Blickpunkt

„Wir reden nicht – wir machen einfach“
Ökosoziales Modelabel geht eigenen Weg

Hendrik Fuchs

Die Unternehmerin Sina Trinkwalder hat vor elf Jahren das Modelabel Manomama gegründet und eindrucksvoll unter Beweis gestellt, dass sich nachhaltiges Handeln in vielerlei Hinsicht auszahlt. Im Interview appelliert sie an die Politik, bessere Rahmenbedingungen für nachhaltige Vorzeigeunternehmen zu schaffen.

Das Unternehmen Manomama gibt Menschen, die auf dem Arbeitsmarkt als schwer vermittelbar gelten, eine Chance, ihren eigenen Lebensunterhalt zu erwirtschaften.

Welche Idee steckt hinter dem Modelabel Manomama?

Manomama wurde nicht gegründet, um Mode zu machen. Vielmehr sollen alle Menschen, die sonst von jeder Firma abgelehnt werden und die vielleicht nicht gerade das Zeug zum Doktor haben, eine Chance bekommen, ihren eigenen Erwerb zu erwirtschaften, damit sie wieder an unserer Gesellschaft teilhaben können. Zudem wollten wir an handwerklichen Traditionen anknüpfen, die an unserem Stammsitz in Augsburg über viele Jahrhunderte gepflegt wurden. Dazu zählt die Textilwirtschaft. Mir ist immer wichtig zu schauen, was die Menschen bewegt, wo sie auf der empathischen Ebene agieren. Wenn Sie bei uns in der Region über die damalige Textilwirtschaft sprechen, geht ganz vielen Menschen das Herz auf. Und eines wurde nicht nur in der Pandemie klar: Das Handwerk bringt viele sehr anspruchsvolle und nachhaltige Jobs hervor. Das wurde leider über viele Jahre falsch verkauft, weil jeder studieren musste.

Wie wird bei Ihnen im Unternehmen das Thema Nachhaltigkeit umgesetzt?

Sie ist der Grundpfeiler unseres Tuns. Nachhaltigkeit ist für mich nichts anderes als Ressourcen- und Respekteffizienz. Das heißt, einen respektvollen Umgang mit Mensch, Tier und Natur zu pflegen und gleichzeitig mit Ressourcen möglichst schonend umzugehen. Konkret setzen wir alle Hebel in Bewegung, um Stoffreste zu vermeiden. So machen wir für unsere neueste Kollektion „Fien Flitts“ aus Zuschnittsresten noch Kinderkleidung, die wir klug in Schnitte gießen. Zudem haben wir bis heute 30 bis 40 Tonnen an Zuschnittsresten aus der Sonnenschutz-Industrie für die Herstellung anderer Produkte verwendet. Heute wird leider vieles nur recycelt. Besser ist es doch, das Material, das man noch hat, gleich einer hochwertigen Verwendung zuzuführen. Denn für Recycling braucht man ja wieder Energie und Logistik, bekommt man am Schluss ein Produkt, das nicht mehr den Qualitätskriterien des Ausgangsprodukts entspricht. Wenn wir Materialien brauchen, die wir nicht vorrätig haben, setzen wir ausschließlich auf Bioprodukte, die aus der Region stammen. Regional ausgerichtet ist unsere gesamte Wertschöpfungskette: So lassen wir beispielsweise auf der Schwäbischen Alb stricken und färben.

Gegenüber unseren Mitarbeitern ist es dasselbe – sie als Menschen zu respektieren, ist nachhaltig. Nicht nachhaltig ist es, in sie zu investieren und sie anschließend wie eine Zitrone auszuquetschen. Wir haben von 6 bis 22 Uhr geöffnet, die Kolleginnen und Kollegen können sich in Nicht-Coronazeiten aussuchen, wann sie arbeiten möchten. Bei uns dürfen die Mitarbeitenden ihre Arbeit um die Familie herum bauen und nicht die Familie um die Arbeit organisieren. Da braucht es nicht mal eine Planung, sondern nur eine gute Kommunikation untereinander sowie einen fairen und netten Umgang miteinander. Das hat bisher bestens funktioniert. Um Missverständnissen vorzubeugen: Wir haben zwar flache Hierarchien, sind aber kein anarchischer Haufen. Das verwechseln manche traditionellen Familienunternehmer mal gerne.

Eine leidenschaftliche Verfechterin eines nachhaltigen Unternehmertums: Manomama-Gründerin Sina TrinkwalderManomama
Eine leidenschaftliche Verfechterin eines nachhaltigen Unternehmertums: Manomama-Gründerin Sina Trinkwalder

Wie hat sich Manomama in den vergangenen Jahren entwickelt?

