Blickpunkt
Die News Dezember 2022

Zu starker Fokus auf Fehlervermeidung

Was Frauen an der Selbstständigkeit hindert

Im September erschien das Buch "Gründen – Frauen schaffen Zukunft" im Frankfurter Allgemeine Verlag. Im Interview erläutert Herausgeberin Prof. Dr. Nadine Kammerlander von der Wirtschaftshochschule WHU, warum es in Deutschland so wenige Gründerinnen gibt und was Frauen auf dem Weg in die Selbstständigkeit helfen würde.

Hendrik Fuchs
Lesezeit: ca. 6 Minuten
WHU

Nicht einmal ein Drittel der Gründerpersonen in Deutschland sind Frauen. Woran liegt das?

Allgemein kann man sagen, dass Deutschland nicht unbedingt eine Gründernation ist, wenngleich sich das in den vergangenen Jahren etwas gebessert hat. Gründen steht bei uns im Vergleich zu anderen Ländern weniger im Fokus als andere Karrieren. Das hängt unter anderen mit unserer Scheitern-Kultur zusammen – also der Frage, wie es aussieht, wenn ich keinen linearen Lebenslauf vorzuweisen habe. Bei Frauen hat das alles noch einmal eine ganz andere Dimension. Viele Frauen möchten eben zu einem gewissen Zeitpunkt eine Familie gründen und möglichst ein paar Jahre bei den Kindern zu Hause bleiben. Da stellt sich ihnen schnell die Frage, ob es klug ist, ein eigenes Unternehmen ins Leben zu rufen, oder ob es nicht besser ist, sich vor der Familiengründung eine gewisse Position in einer etablierten Firma zu erarbeiten, auf die man eventuell zurückkehren kann.

Ein Grund ist zudem sicherlich in der Erziehung von Mädchen zu suchen – sowohl zu Hause als auch in der Schule. Die wissenschaftliche Theorie vom Regulatory Focus besagt: Je nach dem, wie Kinder erzogen werden, hat es Auswirkungen darauf, ob man eher sagt, „Mir ist wichtig, dass ich bestimmte Dinge erreiche, egal wie viele Misserfolge meinen Weg säumen“, oder ob ich auf die Zahl der Misserfolge schaue. Mädchen werden in Deutschland oft dahingehend erzogen, dass sie keine Fehler machen sollen, und beispielsweise in der Schule konstant gute Leistung bringen sollen. Der Fokus auf eine Fehlervermeidung ist bei vielen Mädchen beziehungsweise Frauen nach wie vor sehr stark ausgeprägt.

Prof. Dr. Nadine Kammerlander ist Lehrstuhlinhaberin für Familienunternehmen an der WHU Otto Beisheim School of Management. WHU

Wie sieht es mit dem Thema Rollenvorbilder in diesem Kontext aus?

Die meisten Mädchen sehen in ihrer Schulzeit, dass viele Frauen Lehrkräfte sind beziehungsweise werden und schlagen diesen Weg dann später ebenfalls ein. Gründerinnen und Unternehmerinnen tauchen in ihrem Kosmos bis dahin oft gar nicht auf. Glücklicherweise kommt da gerade etwas Bewegung rein. Es ist schon erstaunlich, wie stark tradiert die Rollenbilder in Deutschland immer noch sind. Als Professorin an der WHU habe ich regelmäßig Kontakt zu internationalen Studierenden. Da werde ich hin und wieder auch gefragt, wie das hierzulande mit den Familienunternehmen ist, ob dort auch viele Frauen an der Spitze stehen. Wenn ich dann den Studierenden die Zahlen zeige, auch die hiesige Teilzeitarbeit-Quote von Frauen, fallen die aus allen Wolken, sind regelrecht geschockt. Und ich habe den Eindruck, dass ich hier nicht gerade ein modernes und aufgeklärtes Land präsentiere.

In welchen Bereichen sind Frauen besonders stark vertreten?

Die Forschung hat aufgedeckt, dass sehr viele Frauen ihre Unternehmen in Branchen gründen, die langsam und nachhaltig wachsen – sie eher von Anfang an wie ein Familienunternehmen agieren. Dagegen werden Branchen, die ein schnelles Wachstum anstreben und mit höheren Risiken und einem teils erheblichen Kapitalbedarf verbunden sind, ganz klar von Männern dominiert. Da ist man dann auch recht schnell beim Thema Finanzierung. Geht es um die Höhe von Krediten, sind Frauen im Vergleich zu Männern weitaus zurückhaltender, möchten mit kleineren Summen möglichst viel erreichen. Männer schöpfen da gerne aus dem Vollen, sind weitaus risikofreudiger. Ganz nach dem Motto: „Wenn es schiefgeht, geht es eben schief. Und egal wie hoch die Verschuldung ist, es wird schon funktionieren.“

Einen Bereich, in dem erfreulicherweise sehr viele Frauen gründen, ist das Social Business. Hier sind die Frauen äußerst kreativ, überzeugen mit innovativen und nachhaltigen Geschäftsmodellen, die neben dem Erzielen eines Profits vor allem die Lösung eines sozialen Problems zum Ziel haben. Dazu gibt es tolle Beispiele in meinem Buch. Und mal ehrlich: Wer braucht denn die zwanzigste Gründung im E-Commerce-Segment, etwa die eines Essenszulieferers, der dann wieder Mitarbeitende zu Hungerlöhnen beschäftigt?

