Portraits
12. Februar 2011

Uhren-Concepter aus Pforzheim

Die „Flucht nach vorn“ kann ein durchaus erfolgreicher Ausweg sein. Davon ist Hansjörg Vollmer, Chef des Familienunternehmens Aristo Vollmer GmbH in Pforzheim, Hersteller von Uhren und Uhrarmbändern, überzeugt.

Die von seinem Großvater Ernst Vollmer im Jahr 1922 in Birkenfeld gegründete Firma zur Fertigung von Ketten und Bijouterieartikeln hatte schon eine Reihe von Herausforderungen gemeistert – die Hyperinflation Anfang der 1920er Jahre, den Zweiten Weltkrieg, den Zusammenbruch der Märkte und die Wirtschaftswunderjahre. Trotz aller Widrigkeiten etablierte sich die Firma rasch als renommierte Uhrarmbandfabrik. Ob Gliederbänder oder Ketten, geflochtene Milanaisebänder oder Spangen – schnell war das mit dem Namen Vollmer verbundene Know-how in diesem Segment von Kunden im In- und Ausland geschätzt. Dann aber kam die aggressive Billigkonkurrenz aus Fernost auf den Markt.

Vom Armband zur Uhr

„Mein Vater, Hans Vollmer, der nach seinem Maschinenbau-Studium als Diplom-Ingenieur in den 1950er-Jahren in den elterlichen Betrieb eintrat, führte 1970 als zusätzliches Produkt die Bandgehäuse ein. Die europäische Uhrenindustrie war Hauptabnehmer. Später dachten wir über ein zusätzliches Endprodukt nach, um unsere Uhrarmbänder und Bandgehäuse besser zu verkaufen. Die Lösung lag an und für sich ganz nahe – wir wollten fortan selbst Uhren bauen und mit unseren Bändern ausstatten“, erinnert sich der mittelständische Unternehmer an eine entscheidende Zäsur in der Firmengeschichte.

Auch Freunde sportlicher Zeitmesser zu bezahlbaren Preisen dürften diesen Entschluss rückblickend begrüßen, denn die Uhren aus dem Hause Vollmer, die seit vielen Jahren unter der Marke „Aristo“ auf den Markt kommen, haben sich längst einen treuen Liebhaberkreis erobert. Vor allem die noch vergleichsweise preisgünstigen mechanischen Uhren sind gefragt.

Für Hansjörg Vollmer, der in Stuttgart Betriebswirtschaft studierte, war die Uhrenbranche derweil keineswegs Neuland. Er war Anfang der 1980er-Jahre kurzzeitig mit einem kleinen Uhrengeschäft in der baden-württembergischen Landeshauptstadt tätig gewesen und hielt dank seiner guten französischen Sprachkenntnisse enge Kontakte zu namhaften Herstellern in der Schweiz und Frankreich, die zugleich Kunden des Pforzheimer Uhrarmband- und Bandgehäuse-Produzenten waren. Bald brachte Vollmer die preisgünstige Uhrenmarke

„New-Line“ auf den Markt. Diese klassischen Modelle mit Glieder- und Milanaisebändern oder Halbspangen erfreuten sich vorrangig in den östlichen Bundesländern einer starken Nachfrage – es war die Zeit nach der deutschen Wiedervereinigung. „Der dortige Nachholbedarf war unglaublich“, erinnert sich Vollmer. Später fertigte der Pforzheimer Hersteller darüber hinaus so genannte Private Label-Uhren im Auftrag anderer Unternehmen.

Julius Epple und die Marke „Aristo“

Spätestens an dieser Stelle verlangt die Firmenhistorie eine Rückblende bis ins Jahr 1907. Damals gründete Julius Epple die gleichnamige Uhren- und Uhrgehäusefabrik. Sie war einer von vielen Herstellern von Zeitmessern in und um Pforzheim. Manche Uhren aus dem Hause Epple sind bis heute in historischen Fachbüchern zu finden. Die frühen Uhren der Marke „Aristo“ tragen die Initialen „JE“ auf dem Werk. Unter „Jules Epple“ wurden in den

1990er-Jahren noch exklusivere Uhrenmodelle angeboten.

