Portraits
28. Januar 2010

Mit Pioniergeist nach Russland

Seit den frühen 80-er Jahren arbeitet Karin van Mourik in Russland. Heute ist sie dort nicht nur unternehmerisch, sondern auch mit einer Stiftung engagiert.

Spricht man mit Karin van Mourik, ist eines offensichtlich: Die Begeisterung für ihre Arbeit. Man kann sich gut vorstellen, dass es ihr gelingt, Kontakte zu knüpfen, Netzwerke aufzubauen und anderen die Kultur und Mentalität eines fremden Landes nahe zu bringen. Die Unternehmerin aus Freiburg betreibt eine Beratungsgesellschaft, die Unternehmen beim Aufbau von Niederlassungen, Vertretungen und dem Markteintritt in Russland berät. Außerdem hat sie in Russland die „Van Mourik Medical AG“ mit sieben Angestellten gegründet, die medizinische Implantate verkauft. Zwischen zehn und 16 Tage pro Monat verbringt die Unternehmerin in Russland.

Jung und mutig

In Nalchik, Hauptstadt der Kaukasus-Republik Kabardino-Balkaria,
organisierte die Stiftung eine zweiwöchige Sommerschule
für Kinder mit Cochlea-Implantaten.

Man kann die Unternehmerin getrost als Pionierin bezeichnen, denn sie arbeitete schon vor dem Fall des Eisernen Vorhangs für westliche Firmen in der damaligen Sowjetunion. Sie hat Russisch studiert zu einer Zeit, als noch niemand absehen konnte, dass es einmal wichtig sein würde, diese Sprache zu sprechen. 1977 ging sie zum ersten Mal nach Russland und entdeckte „das ist meine Sprache, mein Land“. 1981 heiratete sie einen Russen – eine unerhörte Tat damals für eine junge Westdeutsche. „Damals konnte man nur als Student oder Doktorand in Russland leben“, erinnert sich van Mourik. „Obwohl ich verheiratet war, durfte ich nur im Hotel wohnen. Natürlich haben wir uns nicht immer daran gehalten. Der KGB war immer irgendwo in der Nähe.“ Und selbst, wenn die damals 22-Jährige mit ihrem Mann zusammen war, gestaltete es sich alles andere als einfach, denn er lebte in einer großen Wohnung mit 17 anderen Menschen. Er und seine Eltern wohnten in einem Zimmer. Sie begann, für Unternehmen zu übersetzen, zu dolmetschen, zu unterrichten, betreute Geschäftsreisende in Russland. „Kaum jemand sprach Russisch. Es gab schon damals einen großen Bedarf nach solchen Dienstleistungen.“

Durchblick im „wilden Osten“

Im Gespräch mit Murtaza Rakhimov,
Präsident der Republik Bashkortostan.

„Dieser Bedarf wuchs nach dem Mauerfall sehr schnell,“ erzählt van Mourik. 1993 baute sie für die Hellige GmbH aus Freiburg das Russland-Geschäft auf. Sie richtete ein Büro in Moskau ein, organisierte Vertrieb und Service der kardiologischen Geräte. Mit 25 Mitarbeitern rüstete sie ganze Operationssäle und Intensivstationen aus. Vor Gorbatschows Perestrojka gab es in der ganzen Sowjetunion nur eine Einkaufsstelle für medizinische Geräte. Erst nach dem Ende des Riesenreiches entstand ein halbwegs normaler Markt für westliche Firmen. „Damals unter Jelzin herrschte Chaos“, sagt die Unternehmerin. „Es war der wilde Osten. Alles war möglich. Wir verdoppelten unseren Umsatz jedes Jahr und richteten zusammen mit anderen Unternehmen ganze Krankenhäuser oder -zentren ein. Man musste gut bewacht sein, denn alles verlief völlig unkontrolliert.“

Karin van Mourik beim Bairam, einem großen
traditionellen Volksfest in der Republik Bashkortostan.

