Portraits
7. Juni 2011

Faber-Castell wird 250

Es gibt wohl kaum jemanden in Deutschland, der nicht schon mal ein Produkt von Faber-Castell in den Händen gehalten hätte: Sei es einen der Bleistiftklassiker, einen der Buntstifte, der Künstlerstifte, der Textmarker oder der Schminkstifte. Seit 250 Jahren produziert das Familienunternehmen in Stein bei Nürnberg. Das nahe der Fabrik stehende Familienschloss hat Firmenchef Anton Wolfgang Graf von Faber-Castell just restaurieren lassen und damit pünktlich zum Jubiläum ein Jugendstil-Juwel gehoben. Der Hausherr hat aber noch einen weiteren Grund zum Feiern: Er wird am Dienstag (7. Juni) 70 Jahre alt.

Graf Anton Wolfgang von Faber-Castell

Die Ursprünge des Familienunternehmens – nach eigenen Angaben eines der ältesten Industrieunternehmen der Welt – liegen in einer kleinen Werkstatt: 1761 machte sich der Schreiner Kaspar Faber im mittelfränkischen Stein als Bleistiftmacher selbstständig. Sein Sohn Anton Wilhelm baute den Betrieb dann zu einer florierenden Manufaktur aus – auf seine Initialen geht der Firmenname „A.W. Faber“ zurück. Zwei Generationen später gab Lothar Faber dem Unternehmen einen entscheidenden Schub: Er modernisierte die Produktionsanlagen, forcierte den Vertrieb im Ausland mit eigenen Niederlassungen, sicherte sich hochwertige Rohstoffquellen und kennzeichnete seine eigentlich aus Graphit bestehenden Bleistifte mit dem Firmennamen – der erste Markenbleistift war geboren. Für seine wirtschaftlichen und sozialen Verdienste wurde Lothar Faber 1881 in den erblichen Freiherrnstand erhoben.

Nachdem sein Sohn Wilhelm ohne männliche Nachkommen gestorben war, heiratete seine Tochter Ottilie Graf Alexander zu Castell-Rüdenhausen. Damit verbanden sich – durchaus nicht unumstritten – Industrie- und Hochadel und es entstand der heutige Zweig Faber-Castell. Die beiden waren es auch, die sich das Schloss an der Stadtgrenze zu Nürnberg bauen ließen, das ihr Enkel Anton Wilhelm gerade für rund vier Millionen Euro restaurieren ließ. Das 1906 fertiggestellte Gebäude hat eine bewegte Geschichte hinter sich: Wo früher 25 Angestellte, darunter ein Oberheizer, ein Oberstallmeister und ein Oberjäger, für das Wohl der gräflichen Familie sorgten, quartierten sich nach dem Zweiten Weltkrieg die US-Amerikaner ein. Das im Garten vergrabene Tafelsilber fanden sie mit Hilfe eines Metalldetektors mühelos.

Das Familienschloss in Stein bei Nürnberg

Während der Nürnberger Prozesse gegen die Hauptkriegsverbrecher des Dritten Reiches diente das Schloss als Pressecamp der internationalen Medien. Anschließend wandelten die Amerikaner es zum Offiziersclub um. „Das war eine Zeit, in der das Schloss natürlich gelitten hat“, erzählt Graf Faber-Castell. Nach dem Abzug der Soldaten im Jahr 1953 sei das Gebäude in einen „Dornröschenschlaf“ gefallen, erinnert sich der hochgewachsene Hausherr. „Meine Mutter hat sich geweigert, im Schloss zu wohnen.“ Rückblickend ein Glücksfall: So hat die teils vom Jugendstil-Innenarchitekten Bruno Paul entworfene Gestaltung und Einrichtung nahezu unverändert die Jahrzehnte überstanden.

In den vergangenen Jahren wurde so manches der zahlreichen Zimmer – „mehrere Dutzend, nie genau gezählt“ – wieder zum Leben erweckt. Restauratoren legten übermalte Friese frei und webten zerfallene Stoff nach. Als Krönung wurde jüngst eine Ausstellung zur Familien- und Unternehmensgeschichte in den historischen Räumen eröffnet. „Wir wollen noch viel mehr Besucher“, benennt Graf Faber-Castell eines seiner vordringlichen Ziele.

Blick in Bleistiftproduktion

Auch beruflich will der nun 70 Jahre alt werdende Firmenlenker noch einiges bewegen, bevor er die Leitung an eines seiner vier Kinder abgibt. „Ab 90 arbeite ich halbtags“, kündigt der „Ökomanager des Jahres 2008“ schmunzelnd an. Den Titel hatte der Träger des Bundesverdienstkreuzes 1. Klasse verliehen bekommen, weil er Mitte der 80er-Jahre in seinen brasilianischen Holzplantagen ein großangelegtes Aufforstungsprojekt startete und bald darauf umweltfreundliche Wasserlacke einführte. Aktuell arbeiten weltweit rund 7.000 Mitarbeiter für das Familienunternehmen mit den kämpfenden Rittern im Logo, davon 940 in Deutschland. Sie dürften im vergangenen Geschäftsjahr (31.3.) einen Umsatz von rund 500 Millionen Euro erwirtschaftet haben. Für die Zukunft will sich Faber-Castell noch stärker als Premiummarke positionieren – und dabei auch von seiner Historie profitieren. (Von Elke Richter, dpa)