Blickpunkt

Wertschätzung oberstes Gebot
Professioneller Umgang mit Bewertungen im Netz

Hendrik Fuchs

Rund die Hälfte der Jobsuchenden informiert sich online über Bewertungen von Arbeitgebern. Und viele lassen sich dadurch beeinflussen. Das ist das Ergebnis einer aktuellen Bitkom-Befragung von mehr 1.000 Personen in Deutschland ab 16 Jahren. Daher sollten Unternehmen mit Fingerspitzengefühl auf Plattformen wie Kununu agieren. Die Redaktion sprach darüber mit der Expertin Birgit Hienerwadel.

Wie sollten Familienunternehmen mit kritischen Bewertungen auf Portalen wie auf Kununu umgehen beziehungsweise darauf reagieren?

Bei negativen Bewertungen gilt es vor allem, erst einmal selbstkritisch zu prüfen, wie viel Wahrheitsgehalt in der negativen Bewertung steckt. Dann kann kommuniziert werden, dass das Thema bekannt ist und dass an einer Lösung gearbeitet wird. Gut möglich, dass hier bereits Maßnahmen seitens des Unternehmens in die Wege geleitet wurden oder geplant sind, dann kann das bereits als Antwort dienen. Wichtig ist, hier muss unbedingt offene Kommunikation stattfinden. Der wertschätzende Dialog – auch bei kritischen Bewertungen – ist für die Außendarstellung als attraktiver Arbeitgeber immens wichtig.

Bei der Reaktion auf kritische Bewertungen sollte immer eine individuelle, qualifizierte Antwort erfolgen. Es kostet Zeit – keine Frage, aber diese Zeit ist gut investiert. Außerdem kann ein Gespräch mit der Personalabteilung angeboten werden, in dem dann im offenen Dialog Fragen geklärt werden können.

Birgit Hienerwadel ist Geschäftsführin der Hienerwadel Personalmarketing GmbH mit Sitz in Calw.Hienerwadel
Birgit Hienerwadel ist Geschäftsführin der Hienerwadel Personalmarketing GmbH mit Sitz in Calw.

Innerbetrieblich sollte ein kritisches Thema nicht unter den Tisch gekehrt werden. Viele Mitarbeiter legen Wert darauf, dass der eigene Arbeitgeber bei den Bewertungen gut abschneidet. Die Resultate der Arbeitgeberbewertung sollten über die bereits installierten Kanäle der internen Kommunikation an die Mitarbeitenden herangetragen werden. Herrscht im Unternehmen eine hohe Identifikation der Mitarbeitenden und eine gute Kultur mit einem hohen Grad an Mitarbeiterzufriedenheit, dann genügt schon eine Einladung zur Bewertung. Letztlich registriert der interessierte Leser, der oft potenzieller Bewerber ist, sehr wohl, ob eine Bewertung nach der Probezeit frustriert oder ob eine positive Bewertung qualifiziert und ehrlich verfasst wurde.

Welche Handhabe haben Unternehmen, wenn eine Bewertung auf unwahren Behauptungen, Unterstellungen und Diffamierungen beruht?

Bei unwahren Behauptungen muss mit der Wahrheit gekontert und eine Gegendarstellung veröffentlicht werden – die Dinge sind richtigzustellen in einem immer sachlichen Ton und mit positivem Ausblick. Wenn allerdings Rufschädigung und Diffamierungen – also ein Verstoß gegen geltende Gesetze – im Raum stehen, gibt es außerdem die Möglichkeit, mit dem Plattformbetreiber Kontakt aufzunehmen, eine Meldung zu machen und den Sachverhalt darzulegen. Dieser Weg ist allerdings kein leichter und leider auch oft nicht von Erfolg gekrönt. Dann hilft es nur, einen spezialisierten Anwalt einzuschalten, denn auch Bewertungsplattformen für Arbeitgeber sind kein rechtsfreier Raum.

Was empfiehlt sich bei positiven Bewertungen?

Auch positive Bewertungen sollten immer Beachtung finden und kommentiert werden. Mit Dank für das gute Feedback und dem Versprechen, weiter dranzubleiben. Auch hier gilt, sich für die Antwort Zeit zu nehmen, wertschätzend und individuell zu formulieren – bei jeder Antwort. Positive Bewertungen sollten auch bei der internen Kommunikation genutzt werden – und die Führungskräfte erfahren, wie positiv Bewertungen ausgefallen sind.

