie gesellschaftlich nicht gelösten Aufgabenstellungen im Zuge des Transformationsprozesses kommen die Corona-Pandemie und seit Februar 2022 die Folgen des Kriegs Russlands in der Ukraine dazu: Hohe Energiepreise, gestörte Lieferketten, die massive Verteuerung der Betriebsmittel, Unsicherheiten bezüglich der Verfüg- und Bezahlbarkeit von Dünge- und Pflanzenschutzmitteln können exemplarisch genannt werden. Und über allem steht die bis heute nicht gänzlich beantwortbare Frage: Wird es während des gesamten Winters genügend Gas geben und wie sind die finanziellen Entlastungen für Bevölkerung und Unternehmen konkret ausgestaltet?

Enormer Erdgasverbrauch

Was viele nicht wissen: Die Nahrungs- und Futtermittelhersteller sind der zweitgrößte Erdgasverbraucher der deutschen Industrie. Sie benötigen 35 Milliarden Megawattstunden (MWh) Erdgas pro Jahr. Der Gesamt-Energieverbrauch (neben Gas auch Strom, Mineralöl und Kohle) der Branche liegt bei 59,1 Milliarden MWh. Damit ist der prozentuale Anteil an Erdgas am höchsten unter allen verbrauchsstarken Industriezweigen. Zur Einordnung: Die chemische Industrie benötigt die größten Mengen an Energie (304,7 Mrd. MWh) und auch an Erdgas (119,8 Mrd. MWh) – dies entspricht 36,9 Prozent des in ganz Deutschland von der Industrie benötigten Erdgases. Dabei wird Erdgas durch die chemische Industrie nicht nur energetisch genutzt, sondern dient zu mehr als einem Drittel als Ausgangsstoff für die Herstellung chemischer Produkte wie etwa Düngemittel.

Bis zu 90 Prozent des Gasverbrauchs bei ländlichen Genossenschaften fallen in der Produktion an: Gas wird gebraucht für Heißwasser und Dampferzeugung in der Produktion von Milch und Fleisch, für die Trocknung von Getreide, Mais und zur Haltbarmachung von Kartoffelstärke, sowie für die Herstellung von Futtermitteln oder Wein. Einsparmöglichkeiten sind bei gleicher Produktqualität und -menge kaum vorhanden. Getreide kann unter Umständen mit minimal höherer Feuchtigkeit gelagert werden. Mais würde jedoch – um ein Beispiel zu nennen – ohne Trocknung verderben. Genauso wären die zeitkritische Verarbeitung von Milch und Fleisch oder die Herstellung von Futtermitteln und Wein mit weniger Energie nicht möglich oder würden zu Qualitätseinbußen führen. Vor diesem Hintergrund wird deutlich: Die Landwirtschaft ist auf eine schnelle Entlastung bei den Energiekosten angewiesen.

Herausforderung Verbraucherpreise

Neben der Frage nach Verfüg- und Bezahlbarkeit von Energie treibt die Landwirtschaft noch eine weitere Unbekannte um: Welche Auswirkungen werden die Inflation und die steigenden (Lebensmittel-)Preise auf das Kaufverhalten der Bürgerinnen und Bürger haben? Die Verbraucherpreise sind so stark gestiegen, wie in den vergangenen drei Jahrzehnten nicht. Die Konsequenz ist erwartbar: Die Verbraucher verändern ihr Einkaufsverhalten, achten auf Sonderangebote und üben Verzicht – auch beim Kauf von Lebensmitteln. Ich halte es für zwingend notwendig, den Verbrauchern deutlich zu machen, dass sie es mit ihrem Einkaufsverhalten in der Hand haben, ob es auch künftig ausreichend deutsche Qualitätsprodukte gibt oder ob die Produktion ins Ausland verlagert wird. Eine Abhängigkeit vom Ausland bei der Lebensmittelversorgung kann keiner wollen. Wenn wir es nicht schaffen, die qualitativ hochwertige Produktion in und aus Deutschland zu erhalten, gibt es am Ende nur Verlierer. Ein Bekenntnis für Lebensmittel „Made in Germany“ braucht es aber nicht nur vom Verbraucher, sondern auch seitens der Politik und des Lebensmitteleinzelhandels.

Nachhaltigkeit im Blick behalten

Trotz der vielfältigen aktuellen Krisen und Herausforderungen darf das eingangs skizzierte Thema Nachhaltigkeit nicht in den Hintergrund rücken. Es darf nicht zu einem Wettstreit über vermeintlich wichtigere oder unwichtigere Ziele kommen. Biodiversität, mehr Tierwohl, Umwelt- und Klimaschutz sind uneingeschränkt wichtige Ziele der Transformation, ebenso aber auch Ernährungssicherheit, Erhalt der wirtschaftlichen Tragfähigkeit für Höfe und Unternehmen, Sicherstellung guter Ernten durch Pflanzenschutz und Düngemitteleinsatz sowie die Stärkung des ländlichen Raums. Zur Nachhaltigkeit gehören gleichermaßen ökologische, ökonomische und soziale Aspekte. Die Zusammenhänge und Wechselwirkungen sind komplex. Genossenschaften mit ihren Prinzipien der Selbsthilfe, Selbstverwaltung und Selbstverantwortung sowie dem Grundsatz der Kooperation sind die ideale Rechts- und Unternehmensform, um dieses Spannungsverhältnis aufzulösen. Das genossenschaftliche Wirtschaften folgt den Zielen: ökologisch verträglich, ökonomisch einträglich, sozial verantwortungsvoll. Nachhaltigkeit ist daher elementarer Teil des Selbstverständnisses der genossenschaftlichen Landwirtschaft in Baden-Württemberg.

www.wir-leben-genossenschaft.de

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