Ab 1998 spezialisierte sich van Mourik auf die Beratung mit dem Schwerpunkt auf interkulturelles Training. „Ich habe die Erfahrung gemacht, dass die meisten Geschäftsbeziehungen nicht an Unstimmigkeiten wegen des Geschäfts scheitern, sondern an Mentalitätsunterschieden. In Russland ist im Moment meine Generation an der Macht“, erklärt die 55-Jährige. „Dadurch, dass ich schon so früh in Russland war, weiß ich, wo die Leute herkommen, welchen Weg sie gegangen sind, wo ihre Empfindlichkeiten liegen und welche Lieder sie singen. Die Deutschen sind oft auf das rein Geschäftliche konzentriert“ erklärt sie. „Die Russen sind viel herzlicher. Die persönlichen Beziehungen zu pflegen, ist ihnen sehr wichtig. Dafür muss man sich auch mal am Abend oder am Wochenende Zeit nehmen.“ Van Mourik checkt für deutsche Unternehmen die Märkte und die Kunden, besorgt Hintergrundinfos, unterstützt bei Behördengängen, sucht russische Partner vor Ort, knüpft Kontakte, bereitet Ausstellungen und Kongresse vor.

Wunder für taube Kinder

Ihre Kenntnis des Medizinbereichs brachte der Unternehmerin 2006 einen US-Kunden, Advanced Bionics, Hersteller von Cochlea-Implantaten, für den sie den Markteintritt vorbereiten sollte. Also schaute sie sich den Markt für Innenohr-Implantate genauer an und entdeckte, dass taub geborene Kinder in Russland kaum eine Chance hatten zu hören oder sprechen zu lernen, weil Implantate im russischen Gesundheitswesen fast keine Rolle spielten. Sie startete eine Aufklärungskampagne, gründete „Van Mourik Medical“. Mittlerweile ist die Anzahl der Implantate um das Zehnfache gestiegen. Pro Jahr werden bereits über 500 Implantate verkauft, unter anderem an das russische Gesundheitsministerium. Van Mourik hilft mit beim Aufbau eines Neugeborenen-Screenings, bei dem Taubheit erkannt wird, stattet Operationssäle mit modernster Technik aus, unterstützt bei Operationsvorbereitung und -begleitung.

Die Unternehmerin nach einem Gespräch mit Arsen Kanokov,
Präsident der Republik Kabardino-Balkaria, bei dem die Grundlage dafür
gelegt wurde, dass heute auch dort Kinder vor Ort operiert werden können.

Die von ihr gegründete Stiftung „Die Welt hören“, unter anderem von Mercedes-Benz Russia unterstützt, hilft bei der notwendigen Nachsorge, sorgt für die Ausbildung von Ärzten und Therapeuten, den Austausch mit deutschen und englischen Kollegen und ermutigt die Eltern zur Gründung von Selbsthilfegruppen. „Weltweit wird immerhin eines von 1.000 Kindern taub geboren“, sagt van Mourik. „Deshalb bin ich auch stolz darauf, dass es mir gelungen ist, in Bashkortostan, einer Republik etwa 1.800 Kilometer von Moskau entfernt, Präsident Murtaza Rakhimov von einem Regionalprogramm zu überzeugen. Dort wurde innerhalb von zwei Jahren mit Regierung und Stiftung ein geschlossenes System geschaffen, das Vorbildfunktion hat.“ Dafür wurde der engagierten Unternehmerin die Ehrendoktorwürde der Staatlichen Medizinischen Universität der Republik Bashkortostan verliehen. „Um so etwas zu erreichen, muss man in Russland auf allen Ebenen tätig sein“, erklärt die Unternehmerin. „In Deutschland ist das einfacher, weil es klare Strukturen gibt. Man kennt die Ansprechpartner und kann schneller und direkter zusammenarbeiten.“

Van Mouriks Liebe zu Russland ist trotz aller Hindernisse ungetrübt: „Ich bin auch nach über 30 Jahren von diesem Land mit all seinen Widersprüchen fasziniert. Ich habe immer das getan, woran mein Herz hing und meine Kompetenz eingebracht.“

www.conrus.de

www.van-mourik-medical.com

www.hearworld-fond.net