Blickpunkt

Reißt die Mauern im Kopf ein!
Die Angst vor dem kreativen Erfolg ist unbegründet

Im Gespräch mit vielen Mandanten höre ich immer wieder Sätze wie „Wir sind da halt nicht so kreativ“. Daher suche man Hilfe bei denen, die das angeblich besser können: hauptberufliche „Kreative“. Also Berater, Werber, Texter oder wie auch immer man sie nennen mag. Nun sind viele Unternehmenslenker größerer Industrie-, Technologie- oder Dienstleistungsunternehmen von ihrer beruflichen Laufbahn her nicht originär kreativen Berufen zuzuordnen. Oft sind sie Juristen, Ingenieure, Techniker oder eben über die Nachfolge in ihre Rolle hineingewachsen. Mir ist es selten untergekommen, dass sich Juristen oder Ingenieure selbst als kreativ bezeichnen würden. Warum eigentlich? Braucht es nicht Kreativität im Übermaß, um ein weltweit führendes Unternehmen aufzubauen oder größer zu machen? Genau die braucht es – sie wird nur nicht als solche wahrgenommen. Der Begriff „kreativ“ gehört irgendwie den Künstlern, den Sprachgenies, den Werbern. Dabei ist das totaler Käse, denn die Kreativität gehört allen. Jeder hat die Anlagen dazu; jeder die Fähigkeiten, sich in der Ideenfindung zu verbessern. So, wie man Schach lernen kann und durch stetes Üben von Partie zu Partie besser wird.

Bewusste und unbewusste Denkblockaden, Fehlannahmen und falsche Zurückhaltung stehen uns jeden Tag im Weg. Manch einer hat sich so daran gewöhnt, dass man sich neu sensibilisieren muss, wo und wie wir unser kreatives Potenzial einschränken, ohne es zu wollen. Der Marketing- und Kreativ-Kenner Nils-Peter Hey zeigt auf, wie man innere Hürden überwindet und sich neue Chancen erarbeitet.

Deutschland ist stolz auf seine „Hidden Champions“. Der Teufel steckt schon im Namen. Sie sind eben „hidden“, also für den Normalo unsichtbar. Dabei erbringen diese Unternehmen und ihre Leute jeden Tag Höchstleistungen von internationaler Relevanz. Nicht wenige dürfen sich Weltmarktführer, Technologieführer und Vordenker nennen. Eigentlich alles gut, meint man. Gleichzeitig steht es nicht gut um die Nation der Dichter und Denker. Speziell im Marketing sind wir weltweit in keiner Form auf dem Niveau, auf dem wir uns technologisch befinden.

Ich bin nicht kreativ

Mangelndes Selbstvertrauen

Es mangelt uns aus unerklärlichen Gründen an kreativem Selbstvertrauen: Viele glauben schlichtweg nicht an sich. Oder sie haben Angst vor der Sichtbarkeit, die sich aus gewagten Ideen ergeben kann. Ich habe oft gehört, dass großer Respekt vor dem Widerspruch der Öffentlichkeit empfunden wird. Wer sich mit Ideen exponiert, muss mit Widerspruch rechnen. Das Social Web lehrt uns jeden Tag, mit welch hässlichen Äußerungen man sich schnell konfrontiert sieht, wenn man vom Schema F abweicht. Der klassische Kreative nimmt das tapfer als Nebengeräusch seiner Arbeit an. Denn eines ist sicher: Der Widerspruch kommt vornehmlich von ideenlosen Bedenkenträgern, die sich selbst nicht aus dem Schneckenhaus trauen und aus der sicheren zweiten Reihe ihren giftigen Senf dazugeben.

Den Mutigen gehört die Zukunft

Die erste Blockade im Kopf ist also mangelnder Mut. Im Umkehrschluss würde sich kaum ein Unternehmer als unmutig brandmarken. Mut ist also – wie Vieles – ein sektorales Phänomen. Es gibt Leute, die springen mit Fallschirmen von Brücken, während sie sich daheim beim Anblick einer Spinne ins Höschen machen. Das Schöne an kreativem Mut in allen Bereichen: Er kostet nichts, kann aber den Unterschied machen. Aber wer sich selbst ausbremst, indem er die Monstranz der eigenen Nicht-Kreativität vor sich herträgt, ist gelinde gesagt selbst schuld. Kreativität tut nämlich nicht weh. Sie ist laut Albert Einstein „Denken, das Spaß macht“. Und wenn Einstein das sagt, dann muss es richtig sein. Es braucht den Willen zur Kreativität, zum gedanklichen Verlassen eingetretener Pfade; den Willen zum Sprung vom 10-Meter-Turm, auch wenn die Beine schlottern.

