Portraits
22. April 2010

Familienunternehmer durch und durch

Heinz Kipp führt in zweiter Generation die Paul Kipp GmbH in Kornwestheim bei Stuttgart, eines der wenigen Unternehmen, die in der Krise zugelegt haben.

Ursprünglich war die Paul Kipp GmbH ein Malerbetrieb, der von Paul 1946 gegründet worden war. In den 60er-Jahren begann das Unternehmen damit, zusätzlich zum normalen Geschäft Straßen und Parkplätze in der Umgebung zu markieren. Damals wurden die Markierungen noch mit Farbe aufgetragen. Nach und nach dehnte sich das Geschäft auf Schulhöfe und Sportplätze aus. Man arbeitete mit Markierungsmaschinen, die man selbst umbaute, damit man auch Striche von fünf Zentimetern und schmaler ziehen konnte.

Wegweisende Kooperation bringt Marktanteile

Markierer bei der Arbeit

1967 wurde die amerikanische Firma 3M-Tartan auf den rührigen Malerbetrieb aufmerksam. 3M suchte einen Linierer, der in der Lage war, den neuen Belag aus Kunststoff zu markieren. Die erste Kunststoffbahn in Europa wurde im Züricher Stadion Letzigrund gelegt und von Kipp mit Zwei-Komponenten-Polyurethanfarben markiert. Das war der Beginn einer fruchtbaren Zusammenarbeit. Fortan zog Kipp im Gefolge von 3M durch sämtliche Stadien Europas die Linien. In Deutschland war das erste Stadion, das die Kornwestheimer markierten, das Stuttgarter Neckarstadion.

Das Unternehmen arbeitet innen und außen.

Als sich 3M aus dem Geschäft zurückzog, hatte die Firma Kipp bereits das nötige Know-how gesammelt und arbeitete ab den 70er-Jahren auch mit deutschen Produkten. 1972 wurde das Olympiastadion in München mit Farben von Bayer liniert. Eine ganz besondere Konstellation ergab sich 1980. Amerikaner und Deutsche boykottierten damals die Olympiade. Paradox der Geschichte: Die Athleten liefen auf amerikanischen Bahnen, die von einem deutschen Unternehmen markiert worden waren.

Marktführer in der Nische

Das Stadion in Rabat wurde von Kipp liniert.

Heinz Kipp trat 1963 in die Firma des Vaters ein. Nach dem Gymnasium hatte er eine Lehre absolviert und eine Ausbildung zum Lack- und Kunststofftechniker gemacht. Er begann, eigene Farben zu entwickeln. Anfang der 70er-Jahre löste er im Sporthallenbereich eine kleine Revolution aus, die den Hallenbetreibern zudem Kosten sparte. „Ich dachte mir, es kann doch nicht sein, dass man auf den PVC-, Linoleum und Parkettböden die Markierungen ausfräst und farbige Streifen einlegt“, erinnert sich Heinz Kipp. „Das war richtig teuer.“ Der vife Malermeister setzte sich mit seinen Farben, die selbst auf Kautschuk hafteten am Markt durch und verdrängte die eingefrästen Streifen. „Damals markierten wir 50 bis 60 Hallen pro Jahr“, sagt Kipp. „Heute sind es 1.000 bis 1.200 pro Jahr und wir haben in Deutschland einen Marktanteil von 80 Prozent. Doch auch im Ausland ist Kipp mit Großprojekten vertreten, zum Beispiel in Saudi-Arabien, Südamerika und Afrika.

Das fertige Stadion in Rabat.

„Unser Geschäft ist ein Nischengeschäft“, so der Unternehmer. „An uns kommt man nicht vorbei. Die meisten Anbieter sind zu klein, um wirklich mitzumischen. Man muss eine gewisse Größe haben. Die haben wir und wir haben jahrzehntelange Erfahrung. Eine durchschnittliche Halle misst 27 mal 45 Meter und ist in drei teilbar. Die Zwei-Mann-Kolonnen von Kipp schaffen die Markierungsarbeiten dafür in zwei, maximal drei Tagen. Das sind etwa 2,5 Kilometer Linien. Im August, wenn für die Markierer Hochsaison ist, bedeutet das 60 bis 80 Baustellen pro Woche für die 20 Teams.

Konzentration auf das Kerngeschäft

1978 übernahm Heinz Kipp die Firma des Vaters. 1995 gab er das ursprüngliche Malereigeschäft auf. „Wir hatten das Malergeschäft weiter betrieben, um über die auftragsarmen Wintermonate zu kommen. Doch die Erträge waren gering. Deshalb haben wir uns anders organisiert“, erklärt der Unternehmer. Seit 17 Jahren gibt es bei Kipp keine Stundenlöhne mehr. Es wurden Arbeitswerte eingeführt, die auf Erfahrungswerten basieren. Nach ihnen wird der Lohn berechnet. Jede Kolonne betreibt sozusagen ihr eigenes Unternehmen im Unternehmen. Freitags gibt es den Wochenplan, Montag früh geht es los. „Unsere Mitarbeiter haben ein Eigeninteresse daran, möglichst wenig Zeit zu verschwenden und die Baustellen so schnell wie möglich durchzuziehen“, sagt Kipp. „Da die Teams nicht im Betrieb arbeiten, ist Kontrolle schwierig. Durch unser Entlohnungssystem haben Mitläufer keine Chance. Die Arbeitswerte schaffen maximale Transparenz.“

Kipp im Gespräch mit der Redaktion und dem Fotografen Stefan Skrzipietz.

