Blickpunkt
Die News September 2020

Was nun?

Wie der digitale Wandel uns zum Handeln zwingt

Es gibt nahezu keine Branche, in der nicht von "der Digitalisierung" gesprochen wird. Dahinter stecken Strategien sowie Prozesse, die aktiv gestaltet werden müssen – und viele Chancen.

Wolf Hirschmann
Lesezeit: ca. 5 Minuten
metamorworks / shutterstock.com

Die technologischen Entwicklungen des letzten Jahrzehnts waren derart rasant, dass es nur schwer vorstellbar ist, wie sich die Welt in den nächsten 20 Jahren verändern wird. Doch genau um diese Überlegung geht es, wenn Ihnen die Existenz des Unternehmens wichtig ist. Denn das digitale Zeitalter verändert die Art, wie wir wirtschaften – die digitale Transformation führt dazu, dass sich die Märkte grundlegend verändern.

Wir sollten uns also beispielsweise fragen:

  • Was wird alles möglich sein?
  • Wie werden personalisierte Dienste unser Leben verändern?
  • Wie wirken sich künstliche Intelligenz, vernetzte Sensorik, gigantische Serverfarmen und massenhaft erzeugte sowie geteilte Daten auf unsere Art des Miteinanders aus?
  • Welche Verantwortung resultiert daraus?

Längst reicht es nicht mehr aus, sich dem Thema nur mit einer rein technischen Betrachtung zu nähern, bei der es um die Überführung analoger Prozesse in digitale, automatisierte und vernetzte Abläufe geht. Diese Entwicklung zeichnet sich schon lange ab und ist auf technologische Innovationen in den Bereichen IT und Software, Robotik und Sensorik zurückzuführen, gepaart mit sinkenden Preisen für digitale Produkte und Bauteile. Kein Wunder, wenn daher in Deutschlands Vorzeigeindustrie, dem Maschinen- und Anlagenbau, viele Firmenchefs den größten Nutzen von „Digitaler Industrie 4.0“ in der weiteren Steigerung von Effizienz und zusätzlichen Kostenvorteilen gesehen haben. Doch der wesentlich wichtigere und perspektivisch durchaus auch lukrativere Weg betrifft die teilweise oder vollständige Umstellung auf digitale Geschäftsmodelle. Dabei geht es um die ökonomische Umsetzung digitaler Technologien, um ihre Kommerzialisierung und um die Schaffung digitaler Marktwerte.

Damit ein Unternehmen zukunftsfähig bleibt, ist es wichtig, das eigene Geschäftsmodell mit seinen Mechaniken auf den Prüfstand zu stellen und vorbehaltlos zu hinterfragen.

Digitale Geschäftsmodelle basieren auf Verfahren und Technologien, sogenannten Enablern – also Möglichmacher – anhand derer neue Leistungen, Produkte und Geschäftsmodelle generiert werden. Beispielhaft genannt seien die Cyber-physischen Systeme, auch bekannt als Internet of Things (IoT), Smart Factories oder Industrie 4.0. Ihre Funktion ist die Vernetzung von physischen und informationsverarbeitenden Komponenten mittels Sensoren, die softwaregestützte Verarbeitung von Daten und deren Weitergabe an die Akteure. Das Potenzial für das verarbeitende Gewerbe liegt hier unter anderem in der Entwicklung produktbegleitender Dienstleistungen. So könnte es beispielsweise im Bereich der CNC-Fertigung Lösungen geben, bei denen der Rohling sagt, was mit ihm zu tun ist und sich das, jetzt quasi intelligente, Werkstück selbstständig durch die Supply Chain navigiert.

Auch künstliche Intelligenz (KI) oder die erweiterte Intelligenz (EI) sind Enabler. Dabei geht es um Systeme oder Programme, die große Datenmengen mithilfe lernfähiger Algorithmen analysieren, eigenständige Handlungsalternativen ableiten und ausführen. Bei EI verbleibt die Entscheidung über Handlungsalternativen beim Menschen. Die Technologien haben branchenübergreifende Relevanz, zum Beispiel in der Assistenzrobotik, der medizinischen Diagnostik oder bei autonomem Fahren.

Bereits diese Beispiele machen deutlich, dass Digitalisierung kein Thema ist, das „bottom-up“ oder gar durch die IT-Abteilung getrieben werden sollte. Es handelt sich vielmehr um ein strategisches Kernthema, welches Geschäftsführer und Vorstände, aber auch Gesellschafter, Aufsichtsräte und Beiräte beschäftigen muss.

In Strategieworkshops sollte offen und konstruktiv überlegt werden, ob und inwieweit eine Digitalisierung von Aktivitäten integrativer Bestandteil des existierenden Geschäftsmodells werden muss – oder ob komplett neue Geschäftsmodelle entwickelt werden sollten. Einfach gesprochen geht es darum, mit welchen Leistungen ein Unternehmen auf welchen Märkten welche Kunden wie zufrieden stellen möchte.

