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Von und für Next Gens
Plattform hilft bei Rollenfindung

Hendrik Fuchs

Im Dezember 2020 wurde mit „Haus Next“ eine Plattform für Next Gens aus Unternehmerfamilien ins Leben gerufen – initiiert von Natalie Rauschendorfer, Dr. Dinah Spitzley und Prof. Dr. Reinhold Prügl, dem wissenschaftlichen Leiter des Friedrichshafener Instituts für Familienunternehmen (FIF). Im Fokus steht die Unterstützung junger Menschen bei ihrer Rollenfindung innerhalb der Unternehmerfamilie.

Natalie Rauschendorfer und Dr. Dinah Spitzley (v.l.) sind geschäftsführende Gesellschafterinnen von „Haus Next“, einem Spin-Off des Friedrichshafener Instituts für Familienunternehmen. Der dritte „Hausbewohner“ ist Prof. Dr. Reinhold Prügl als Gesellschafter.

„Dinah und ich stammen beide aus einer Unternehmerfamilie und haben während unserer gemeinsamen Zeit am FIF die Idee zum ‚Haus Next‘ entwickelt“, erzählt Natalie Rauschendorfer, und ergänzt: „Und zwar aus unserer eigenen Erfahrung heraus, denn wir haben nicht die richtige Anlaufstelle gefunden, um uns mit der ganzen Thematik rund um Familienunternehmen, Nachfolge, Unternehmerfamilie und der damit verbundenen eigenen Rollenfindung auseinanderzusetzen.“ So kam es Anfang des Jahres zur Gründung von „Haus Next“, einer digitalen Plattform von und für Next Gens. Dort wird jungen Menschen nicht nur die Möglichkeit verschafft, ihre Rolle innerhalb ihrer Unternehmerfamilie zu finden, sondern auch herausgearbeitet, welche Rollen-Optionen es für die Next Gens überhaupt gibt. „Bei mir war es so, dass die Nachfolge schon früh auf dem Tableau stand, während Natalie als Frau für den Generationswechsel an der Spitze im elterlichen Handwerksunternehmen von ihrer Familie aus erst gar nicht in Betracht kam“, so Dinah Spitzley. Um sich solchen Themen zu nähern, sich mit seiner eigenen Rolle besser auseinandersetzen, diese finden und ausfüllen zu können, sei ein Austausch mit Gleichgesinnten äußerst wertvoll.

Familie im Fokus

Das Hauptaugenmerk der Plattform liegt in erster Linie auf der Unternehmerfamilie als Ganzes sowie die einzelnen Rollen innerhalb einer Familie. Denn laut Rauschendorfer und Spitzley hat beides bisher in der Praxis und der Forschung zu wenig Beachtung gefunden, standen primär immer die Belange des Familienunternehmens im Vordergrund. „Heute stellen wir immer häufiger fest, dass die Next Gens nicht automatisch Nachfolgerinnen und Nachfolger oder Gesellschafterinnen und Gesellschafter werden, sondern auch andere Rollen einnehmen – etwa außerhalb des elterlichen Betriebs, indem sie eine eigene Firma gründen. „Es geht uns vor allem darum, die gesamte unternehmerische Tätigkeit einer Familie abzubilden, die sich nicht zwangsläufig nur auf das Kernunternehmen der Familie konzentrieren muss. Denn auch so wird die unternehmerische Tradition einer Familie weitergeführt“, unterstreicht Spitzley. „In diesem Kontext müssen dann mehr Rollen innerhalb einer Familie möglich werden, also nicht nur als Nachfolger/Nachfolgerin und Gesellschafter/Gesellschafterin, sondern beispielsweise auch als Berater/Beraterin oder Gründer/Gründerin eines eigenen Unternehmens.“

Informieren, austauschen, weiterbilden

Dass die Plattform bislang ausschließlich digital gehalten ist, ist nicht nur der Corona-Pandemie geschuldet: „Die Next Gens sind heute sehr stark im digitalen Raum unterwegs und haben im Vergleich zu früheren Generationen weniger Zeit“, unterstreicht Rauschendorfer und konkretisiert: „Eine digitale Plattform reduziert Zeithürden und erlaubt diesen jungen Menschen, sich auch nur mal für eine Stunde in der Woche mit der Thematik gezielt zu beschäftigen, ohne dafür irgendwo hinreisen zu müssen.“