Im Jahr 1998 kam es schließlich zu einer wichtigen Weichenstellung: Hansjörg Vollmer erwarb von Helmut Epple, dem Enkel des Aristo-Gründers, den noch vorhandenen Firmenmantel und gründete als alleiniger Gesellschafter die Aristo Watch GmbH. Somit existierten fortan zwei Unternehmen parallel: Die Ernst Vollmer GmbH & Co. produzierte Uhrarmbänder und Bandgehäuse, während die wiederbelebte Marke Aristo zum Teil recht preisgünstige Uhren auf den Markt brachte. „Im Jahr 2005 schlossen wir aus betriebswirtschaftlichen Gründen die beiden Firmen zusammen zur Aristo-Vollmer GmbH Uhren und Metallband-Manufaktur“, berichtet Vollmer aus der jüngeren Vergangenheit des Unternehmens. Bei der Namensgebung habe er sehr genau auf Details geachtet. So stehe hinter dem Wort Uhren bewusst kein Bindestrich, der einen Zusammenhang mit dem Begriff Manufaktur herstellen könnte. „Im Bereich Uhren sind wir natürlich keine Manufaktur, wohl aber bei den Metallbändern. So fertigen wir aus dem Rohprodukt ein komplettes Endprodukt – teilweise ohne ein einziges Zulieferteil“, betont Hansjörg Vollmer.

Mythos Fliegeruhren

Schätzungen zufolge stellt das Unternehmen heute pro Jahr über 6.000 Uhren her.

Bei mehr als der Hälfte handelt es sich um mechanische Zeitmesser. Obwohl man für einige besonders hochwertige Modelle aus diesem Hause schon um 1.000 Euro investieren muss, stehen Aristo-Uhren im Ruf, vergleichsweise günstig zu sein. „Unser preiswertes Modell, eine kleine Zwei-Zeiger-Uhr mit Quarzwerk, kostet rund 50 Euro. Der XL-Flieger-Chronograph aus Edelstahl mit Fliegerband und Saphirglas hingegen kostet aktuell 1.090 Euro“, erläutert Vollmer die Preisspanne. Wer aber die Kataloge durchstöbert, stellt schnell fest, dass die meisten Zeitmesser preislich zwischen 300 und 700 Euro angesiedelt sind. Ein Schwerpunkt liegt unverkennbar auf Fliegeruhren. Das Modell „Aristo Kunstflieger“ wird wegen seiner nicht zuletzt bei zahlreichen Looping-Testflügen bewiesenen Ganggenauigkeit gleichermaßen von Sport- und Berufspiloten geschätzt.

Beobachtungsuhr im XXL-Format

Der Flieger-Chrono „de Luxe“ mit 44 Millimetern Gehäusedurchmesser und der XL Sextant mit spiegelverkehrten Ziffern gehören ebenso zu den Klassikern. „Think big“ könnte derweil das Motto der XXL-Beobachtungsuhren sein. Sie weisen einen Durchmesser von 55 Millimetern auf und sind sowohl als Baumuster A (Zifferblatt mit großen Stunden und Zentralsekunde) als auch als Baumuster B (Zifferblatt mit großen Minuten und kleinen Stunden sowie Zentralsekunde) erhältlich. Beide XXL-Zeitmesser gibt es entweder einzeln (890 Euro) oder im Set (1.880 Euro). „Unbestreitbar sind Fliegeruhren von einem faszinierenden Mythos umgeben und somit für Sammler sehr spannend. Das eigentliche Ursprungsmodell aller heutigen Fliegeruhren ist die sogenannte ‚Beobachtungsuhr’ oder kurz ‚B-Uhr’. Ihre Geschichte geht zurück bis in die 1940er-Jahre. Die B-Uhren wurden damals von der deutschen Luftwaffe speziell für Flieger geordert und eingesetzt. Mit ihrem Gehäusedurchmesser von 55 Millimetern diente eine solche Uhr neben den Bordinstrumenten als wichtige Orientierungshilfe. Deshalb trug man sie oft über der Fliegermontur“, weiß Hansjörg Vollmer.

Messerschmitt: Der „Sturmvogel“ für’s Handgelenk

Reverenz an berühmte Flugzeuge auf dem Zifferblatt: ein stilisiertes Messerschmitt-Modell.