Vor allem folgende Fragen sind für Unternehmer zu klären:

  • Gibt es eine digitale Transformationsstrategie und wenn ja, wie sieht diese aus?
  • Welche Aktivitäten in der Wertschöpfungskette differenzieren mich von Wettbewerbern und wie digital sind diese?
  • Welchen Mehrwert kann mein Unternehmen auf Basis der Digitalisierung bieten?
  • Wie kann ich digitale Kompetenzen innerhalb der Organisation besser nutzen?

Viel Potenzial noch ungenutzt

Welche Differenzierungsmerkmale und Chancen sich ergeben, zeigt auch eine aktuelle Untersuchung der Technischen Hochschule Mittelhessen (THM). Die Ergebnisse zeigen, dass der Mittelstand nach wie vor das physische Produkt in den Mittelpunkt des Geschäftsmodells stellt.

Die gestellten Fragen zur Konnektivität der Produkte und zur Ausstattung der Produkte mit Sensoren und Datenverarbeitungs-/Rechenleistung wurden mit einem Digitalisierungsgrad von 2,28 von maximal möglichen 4,0 bewertet. Am wenigsten weiterentwickelt war die Monetarisierung, also der Bereich, der diejenigen Aspekte der Digitalisierung umfasst, welche zur Fakturierung und zur Zahlungsabwicklung gehören. Im Einzelnen wurde auch gefragt, inwieweit den Kunden die Maschinen-/Anlagenverfügbarkeit in Rechnung gestellt wird, ob nutzungsabhängige Abrechnung (Pay-per-Use) oder sogar die Erzielung von vereinbarten Outputs/Resultaten die Basis ist. Zur Zahlungsabwicklung wollte die THM wissen, ob Kunden einen monatlichen Festpreis für eine vereinbarte Leistung im Sinne eines Abomodells zahlen, oder ob bereits die Blockchain-Technologie für Zahlungsprozesse genutzt wird. Mit einem Digitalisierungsgrad von nur 1,14 rangiert die Monetarisierung am Ende der 12 Kategorien zur Erweiterung der Geschäftsmodelle.

Weitere Erkenntnisse aus der Studie sind:

  • Service wird als Geschäftsmodellerweiterung angeboten, aber eher nicht als eigene Geschäftseinheit geführt.
  • Online-Shops und digitale Showrooms sind bisher kaum verbreitet.
  • Geschäftsmodellmöglichkeiten in Verbindung mit Plattformen spielen noch keine große Rolle.
  • Chatbots, ein KI-Tool, welches Mitarbeiter unterstützt und automatisiert Antworten bietet, zum Beispiel im Kundenservice, werden bislang kaum eingesetzt.
  • Condition Monitoring, also das regelmäßige beziehungsweise permanente Erfassen des Maschinenzustandes durch Messung und Analyse physikalischer Größen, zum Beispiel Schwingungen oder Temperaturen, sowie Predictive Maintenance, die vorausschauende Instandhaltung für Maschinen/Anlagen, stecken noch in den Anfängen.

Chancen steigern

Wirksames Zukunftsmanagement setzt auf neue Strategien und digitalisierte Prozesse. Dies ermöglicht die Chance auf neue Wachstumsfelder, die sich mit einer neuen, kreativen Positionierung am Markt – also einer entsprechenden Ausrichtung des Geschäftsmodells – erschließen lassen.

Support für den Mittelstand

Unter dem Motto „digital in BW“ bietet das „Mittelstand-4.0-Kompetenzzentrum“ kleinen und mittleren Unternehmen/KMU kostenfreie Unterstützung bei Themen rund um die Digitalisierung an. Das Kompetenzzentrum hat zwei Anlaufstellen in Karlsruhe und Stuttgart. Das Zentrum richtet sich insbesondere an die Mittelständler der Region, beispielsweise im Gesundheitswesen, im Maschinenbau, in der Mobilitätsbranche oder im Handwerk.

Unterstützt werden die Unternehmen vor allem in folgenden Schwerpunkten:

Produktion: Wie können Schritte im Produktionsprozess miteinander vernetzt werden, sodass Kosteneffizienz und Flexibilität gesteigert werden? Wie kann ich meine Mitarbeitenden in der Produktion durch intelligente digitale Lösungen unterstützen?

Gebäude: Wie können durchgängige, digitalisierte Arbeitsabläufe in Wertschöpfungsprozessen Bauzeiten verkürzen, Wechselwirkungen zwischen den Gewerken aufzeigen und Planungsfehler minimieren? Wie kann intelligente Gebäudetechnik neue kooperative Geschäftsmodelle vorantreiben?

Gesundheitswesen: Wie kann durch Digitalisierung die Selbstständigkeit, Lebensqualität und Sicherheit unterstützungsbedürftiger Menschen verbessert werden? Wie können professionelle Akteure und pflegende Angehörige entlastet werden?

Informationen finden Sie auf www.mittelstand-digital.de

www.slogan.de

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