Keine falsche Zurückhaltung

Die zweite Blockade ist falsche Zurückhaltung. In unserer Kultur ist uns mehrheitlich anerzogen worden, nicht zu viel zu reden und nur den Mund aufzumachen, wenn man etwas zu sagen hat. Das führt dazu, dass man Ideen oft nur dann äußert, wenn man sie als ausgewogen und präsentationsfertig empfindet. Das geht fließend über in fehlgeleiteten Perfektionismus. Verstehen Sie mich richtig: Unser deutscher Perfektionismus ist der Erfolgsfaktor vieler Errungenschaften. Aber hier reden wir über das Ergebnis der Bemühungen vieler Jahre feingeistiger Optimierungen. Die Kreation hat die Aufgabe, der Zündfunke für Neues zu sein. Kreation steht am Anfang des Prozesses, nicht am Ende. Das Wort „ideenreich“ illustriert das: Wir brauchen einen Schatz an Ideen, und den erreicht man über Quantität, nicht Qualität. Ich habe viele gestandene Unternehmer erlebt, die lernen mussten, dass Ideenentwicklung ganz leicht ist. Voller Ekel vor der Imperfektion haben sie Schritt für Schritt Freude an etwas gewonnen, das ich „Hänsel-und-Gretel-Methode“ nenne. Je mehr Brotkrumen ich auf verschiedenen Wegen ausstreue, desto größer wird die Wahrscheinlichkeit, dass man den Holzweg verlässt und zurück nach Hause findet. Die falsche Zurückhaltung lässt sich also auflösen, indem man vor allem viele Ideen entwickelt – und ich sage Ihnen auch, wie genau: Je mehr und je beklopptere Ideen man zulässt, desto eher ergibt sich ein Anknüpfungspunkt für eine verwertbare Lösung. Das Wesen der Kreation ist nämlich auch das kontrollierte Zulassen von höherem Blödsinn. Sie ahnen es: Blödsinn im Unternehmen zuzulassen, ist ein wirklich verrückter Gedanke. Am Anfang halten einen übrigens immer alle für verrückt. Exakt so lange, bis sich die Sache durchgesetzt hat.

Erfolg ist nicht Erfolg!

Die dritte Denkblockade liegt in unserem Erfolg begründet. Im Sinne einer sich selbst erfüllenden Prophezeiung vertrauen wir darauf, dass das, was uns erfolgreich gemacht hat, uns auch erfolgreich bleiben lässt. Auf Nachfrage sieht das natürlich keiner so. Aber stellen Sie sich einfach die Frage, warum sich die sogenannte „disruptive“ Denkweise (Kreativität, die sich mit Geschäftsmodellen befasst) ausgerechnet bei Start-ups so erfolgreich ist. Sie kennen die Antwort: Weil es da mehr Leute gibt, die diese kreative Denkweise wollen, fördern, erzwingen und gar zur Kultur erheben, während der traditionelle Unternehmer darüber nachdenkt, ob das Spaltmaß nicht doch noch 2 Mikrometer besser sein könnte.