An Kunden mit einer gewissen Affinität für die Fliegerei richtet sich ferner die Messerschmitt-Kollektion. Für Uhrenfreunde und -sammler von besonderem Interesse dürften die mechanischen Modelle Aristo Me 262 und Aristo Me 109 sein. Sie erweisen zwei fliegenden Legenden Reverenz. Die Me 109 war das zwischen 1935 und 1957 meistgebaute Jagdflugzeug der Welt. Die Me 262 schrieb als weltweit erster Düsenjäger Luftfahrtgeschichte. Im Titan-Gehäuse des Modells Me 109 tickt das seltene Handaufzugswerk FE 233.68 Kal. 10 ½. Die auf 500 Exemplare limitierte Uhr gibt es in drei verschiedenen Zifferblattfarben. Ein nettes Detail dieses Zeitmessers: Der dezentral angeordnete Sekundenzeiger wurde auf die Spitze eines auf dem Zifferblatt stilisierten Messerschmitt-Modells platziert, so dass der Eindruck entsteht, es handle sich um einen rotierenden Propeller. Auch das Modell Me 262 gibt es in drei Zifferblattvarianten („Schwarze X“, „Gelbe 7“ und „Weiße 3“). Dieses Modell ist etwas größer als die Me 109 und wird mit einem ETA 2824-2-Automatikwerk ausgestattet. Für Fliegeruhren-Nostalgiker gibt es die Me 262 Tango Tango mit Milanaise-Band.

„Sicher waren Fliegeruhren lange Zeit unsere Bestseller“, sagt Hansjörg Vollmer, der in seinem Unternehmen unweit des Pforzheimer Bahnhofs 18 Mitarbeiter beschäftigt. „Allerdings haben wir unsere Kollektion inzwischen etwas stärker strukturiert. So bringen wir Klassik-, Design- und Sportuhren auf den Markt. Wobei die Sportuhren wiederum in die drei Elemente Wasser, Land und Luft untergliedert sind“. An Uhrenfreunde mit maritimen Interessen wendet sich zum Beispiel die U-Boot-Reihe aus Edelstahl und Titan mit selbstleuchtenden Zifferblättern aus Superluminova.

„Größere Erfolge verzeichnen wir seit einiger Zeit mit unseren klassischen Modellen, die etwas den Retro-Trend widerspiegeln“, fügt der Unternehmer hinzu. Dazu gehört in erster Linie die mit einem Durchmesser von 38 Millimetern zurückhaltende Dreizeiger-Uhr Aristocrat, die in der Edelstahl-Variante für knapp 300 Euro erhältlich ist. Angetrieben werden diese Uhren vom Aristomatic-Werk SW 200, das der Unternehmer seit der Jahrtausendwende bei dem Schweizer Unternehmen Selitta Watch in La Chaux de Fonds fertigen lässt.

Amerikaner wünschen Unterschrift des Chefs

Gefragt sind die günstigen Mechanikuhren „Made in Germany“ derweil beinahe weltweit. Die Marke „Aristo“ ist in rund zwei Dutzend Staaten registriert, darunter China, Russland, Japan, USA, Kanada und sogar im Uhren-Dorado Schweiz.

Erfolg mit einem klassischen Modell.

Wer indessen in den USA Uhren des Pforzheimer Herstellers ersteht, findet den Namen „Vollmer“ auf dem Zifferblatt. Das gilt auch für das Flaggschiff des Hauses – den Vollmer-Chronometer. Es mag dem Firmenchef ein wenig schmeicheln, dass sich einige Käufer aus den USA nicht mit dem üblichen COSC-Chronometer-Zertifikat begnügen wollen, sondern als Garantieerklärung ausdrücklich die eigenhändige Unterschrift von Hansjörg Vollmer verlangen. Das entspricht im Übrigen ganz der Philosophie des Pforzheimer Uhren-Concepters, wie er mitunter bezeichnet wird. Er identifiziert sich sehr stark mit seinen Produkten, präsentiert sie im In- und Ausland, darunter auf vielen fernöstlichen Märkten wie Hongkong, Singapur, Taiwan und Südkorea. Und in Deutschland ist er selbst noch im Außendienst aktiv: „Ich betreue das Postleitzahlgebiet ‚6’“, sagt Vollmer. Ob bei einem kleinen Juwelier irgendwo in Hessen oder auf einer internationalen Messe in Fernost: Der Pforzheimer versteht sich nicht nur als Hersteller, sondern überdies als Botschafter seiner Zeitmesser. Überzeugend wirkt er dabei offenbar auch auf Unternehmerkollegen: „Der Mann ist auf eine ganz tolle Art einfach ein ‚Macher’“, sagt etwa ein Mittelständler aus der Nähe von Frankfurt.

Michael Brückner