Auf der Plattform gibt es unterschiedliche Möglichkeiten, sich zu informieren und austauschen. Die Angebote sind dabei wie Stockwerke aufgebaut. Im Erdgeschoss, genannt „Haus Next Insights“, finden Interessierte viele spannende Artikel, Blogs und Podcasts rund um das Thema Next Gens – angefangen bei inspirierenden Praxisbeiträgen bis zu Interviews mit Gleichgesinnten. „Das erste Stockwerk namens „Haus Next Circle“ ist unsere digitale Austauschplattform, bei der man Mitglied werden kann. Alle Mitglieder kommen in den Genuss etwa von digitalen Events und Peer-to-peer Coachings“, unterstreicht Spitzley. Einmal im Monat findet ein entsprechendes Event statt, zum Beispiel das Format „Haus Topic“, bei dem ein Experte/eine Expertin zu einem bestimmten Thema spricht, oder eine „Haus Night“, bei der Next Gens aus dem Nähkästchen plaudern. Wolfgang Grupp Junior war bereits Gast, demnächst kommen die Lindner-Geschwister vom Familienunternehmen Börlind. Alle diese Formate laufen in einem vertraulichen Rahmen ab, der es laut Rauschendorfer erlaubt, „auch einmal sensiblere Fragen zu stellen“. Jedes Mitglied gehört darüber hinaus einer fünfköpfigen Peer Group an, die sich alle ein bis zwei Monate in kleinen Rahmen austauscht, um gemeinsam an Herausforderungen zu arbeiten. „Wir nehmen hier ausschließlich eine moderierende Rolle ein“, erzählt Spitzley. Beim „Haus Next Coaching Retreat“, ein weiteres Format im ersten Stockwerk, handelt es sich um ein zweitätiges Event, bei dem Next Gens von einem Experten gecoacht werden. Im zweiten Stockwerk geht es um das Thema Weiterbildung. Dort werden Next Gens weiterführende Inhalte wie Lernvideos zu spannenden Themen rund um die Nachfolge und Unternehmerfamilien zur Verfügung gestellt. „Hier ist für kommendes Jahr eine digitale Akademie geplant“, betont Spitzley.

Es muss nicht immer die Nachfolge oder ein Platz in der Gesellschafterversammlung sein: Die Rollen der Next Gens innerhalb, aber auch außerhalb des Kern-Familienunternehmens sind vielfältiger.ESB Professional / shutterstock.com
Es muss nicht immer die Nachfolge oder ein Platz in der Gesellschafterversammlung sein: Die Rollen der Next Gens innerhalb, aber auch außerhalb des Kern-Familienunternehmens sind vielfältiger.

Stetig im Wachstum

Inzwischen wird das Angebot laut Rauschendorfer und Spitzley sehr gut angenommen. „Besonders gefragt sind Themen, die sich mit der aktiven Rolle als Gesellschafter und der Nachfolge beschäftigen“, erzählt Rauschendorfer. „Wir wachsen stetig und nachhaltig. Das Schöne am ersten Jahr ist es, dass wir sehr viel dazu gelernt haben und alles fortlaufend mit unseren Mitgliedern weiterentwickeln“, sagt Spitzley. „Gerade sind wir dabei, die Plattform auf die nächste Stufe zu heben und planen für 2022 einen Relaunch.“

Im November findet mit dem „Haus Next Summit“ das erste Präsenz-Event in Berlin statt. Die Premiere läuft noch im kleinen Rahmen mit einem Keynote Speaker und einem Workshop ab, aber für die kommenden Jahre ist mit dem Summit Größeres geplant. Zudem stehen 2021 noch digitale Formate zu den Themen Nachhaltigkeit, Resilienz und Karriereplanung auf dem Programm. Und auch die erste gemeinsame Reise rückt näher: „Wir werden einen Hausausflug zur Expo nach Dubai machen. Dort ist unter anderem eine Führung durch den deutschen Pavillon angedacht, der Besuch von Familienunternehmen und ein Treffen mit einem Familienunternehmens-Forscher geplant. Ich denke, das wird ein guter Mix aus Praxis, Forschung und Kultur“, freut sich Rauschendorfer.

www.haus-next.de