Dadurch haben sich auch die Probleme an Wochenenden und in der Hauptsaison erledigt, denn in diesen Zeiten wird das meiste Geld verdient. „In der Hochsaison in den Ferienmonaten können die Teams den dreifachen Umsatz machen. Also geht niemand in Urlaub“, sagt der Chef und betont: „Ich war auch selbst noch nie während der Hochsaison im Urlaub, obwohl auch ich Kinder habe. Jeder muss wissen, wann es gilt. Ich lebe das vor.“ In den flauen Wintermonaten von November bis März gibt es für die Angestellten Schlechtwettergeld und Ruhepausen, für die Hilfskräfte eine Wiedereinstellungsgarantie. Auf diese Weise sind diejenigen, die arbeiten, ausgelastet.

Vertrauen im Unternehmen zahlt sich aus

Seit Beginn der 90er-Jahre gibt es außerdem gemeinsam mit den Mitarbeitern entwickelte Leitlinien, in denen besonderer Wert auf den Umgang miteinander gelegt wird. „Unsere Mitarbeiter sind meistens länger mit ihren Kollegen zusammen als mit ihrer Familie“, sagt Kipp. „Da spielt eine Menge Psychologie mit. Deshalb legen wir Wert darauf, dass wir ordentlich miteinander umgehen, Probleme ansprechen und diskutieren. Wir machen dazu regelmäßig Seminare für alle Mitarbeiter, manchmal beziehen wir sogar die Familien mit ein. Wenn die Familie kein Verständnis aufbringt, gibt es Probleme, wenn der Mann ständig auf Montage ist. Das ist eine Ausgabe, die sich lohnt.“

Auch für die Weiterbildung wird kontinuierlich Geld ausgegeben. Weiterbildung umfasst für Kipp nicht nur die Entwicklung der fachlichen Kompetenz, sondern auch die Ernährung und Gesunderhaltung der ihm anvertrauten Mitarbeiter. Dafür erhielt das Unternehmen den Gesundheitspreis des deutschen Handwerks. „Das A und O ist für mich als Familienunternehmer die Verantwortung für meine Mitarbeiter und deren Familie.“

„Wir wollen die Ersten sein“

Eigenentwicklungen wie Farben und Lösungsmittel bringen zusätzlich Geld.

„Wir sind ein Familienunternehmen“, so Kipp. „Das bedeutet, dass jeder den Chef kennt und mit Problemen, auch mit privaten, zu ihm kommen kann. Er muss sich damit auseinandersetzen und helfen, Lösungen zu finden. Dafür haben wir viele langjährige Mitarbeiter. Ihre Kinder sind unser Nachwuchs. Viele von ihnen arbeiten während Schule oder Studium für uns als Aushilfskräfte. Einige davon bleiben hängen oder kommen wieder.“ Und auf qualifizierte Unternehmen ist Kipp angewiesen, denn man zieht nicht einfach Linien. Im Unternehmen werden Farben entwickelt und andere Produkte, die die Bedingungen für die Sportler verbessern. Vieles davon hat mit Umwelt- und Gesundheitsschutz zu tun. „Wir haben zum Beispiel eine Versiegelung entwickelt, die den Gleit- und Reibungswert verbessert und nicht mehr lösungsmittelhaltig ist“, erzählt der Unternehmer. „Auch den Anteil an Lösungsmitteln in unseren Markierungsfarben haben wir kontinuierlich gesenkt. Wir wollen die ersten sein, die ohne Lösungsmittel auskommen.“ Dafür arbeitet man mit einer Lackfabrik zusammen, die die Kipp-Produkte in Lizenz herstellt.

Heinz Kipp setzt auf eigene Innovationen.

Auch die Markierungsmaschinen werden inzwischen nicht mehr gekauft, sondern selbst entwickelt und an andere Firmen verkauft. Ebenso die Zirkel, die man für das Aufbringen von Kurven benötigt. Nach und nach ist so ein lukratives Zusatzgeschäft entstanden. Und es wird weitergetüftelt. Handballer zum Beispiel schmieren sich Harz an ein Klebeband an den Beinen. Sie harzen damit ihre Hände, damit sie einen festeren Halt für den Ball bekommen. Das bereitet Probleme bei der Reinigung der Hallen. Kipp hat einen Harzentferner ohne Lösungsmittel entwickelt.

Nachfolgeregelung in Sicht

Heinz Kipp hegt zwar noch nicht die Absicht, sich aufs Altenteil zu begeben, aber ihm ist bewusst, dass auch die geregelte Nachfolge seine Verantwortung ist. Ganz möchte sich der 64-Jährige noch nicht zurückziehen. „Schließlich ist das mein Lebenswerk, aber ich habe bereits begonnen, Verantwortung abzugeben und mir Freiräume zu schaffen“, sagt er. Tochter Susanne ist für die Finanzen zuständig, Schwiegersohn Stefan Morcher kümmert sich um den technischen Bereich. Um die Organisation der Baustellen kümmert sich Kipp nach wie vor selbst, denn das braucht viel Erfahrung. „Meine Arbeit macht mir immer noch Spaß und ich möchte nach wie vor dafür sorgen, dass wir den entscheidenden Zentimeter voraus sind“, so Kipp.

Fotos von Heinz Kipp: Stefan Skrzipietz, alle anderen Paul Kipp GmbH.

www.kipp-line.de