Nachfolger im Gespräch
Die News November 2021

Plötzlich in der Verantwortung

Nachfolge unter Extrembedingungen

Der Nachfolge-Prozess hatte gerade erst so richtig begonnen, da verstarb unerwartet Michael Grandel, der geschäftsführende Gesellschafter des Augsburger Beautyness-Unternehmens Dr. Grandel. Dennoch wagten Tochter Ariane und Neffe Dr. Gabriel Duttler im September 2019 den Schritt als dritte Generation an die Spitze. Im Interview sprechen sie über ihre Nachfolge.

Hendrik Fuchs
Lesezeit: ca. 6 Minuten
Dr. Grandel GmbH Company

Ariane Grandel und Dr. Gabriel Duttler leiten seit September 2019 in dritter Generation den Kosmetikhersteller Dr. Grandel.

Nach dem unerwarteten Tod Ihres Vaters/Onkels Michael Grandel mussten Sie beide innerhalb kürzester Zeit die Führung des Familienunternehmens übernehmen. Wie haben Sie diese riesige emotionale Herausforderung gemeistert?

Ariane Grandel: Man steht natürlich in einem solchen Moment total unter Schock. Dass es überhaupt weitergegangen ist, verdanke ich meinem Cousin, der mich, wo er nur konnte, unterstützt hat. In der Anfangszeit hat er sich sehr intensiv um das Betriebliche gekümmert. So konnte ich zusammen mit meiner Mutter erst einmal alle familiären Angelegenheiten in Ruhe regeln. Zudem gab es einen riesigen Rückhalt in der Belegschaft. Alle Mitarbeitenden haben dafür gesorgt, dass alles weitgehend reibungslos weiterläuft. Dieses Miteinander, das gemeinsame Weitertragen des Grandel-Spirits war für uns sehr hilfreich.

Dr. Gabriel Duttler: Grundsätzlich bin ich ein sehr optimistischer Typ, wobei ein solches einschneidendes Ereignis natürlich eine besonders schwere emotionale Herausforderung darstellt. Geholfen hat mir neben dem regelmäßigen und intensiven Austausch mit meiner Cousine, dass mein Onkel in den letzten Wochen vor seinem Tod uns einiges mit auf den Weg geben konnte. Er hat auch noch wichtige Dinge rechtzeitig geregelt, die für künftige Entscheidungen essentiell sind. Darüber hinaus hat uns unser eingespieltes Führungsteam tatkräftig in allen Belangen unterstützt. Uns war in dieser Phase besonders wichtig, dass wir uns Schritt für Schritt der einzelnen Aufgaben annehmen, uns kleine Ziel vornehmen und wir uns nicht im Großen verlieren.

Wie haben Lieferanten und Kunden reagiert?

Ariane Grandel:Viele unserer langjährigen Kunden und Geschäftspartner waren vom Tod meines Vaters tief getroffen. Das zeigt auch, was für ein besonderer Mensch mein Vater war. Die große Anteilnahme, aber auch die Bereitschaft von Seiten der Kunden, Lieferanten, Banken und Geschäftspartner, uns wo es geht, zu unterstützen, war überwältigend und hat uns sehr berührt. Auch sie haben uns den Rückenwind gegeben, alle diese Herausforderungen zu meistern.

Das Familienunternehmen ist ein international renommierten Hersteller im professionellen Kosmetikmarkt. Dr. Grandel GmbH Company

Inwieweit waren Ihnen beiden zu diesem Zeitpunkt das Unternehmen, die internen Abläufe und die Besonderheiten der Firma vertraut?

Ariane Grandel:Ich hatte in früheren Jahren meine kaufmännische Ausbildung im Unternehmen gemacht und absolvierte anschließend in anderen Firmen im kosmetischen Bereich weitere Ausbildungen. Dann folgten ein Fachwirt-Abschluss und ein längerer Aufenthalt im Ausland. Zum Zeitpunkt des Todes meines Vaters war ich bereits wieder seit sechs Jahren im Familienunternehmen, arbeitete dort hauptsächlich im Marketing und war darüber hinaus für Trainings und Schulungen unserer Kunden im Ausland unterwegs. Grundsätzlich war mir vieles seit Kindheitstagen vertraut. Auf der einen Seite waren die Strukturen des Unternehmens in Organigrammen relativ klar geregelt, auch welche Abteilung zu wem gehört und wer mit wem kommuniziert. Auf der anderen Seite hatte die Familie ein Regelbuch entwickelt, dessen Grundlage festgeschriebene verbindliche Werte sind – ein wichtiger Anker, Orientierungspunkt in unserem Handeln. Für uns beide war es immer wichtig, diese Werte weiterzuleben und durch eigene Werte zu ergänzen. Ich finde, das ist uns gut gelungen.

Dr. Gabriel Duttler:Ich war gerade erst drei Monate aktiv im Unternehmen und musste mich noch in vieles einarbeiten. Vorher hatte ich Sportwissenschaften und anschließend Management mit dem Schwerpunkt Digitalisierung studiert. Wie oben erwähnt, bin dafür sehr dankbar, dass uns mein Onkel in der kurzen Zeit vor seinem Tod dann doch noch einiges mit auf den Weg geben konnte und gerade mir einen tieferen Einblick in das Unternehmen in den verbleibenden vier bis fünf Wochen ermöglichte. Mein Onkel hatte viele persönliche Geschäftskontakte, von denen meine Cousine auch etliche kennt. Bei anderen konnten uns oft langjährige Führungskräfte und Mitarbeitende dabei unterstützen, diese Beziehungen weiter fortzuführen. Und natürlich mussten wir mit dem einen oder anderen neue Geschäftsbeziehungen aufbauen.