Wie lässt sich die Zahl der positiven Bewertungen in die Höhe treiben?

Die beste Möglichkeit, die Zahl der positiven Bewertungen in die Höhe zu treiben, ist es, ein toller, fairer, attraktiver Arbeitgeber zu werden. Mitarbeitenden Freiräume und Verantwortung zu geben, zeitgemäße Rahmenbedingungen zu schaffen, Individualität zu ermöglichen und die Mitarbeitenden in allen Phasen ihres beruflichen Lebens zu fördern und zu unterstützen. Wenn dann noch offene Kommunikation stattfindet – auch in Krisenzeiten – dann ist der Boden bereitet. Denn dann kommen Mitarbeiter auch gerne der Bitte nach, das Unternehmen zu bewerten – beispielsweise nach der Probezeit, nach einer vom Unternehmen bezahlten Weiterbildung, beim Wiedereinstieg nach der Elternzeit, nach einer Beförderung, nach einer innerbetrieblichen oder externen Weiterbildung, nach einer gewünschten Reduktion der Arbeitszeit, nach der Ausbildung, wenn ein Jobangebot erfolgt ist.

Im Idealfall wird hier die eigene Personalabteilung ins Boot geholt und ein Automatismus initiiert. So kann dafür gesorgt werden, dass kontinuierlich mehr positive Bewertungen veröffentlicht werden. Hier gilt in jedem Fall: Ehrlichkeit ist Prio eins, denn gekaufte oder gefakte Bewertungen sind verboten und werden schnell durchschaut.

Ein Arbeitgeberprofil auf den Plattformen bietet darüber hinaus viele Möglichkeiten, sich als Arbeitgeber positiv zu positionieren. Fotos von Produktionsstätten, Büros, Videos, Mitarbeiterstimmen zeigen den Blick hinter die Kulissen und geben den Interessierten Einblicke in die Arbeitswelt des Unternehmens.

Was sollten Familienunternehmen darüber hinaus in Sachen Bewertungsportale beachten?

Es ist schwer zu akzeptieren, dass die Informationshoheit nicht mehr ausschließlich bei den Unternehmen liegt und dass das sorgsam aufgebaute Image unter kritischen Bewertungen leidet. Aber es gibt sie nun einmal und klar ist eines: Die Bewertungsportale finden starke Beachtung bei Wechselwilligen, die auf der Suche nach einem neuen Arbeitgeber sind.

Durch Suchalgorithmen werden bei der Jobsuche beispielsweise über Google in der Trefferliste auch direkt die Ergebnisse von Arbeitgeberbewertungsplattformen mit angezeigt. Auch Jobbörsen wie Stepstone und Jobsuchmaschinen wie Indeed haben Arbeitgeberbewertungen im Portfolio aufgenommen.

Daher ist es immens wichtig – im Sinne der Arbeitgebermarke oder der Employer Brand – hier ein authentisches Bild abzuliefern. Und zu einem authentischen Bild gehören auch die Themen, bei denen man heute noch nicht Spitzenreiter oder Employer of Choice ist. Und das ist gut so, denn ein potenzieller Bewerber sollte die Fakten vorab kennen. So vermeiden Unternehmen, dass falsche Vorstellungen nach der Einstellung zum Stolperstein werden.

Regelmäßige Recherche hält Unternehmen zudem auf dem aktuellen Stand. Wer die Informationsfunktion nutzt, wird benachrichtigt, wenn eine neue Bewertung eingegangen ist. Auf Einträge sollte unbedingt zeitnah reagiert werden. Und man sollte sich immer für positive und – auch wenn es schwerer fällt – für negative Bewertungen bedanken. Das zeigt Wertschätzung für den Mitarbeiter, der sich die Mühe gemacht hat, zu bewerten. Das zeigt auch potenziellen Bewerbern, dass hier offensichtlich gut miteinander kommuniziert und dass sachliche Kritik ernst genommen und registriert wird. Ein professioneller Arbeitgeberauftritt ist vielschichtig und wichtig – für die Mitarbeiterbindung, aber auch für die Gewinnung von neuen Mitarbeitern.

www.hienerwadel.de