Finanzierung & Kapital

Stark dank Kooperation
Zusammenarbeiten – aber eigenständig bleiben

Dr. Roman Glaser

Genossenschaftliche Kooperationen sparen Zeit, Geld und Ressourcen – und helfen insbesondere kleinen und mittleren Unternehmen bei aktuellen Herausforderungen wie der Implementierung digitaler Prozesse.

Die Coronavirus-Pandemie und die Monate des Lockdowns haben deutlich zum Vorschein gebracht, dass Unternehmen mit einem hohen Digitalisierungsgrad einen Wettbewerbsvorteil haben und sich veränderten Rahmenbedingungen schneller und besser anpassen können. Nun ist es keine Neuigkeit, dass Digitalisierung eine der zentralen Herausforderungen unserer Zeit ist – und zwar für Unternehmen jeglicher Größe und aus allen Branchen. Aber die Coronavirus-Pandemie hat den digitalen Transformationsprozess noch einmal deutlich beschleunigt. Dabei gilt: Natürlich ist Digitalisierung eine emotionale, finanzielle, zeitliche und personelle Herausforderung, gerade für KMU. Doch ebenso ist sie eine große Chance, um dem zunehmenden Wettbewerbsdruck durch neue Konkurrenten im eigenen Markt zu begegnen, das gewohnte Geschäftsmodell zu hinterfragen, Optimierungen von internen Prozessen anzugehen, aber auch, um zusätzliche Märkte zu erschließen und neue Kunden zu generieren.

Zielgerichtet agieren

Bei der Einführung digitaler Möglichkeiten können Genossenschaften insbesondere KMU effiziente und praktikable Lösungen liefern: durch das Instrument der Kooperation. Denn Genossenschaften bieten die Möglichkeit der zielgerichteten und verbindlichen Zusammenarbeit, ohne dass die Kooperationspartner ihre rechtliche Selbstständigkeit aufgeben müssen. Die Kooperation im Rahmen einer Genossenschaft bietet besonders in drei Bereichen Vorteile:

  • Open Innovation/Co-Creation: Unterschiedliche Unternehmen arbeiten gemeinsam an der Entwicklung und Organisation von Innovationen. Dies ist besonders relevant in den Bereichen IT und Forschung & Entwicklung und im Bereich der künstlichen Intelligenz. Ein gutes Beispiel ist die OSADL eG aus Heidelberg, die zum Ziel hat, gemeinsame Softwarekomponenten für die Automatisierungsindustrie zu entwickeln.
  • Share-Economy: Hierbei werden Ressourcen – von Autos und Fahrrädern über 3D-Drucker bis zu Büroräumen oder gemeinsamen Lieferdiensten von Händlern – kooperativ geteilt. Durch die Digitalisierung gewinnen diese Share-Economy-Dienste immer mehr an Bedeutung. Als erfolgreiches Beispiel ist die Teilauto Necker-Alb eG zu nennen, die als Carsharing-Unternehmen mit mehr als 140 Fahrzeugen in Tübingen, Reutlingen und Zollern-Alb aktiv ist, eine Kooperation mit den Stadtwerken eingegangen ist und darüber hinaus auch ein soziales Mobilitätskonzept für ältere Bürgerinnen und Bürger unterstützt.
  • Plattformökonomie: Plattformen bieten Produkte und Dienstleistungen meist nicht selbst an, sondern vermitteln zwischen Händlern und Konsumenten oder Herstellern und Kunden. Genossenschaften bieten das Potenzial, solche Plattformen unter Eigenregie der Mitglieder zu entwickeln und zu nutzen.

Plattformen nutzen

Die Plattformökonomie möchte ich gerne etwas detaillierter betrachten, da sie das zentrale Geschäftsmodell der digitalen Ökonomie ist. Viele der wertvollsten Unternehmen sind inzwischen der Plattformökonomie zuzurechnen, darunter Google, Facebook oder Amazon. Sie folgen dabei einem ökonomischen Verständnis der Plattformen als Vermittler zwischen Anbieter und Nachfrager. Das Spektrum der Plattformen reicht dabei von klassischen Produkt-Marktplätzen wie Ebay bis zu hoch spezialisierten Industrieplattformen, beispielsweise im Bereich Maschinenbau, Automobil oder Elektrotechnik.

Auch für kleine und mittlere Unternehmen bestehen Chancen, das Geschäftsmodell der Plattformökonomie mit Hilfe von Kooperationen und Plattformgenossenschaften zu nutzen.Blue Planet Studio / shutterstock.com
Auch für kleine und mittlere Unternehmen bestehen Chancen, das Geschäftsmodell der Plattformökonomie mit Hilfe von Kooperationen und Plattformgenossenschaften zu nutzen.