Mit welchen speziellen Herausforderungen haben gerade Gründerinnen zu kämpfen?

Für das Buch wurden nicht nur Frauen ausgesucht, die erfolgreich eine Firma gegründet haben, sondern die teilweise mit ihren Unternehmen auch gescheitert sind, aber trotzdem ihren Weg in Sachen Selbstständigkeit mutig weitergegangen sind. Einige hatten bei der Gründung damit zu kämpfen, dass sie in der Familie und im Freundeskreis nicht den Rückhalt erhalten haben, den sie gebraucht hätten. Es ist mitunter recht mühselig, sich in seinem Umfeld für etwas, das einem wichtig ist, ständig rechtfertigen zu müssen. Das ist bei Männern in dieser Form seltener der Fall.

Auch die Finanzierung ihrer Gründung stellt Frauen häufig vor große Herausforderungen, wie die Forschung mehrfach belegt hat. Reine Frauenteams haben gegenüber gemischten Teams schlechtere Chancen, bei Investoren an Geld zu kommen. Ich kenne eine Studentin, die ihr Studium gerade abgeschlossen hat und bei der Finanzierung ihrer Gründung auf unüberwindbare Hürden gestoßen ist. Jetzt überlegt sie, einen Mann mit ins Team zu holen, um ihre Chancen zu verbessern.

Woran liegt das?

Die Investorenbranche ist männerdominert. Häufig waren die Investoren vor vielen Jahren selbst erfolgreiche Gründer und erkennen in den jungen männlichen Gründern ihr früheres Ich wieder. Das ist nicht böse gemeint, sondern ist vielmehr ein psychologischer Prozess, der unterbewusst abläuft. Menschen bevorzugen eben Menschen, die ihnen ähnlich sind, sei es die Herkunft, vom Aussehen oder Geschlecht her. Es gibt zudem eine spannende wissenschaftliche Studie, die die Fragen der Investoren an die Gründer genauer unter die Lupe genommen hat. Das Ergebnis: Männern wurden mehr Fragen zum Thema Wachstum und Ziele gestellt, wogegen sich Frauen häufig mit fehlerbasierten Fragen konfrontiert sahen. Also zum Beispiel: Wie verhindern Sie, dass Ihnen ein Konkurrent Marktanteile streitig macht? Frauen haben leider die Tendenz, auf alle Fragen, die ihnen gestellt werden, spontan zu antworten, statt zurechtgelegte Sätze mit der eigenen Agenda, der eigenen Story rüberzubringen.

Mit welchen Maßnahmen ließe sich der Mangel an Gründerinnen beheben?

Das Thema Unternehmertum muss bereits in der Schule an Mädchen herangetragen werden. Sie sollten nicht nur Lehrerinnen und ihre Mütter, sondern auch Unternehmerinnen zu Gesicht bekommen. Im Studium braucht es allgemein viel mehr Entrepreneurship-Programme und vielleicht noch kleinere ausgewählte Formate speziell für Frauen – beispielsweise Coachings, um bei Investoren-Befragungen besser punkten zu können. Auch beim Thema Rollenvorbilder kann man an den Unis ansetzen, indem zu Seminaren, Vorlesungen oder anderen Formaten nicht nur Unternehmer, sondern auch Unternehmerinnen und Gründerinnen eingeladen werden. Und: Investoren sollten sich über die Verzerrungen, die sich durch ihre Fragen ergeben können, im Klaren sein.

Was zeichnet die in Ihrem Buch vertretenden Gründerinnen in besonderem Maße aus?

Sie alle sind Macherinnen, die sich einfach getraut haben, ihren Weg mit Überzeugung, viel Energie und Passion zu gehen. Darunter sind Namen, die man kennt, aber auch viele unbekannte Gründerinnen aus unterschiedlichen Branchen. Alle eint ein unbändiger Wille, etwas bewegen zu wollen. Alle denken zudem langfristig und nachhaltig, wollen nicht nach ein paar Jahren aussteigen, um etwas anderes zu machen. Was sie noch auszeichnet: Sie sind unglaublich offen, zeigen fernab von irgendwelchen Teflon-Erfolgsstorys Schwächen und Verletzlichkeit. Das ist Ausdruck einer besonderen persönlichen Stärke.

www.whu.edu

Buchtipp

Frankfurter Allgemeine Buch

Gründen – Frauen schaffen Zukunft. Im neuesten Werk von Nadine Kammerlander, Claudia Rankers und Claudia Lässig stellen 40 beeindruckende Frauen ihren Weg in die Selbstständigkeit vor. Die Unternehmerinnen gegen zudem wichtige Tipps rund um das Gründen.

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