Seid witzig

Denkblockade Nummer vier ist die Angst vor dem Witzigsein. Wer blaue Anzüge und Krawatte trägt, setzt sich kaum vor die Gruppe und gibt einen grenzwertigen Kalauer von sich. Wir haben gelernt: Wer witzig ist, wird angeblich als weniger kompetent wahrgenommen. Da sind wir Deutschen schön blöd, wenn wir so denken. Es sind schon immer die Business-Irren und die Geschichtenerzähler gewesen, die wichtige Impulse für die Fortentwicklung geliefert haben. Wir bewundern oder bemitleiden die großen amerikanischen CEOs und träumen insgeheim davon, wie schön es wäre, wenn wir auch etwas von denen hätten. Nur um dann in unser Schneckenhaus der westfälischen Zurückhaltung zurückzukehren und in „was denken dann bloß die Leute“-Kategorien in Langeweile zu erstarren. Humor ist ein großer Kreativ-Treiber und richtig gute Ideenentwicklungen zeichnet sich rückwirkend dadurch aus, dass sie massiv Spaß gemacht haben und dass man völlig überrascht ist, welche Wendungen es im Prozess gab. Ein Kreativdirektor, mit dem ich viele Jahre Tür an Tür arbeitete, hat mir einmal gebeichtet: „Immer wenn ich Ideen entwickle, dann beginnt alles mit Titten und Nazis.“ Womit er sagen wollte: „Ich lasse beim Denken halt die Sau raus.“ Klar, die Sau muss später auch wieder eingefangen werden, aber aus der Anekdote wird klar, dass man Denken eben zulassen muss – und zwar in alle Richtungen. Man muss ja später niemandem verraten, wie man darauf gekommen ist. Die Angst, durch Humor unseriös wirken zu können, ist ebenso weit verbreitet. Auch hier schlägt uns unsere falsche Zurückhaltung ein Schnippchen, denn niemand würde z. B. die hervorragende Werbung der Firma Sixt als unseriös brandmarken, obwohl man sich hier seit Jahrzehnten auf Kosten von Personen des öffentlichen Interesses amüsiert. Im Gegenteil. Es wird gefeiert, beklatscht, prämiert. Also: Wo lauert der Erich Sixt in Ihnen?

Weg mit den Negativlisten

Mutwillig errichtete Denkblockaden sind Nummer fünf im Bunde der Kreativbehinderer. Nicht selten geben sich Arbeitsgruppen Regeln. Dann wird auf Flipcharts aufgeschrieben, was eine Idee alles nicht sein darf. Sie darf nicht sexistisch, rassistisch, zu extrovertiert oder was auch immer sein. Die Liste lässt sich beliebig fortsetzen. Hier müssen wir klar unterscheiden zwischen Prozess und Ergebnis. Im Kreativprozess führen solche Ausschlusslisten dazu, dass Kreativität – hier mal mit Denkfreiheit übersetzt – erst gar nicht zustande kommt, weil jeder Beteiligte Angst hat, gegen die selbst gesetzten Regeln zu verstoßen. Dazu kommt, dass man nicht nicht an etwas denken kann. Wer zu viele Regeln definiert, fördert das Ableben einer Atmosphäre, in der jeder noch so kleine Funke ein Feuer entfachen könnte.

Teure Folgen

Das einzig Gute an nicht-zugelassender Kreativität ist, dass wir nicht wissen, wie teuer sie ist. Unbewusste Denkblockaden begrenzen das Wachstum auf das, was man schon kennt. Es ist also eine Fantasiefrage, was alles möglich werden könnte, wann man sich nur imstande sähe, die Sau endlich mal rauszulassen. Wie schön könnte es sein, mal eine Zeitlang auf alle Konventionen zu pfeifen? Wie schön könnte es sein, das Wunder der freien Ideenentwicklung passieren zu lassen? Einfach so. Mit Plan gepflegt planlos sein und damit aus der riesigen Masse an Möglichkeiten dem glücklichen Zufall den Weg zu ebnen. Wer das unterlässt, riskiert die Zukunft seines Unternehmens. Technologieführerschaften mögen eine gewisse Sicherheit versprechen. Die größte Sicherheit aber gibt ein steter Strom an Ideen, wie denn die Zukunft aussehen könnte. In der Entwicklung, im Produkt, im Prozess, im Vertrieb, in der Werbung und in allen anderen Unternehmensbereichen. Wer Kreativität als Waffe begreift, wird schnell Lust darauf bekommen, ein Wettrüsten mit dem Wettbewerb anzufangen. Die große Chance liegt darin, dass die meisten Unternehmen in ihren Denkblockaden gefangen bleiben werden, während Sie heute die Chance haben, das oft ungenutzte Potenzial der Kreation in Ihrem Unternehmen zur Kultursache zu erheben. Das macht nicht nur Spaß, es macht auch attraktiv für die jüngere Generation an Mitarbeitern. Denn es ergibt viel mehr Sinn, für ein Unternehmen zu arbeiten, das die Ideen seiner Mitarbeiter als aktive Ressource versteht, als ein perfekt gefrästes Rädchen im Getriebe zu sein.