Wir haben uns in den vergangenen Jahren sehr erfolgreich entwickelt und positionieren uns gerade neu. Wir befinden uns momentan mitten im „Restart 21“, denn inzwischen sind wir nicht mehr der zusammengewürfelte Haufen vermeintlich Untalentierter, sondern ein starkes mittelständischen Unternehmen mit 150 Mitarbeitenden und in Summe 4000 Jahren ausgewiesener Kompetenz. Wir stehen richtig gut da und kämpfen täglich dafür, dass unser Handwerk die nächsten 100 Jahre überlebt. Seit der Gründung haben wir keinen Cent Förderung vom Staat erhalten und sind auch ohne Kurzarbeit durch die Pandemie gekommen. Stehen Investitionen an, werden diese aus dem Cashflow finanziert. Wir haben gezeigt, dass sich nachhaltiges Handeln und Erfolg nicht ausschließen, wobei ich den volkswirtschaftlichen Erfolg meine. Wenn wir unsere Wirtschaft tragfähig gestalten wollen, müssen wir in Zukunft viel mehr Komponenten der Volkswirtschaft einfließen lassen. Die Wirtschaft muss unserer Gesellschaft dienen, nicht andersherum.

Von vielen Unternehmerinnen und Unternehmern wurden Sie anfangs belächelt…

Richtig. Dass ich mit meinem Konzept Erfolg haben werde, haben die wenigsten Unternehmer geglaubt. Die ersten drei Jahre hieß es: „Die Trinkwalder ist eine Spinnerin.“ Die nächsten drei Jahre haben sie mich beobachtet, ganz nach dem Motto „Mensch, die lebt ja immer noch. Das gibt’s doch gar nicht“ – um dann wiederum drei Jahre später zur Erkenntnis zu kommen, dass „das, was ich mache, gar nicht schlecht ist – aber es irgendwie doch nicht sein kann“. Erst heute schauen sie genauer hin und wollen wissen, wie ich das hinbekomme habe.

Was bedeutet für Sie das Wort Erfolg?

Erfolg bedeutet für mich heute, wenn ich Menschen wieder in die Leistungsgesellschaft einladen und integrieren kann. Heutzutage liegt viel zu viel Arbeitskraft ungenutzt brach. Das müssen wir ändern. Und es darf nicht vergessen werden, wie wichtig Arbeit für die soziale Teilhabe ist. Sie verhindert, dass Menschen vereinsamen, zwischen den Mühlen von Wiedereingliederung und Therapien aufgetrieben werden. Mich interessiert nicht, was die Menschen gemacht haben oder wo sie herkommen. Mich interessiert, wo ich mit den Menschen hingehen und was ich mit ihnen gemeinsam erreichen kann.

Was verstehen Sie im Kontext der Nachhaltigkeit unter einer intelligenten Wertschöpfung?

Eine intelligente Wertschöpfung wird an folgendem Beispiel deutlich: Wir nähen für Edeka, Tegut und Dm Stofftaschen aus 100 Prozent Bio-Baumwolle. Wir haben unseren eigenen sortenreinen – sogar farbsortenreinen – Verschnitt, der wieder an unsere Spinnerei zurückgeht. Hierfür konnten wir dank unseres partnerschaftlichen Netzwerks ganz ohne Forschungsgelder ein eigenes Verfahren entwickelt. Da sind wir wieder beim Thema restefreie Verwertung. Dafür haben wir 2015 den B.A.U.M.-Umweltpreis bekommen. Wir reden nicht, sondern wir machen einfach.

Was muss sich Ihrer Meinung nach auf politischer Ebene ändern, damit das Thema Nachhaltigkeit noch viel stärker und ganzheitlicher vorangetrieben wird?

Wenn zum Beispiel „Made in Germany“ auf einem Produkt drauf steht, muss es politisch eingetütet werden, dass mindestens 75 Prozent der Wertschöpfung auch dort stattgefunden haben. Ein weiteres grundsätzliches Problem, das sich meiner Meinung nach nur politisch lösen lässt: Derjenige, der ökologisch, sozial und nachhaltig wertschöpft, wird in Deutschland bestraft. Wer etwa eine Stofftasche mit uigurischer Baumwolle im Bangladesch produzieren lässt, kommt auf einen Nettopreis von rund 60 Cent pro Stück. Zusammen mit 19 Prozent Mehrwertsteuer und einer ordentlichen Marge, geht die Tasche dann für zwei Euro über die Ladentheke. Ich hingegen brauche alleine zwei Euro netto, um die gleiche Tasche in Deutschland herzustellen. Dieser Missstand könnte durch eine reduzierte Mehrwertsteuer ganz einfach behoben werden, die an Nachhaltigkeitskriterien gekoppelt ist. Denn dann wäre der Preisunterschied weit weniger groß – und die Chance, dass Konsumenten zum wirklich nachhaltigeren Produkt greifen, wesentlich höher. Allein mit steuerlichen Anreizen könnte man hier sehr viel bewegen.

www.manomama.de