Impression aus der Produktion. Dr. Grandel

Den Generationswechsel hatte Michael Grandel bereits zwei Jahre vor seinem Tod eingeleitet. Wie sah denn der ursprüngliche Nachfolgeplan aus?

Dr. Gabriel Duttler:Der ursprüngliche Plan sah vor, dass wir über einen Zeitraum von vier bis fünf Jahren in unsere Aufgaben hineinwachsen und alle Unternehmensbereiche im Detail nach und nach noch besser kennenlernen. Bereits während meines MA-Studiums stand ich im regelmäßigen Kontakt zu meinem Onkel und bekam sehr intensive Einblicke in das Unternehmen. Eigentlich wollte ich meinen Fokus als erstes auf die Themen Digitalisierung und digitale Geschäftsmodelle legen und hier entsprechende Maßnahmen im Unternehmen umsetzen.

Ariane Grandel:Meine Nachfolge sollte ursprünglich so aussehen, dass ich als erstes vor allem die Bereiche Marketing/Öffentlichkeitsarbeit übernehme und weiter ausbaue, was ich inzwischen auch tue.

Wie hat sich das Unternehmen in den vergangenen zwei Jahren verändert, was ist im Sinne von Michael Grandel beibehalten worden?

Dr. Gabriel Duttler:Die Zeit nach dem Tod meines Onkels war sehr stark von der Corona-Pandemie geprägt. Wir haben die Firma aber dennoch im Sinne meines Onkels weiterentwickeln können, sei es die Unternehmens- oder die Führungskultur. Unsere Orientierungspunkte sind und bleiben unsere Werte, entlang derer wir das Familienunternehmen zukunftsfähig aufstellen möchten. Vor allem in Sachen Digitalisierung und Nachhaltigkeit hat sich zudem einiges getan.

Dr. Grandel GmbH Company

Welche Projekte stehen in Zukunft an?

Ariane Grandel:Künftig möchten wir unsere Produkte stärker vom Kundennutzen her entwickeln, also hin zum Kunden- weg vom Produktfokus. Dafür müssen wir stärker darauf achten, welche Kanäle wir bespielen müssen, um einen regen Austausch mit unseren Kunden zu fördern. Auch mit dem Thema New Work wollen wir uns intensiver auseinandersetzen, das mit der Pandemie einen richtigen Schub bekommen hat. Auf den Erfahrungen im Umgang mit digitalen Tools wollen wir aufbauen. Spannend finden wir zudem KI-Anwendungen, die sicherlich in unserem Unternehmen irgendwann auch eine Rolle spielen werden.

Rückblickend auf Ihre ganz persönlichen Erfahrungen: Welche Tipps können Sie Unternehmerfamilien und potenziellen Nachfolgern mit auf den Weg geben, um auch für solche Extremfälle so gut es eben geht gerüstet zu sein?

Dr. Gabriel Duttler:Damit ein Familienunternehmen auch für solche Extremfälle zumindest ein stückweit gerüstet ist, braucht es starke und zuverlässige Führungsteams, die auch Entscheidungen treffen können, wenn jemand ausfällt. Es darf nicht zu viel von einer Person abhängen. Es ist die Aufgabe jeder Unternehmerin, jedes Unternehmers, dafür Sorge zu tragen, dass bestimmte Personen auf bestimmten Gebieten entsprechend eigenverantwortlich handeln können – sprich, dass Kompetenzen auf mehrere Schultern verteilt sind.

Ariane Grandel: Generell ist es immer zu empfehlen, frühzeitig alle Vollmachten aufzusetzen. Mein Vater hatte hier vorbildlich alles in die Wege geleitet, was uns in der schweren Zeit vieles erleichterte. Gleiches gilt natürlich für die rechtzeitige Vorbereitung auf eine Nachfolge.

Kurz vorgestellt

Eine geerbte Mühle und der unermüdliche Forscherdrang von Dr. phil. nat. Felix Grandel waren 1947 die Basis der heutigen Dr. Grandel GmbH. Der Chemiker und Ernährungswissenschaftler erforschte vor allem den Weizenkeim für die Diätetik. Über Weizenkeimkosmetik und den legendären Wirkstoff Epigran erschloss sich das junge Unternehmen den Zugang zum professionellen Kosmetikmarkt. In zweiter Generation schrieb der Sohn des Firmengründers, Dipl. oec. Michael Grandel, die Erfolgsgeschichte fort. Mit Fingerspitzengefühl, Geschick und Leidenschaft baute er das Familienunternehmen zu einem führenden, international renommierten Hersteller im professionellen Kosmetikmarkt mit zahlreichen Marken, Tochtergesellschaften und Auslandsvertretungen in mehr als 50 Ländern aus. Geprägt von Tradition, Forschergeist und verbindlichen Werten führen heute Michael Grandels Tochter Ariane und sein Neffe Dr. Gabriel Duttler das Familienunternehmen in dritter Generation fort. Dr. Grandel forscht und entwickelt in eigenen Laboratorien in Augsburg, verfügt über eine hohe Fertigungstiefe und setzt auf Nachhaltigkeit entlang der gesamten Wertschöpfungskette.

www.grandel.de

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