Derzeit profitieren von der Plattformökonomie besonders global agierende Großunternehmen. Als Intermediäre schieben sie sich zwischen etablierte Anbieter und Nutzerbeziehungen und greifen dort einen großen Teil der Wertschöpfung ab. Doch auch für kleine und mittlere Unternehmen bestehen Chancen, dieses Geschäftsmodell mithilfe von Kooperationen und Plattformgenossenschaften zu nutzen. So können Möglichkeiten beispielsweise für den (regionalen) Handel entstehen, um im Wettbewerb mit dem reinen Online-Handel zu bestehen.

Plattformgenossenschaften verbinden vier Grundprinzipien des Digitalen und der Genossenschaftsidee miteinander:

  • Plattformgenossenschaften bieten Personen und Unternehmen den Vorteil der kollektiven Eigentümerschaft. Das heißt die Daten, Algorithmen und die Technologie der Plattform gehören den Genossenschaftsmitgliedern.
  • Damit können sie deren Anwendung und Verbreitung nach den demokratischen Grundsätzen von Genossenschaften selbst steuern und kontrollieren.
  • Die Organisation über Genossenschaften bietet dabei die Möglichkeit des Co-Designs der Plattform durch die Mitglieder, sodass die Software genau auf ihre Bedürfnisse zugeschnitten ist.
  • Der Open-Source-Ansatz stellt zudem sicher, dass Weiterentwicklungen nicht jedes Mal neu zu generieren sind.

Es gibt zahlreiche Beispiele dafür, wie Plattformen in Form von Genossenschaften gut funktionieren können, zum Beispiel Coopify, eine Genossenschaft für häusliche Dienstleistung in New York, die über eine App beispielsweise Putzdienste vermittelt und dabei den Arbeitenden selbst gehört. Die Beispiele zeigen, dass Plattformgenossenschaften vor allem dort Erfolg haben, wo sie lokal verankert sind oder ein sehr spezielles Feld bedienen. Der BWGV verfolgt aktuell drei unterschiedliche Ansätze, um die Gründung von Plattformgenossenschaften zu unterstützen:

  • Lokale Handels- und Dienstleistungsplattformen: Durch die Vernetzung der lokalen Akteure (online und offline) können genossenschaftlich organisierte Plattformen Handels-, Dienstleistungs- und Behördenangebote bündeln und damit die Wirtschaft vor Ort stärken. Solche Online-Portale stellen einen Marktplatz für lokale Geschäfte und regionale Produkte und Dienstleistungen zur Verfügung. Die Wertschöpfung bleibt vor Ort. Über die Einbindung der Volksbanken und Raiffeisenbanken vor Ort kann die Finanzierung unter Ausschöpfung von staatlichen Fördermitteln gesichert werden.
  • Industrie- und Wirtschaftsplattformen: Plattformbasierte Applikationen werden auch im industriellen Umfeld zum entscheidenden Differenzierungsfaktor. Doch KMU können es meist aus Zeit-, Kompetenz- und Ressourcengründen nicht leisten, in Eigenregie solch ein Plattform-System aufzubauen. Über eine Genossenschaft kann der Aufbau einer Plattform gemeinschaftlich vorangetrieben werden, ohne dabei die eigene Selbstständigkeit aufzugeben. 
  • Spezifische (Branchen-)Plattformen: Genossenschaftliche Plattformen haben beispielsweise im Handwerk großes Potenzial. Und auch im Bereich der Pflege ist eine genossenschaftliche Plattformlösung denkbar, die Pflegedienstleister vernetzt und deren Angebot bündelt, um dem Kunden einfach und schnell gefragte Versorgungsoptionen aufzuzeigen.

Zusammenfassend kann man sagen, dass die Digitalisierung zahlreiche Chancen für die Wirtschaft bietet. Um diese Chancen auch konsequent und nachhaltig nutzen zu können, ist die Kooperation innerhalb und über Branchen hinweg essenziell. Die Rechts- und Unternehmensform der eingetragenen Genossenschaft bietet hierzu die Möglichkeit. Dies gilt insbesondere im Bereich der Plattformökonomie. Dieses Potenzial sollte genutzt werden, um gerade kleine und mittelständische Unternehmen in einer globalen Wirtschaft wettbewerbsfähig zu machen oder zu halten.