Portraits
21. Juli 2011

Der Straßenstrich, den jeder kennt

Unbekannter Weltmarktführer:

Diesen Straßenstrich kennt wirklich jeder: Er markiert Fahrspuren auf Autobahnen und Fußgängerwegen genauso wie auf Flugpisten. Oft ist es eine dicke glitzernde Kunststoffschicht, die bei Nacht im Scheinwerferlicht leuchtet. Manchmal sind es auch viele weiße Tupfen, die das Auto beim Darüberfahren durchschütteln. Vor den Toren Hamburgs hat sich ein Maschinenbauer einen Spitzenplatz für Markiermaschinen erarbeitet. Das Rellinger Familienunternehmen Hofmann sieht sich als Weltmarktführer der Branche.

Jedes Jahr verkauft Hofmann etwa 125 Markiermaschinen an Kunden in bisher 132 Ländern. Nur jede zehnte Maschine bleibt in Deutschland. „Wenn ich in den Nachrichten Berichte über Kriege sehe, weiß ich, da ist ein neuer Kunde – auch wenn ein bitterer Beigeschmack dabei ist“, sagt Vertriebschef Torsten Pape. Denn nach Wasser und Strom folgt beim Wiederaufbau die Straße. „Und dann sind wir gefragt“, sagt der Ingenieur. 100 Mitarbeiter bauen auf dem Rellinger Firmengelände die Maschinen vom Handfahrzeug in Kinderwagengröße bis zum Lastwagen mit aufmontierter Markiervorrichtung. Aktuelle Zahlen zu Umsatz und Gewinn bleiben unter Verschluss. Laut Jahresabschluss, den die Hofmann GmbH Maschinenfabrik und Vertrieb nach einiger Zeit veröffentlichen muss, gab es 2009 bei gut zehn Millionen Euro Umsatz 367.000 Euro Überschuss.

Service ist A und O

„Jede Maschine bei uns ist eine Einzelfertigung“, sagt Pape. Das dauert und macht sich im Preis bemerkbar. „Wir sind teurer als unsere zehn Mitbewerber. Das müssen wir durch guten Service wieder wettmachen.“ Acht Techniker reisen ständig durch die Welt, erklären neue Maschinen, reparieren alte. Diese Betreuung nach der Auslieferung ist neben „Made in Germany“ wichtigstes Kaufargument. Seniorchef Frank Hofmann (71) und Sohn Jan (36) haben deshalb nie über eine Verlagerung der Produktion ins Ausland nachgedacht.

Für Aufsehen sorgte gerade ein Auftrag aus den USA: „Dort sitzen drei wichtige Konkurrenten, da waren wir erstaunt“, sagt Pape. Hinter dem Auftraggeber aus Washington DC verbarg sich der zentrale Einkauf der US Armee, der für eine Militärbasis in Afghanistan eine Markiermaschine in Gabelstaplergröße brauchte. Schnell sollte es gehen – und dem Mittelsmann in Ägypten waren nur die Hofmann-Maschinen ein Begriff: Die kannte er aus seiner Heimat. Das Familienunternehmen fertigte das benötigte Gerät – aber kein Techniker wollte das gute Stück ins Krisengebiet begleiten, um die sonst üblichen Feineinstellungen und Einweisungen zu übernehmen. „Da haben wir ein Video gedreht. Die wichtigen Handgriffe in Großaufnahme auf einen USB-Stick kopiert“, sagt Pape. Offenbar verständlich, denn ein Folgeauftrag kam prompt.

Glasperlen für Markierungen

Das Familienunternehmen kann seinen hohen Exportanteil nur halten, solange jede Maschine mit dem jeweiligen landestypischen Markier-Material funktioniert – auch wenn die Qualität des Materials den Vorstellungen der deutschen Ingenieure oft nicht entspricht. Nur selten ist es noch wirklich Farbe, die Straßen und Bahnen begrenzt: „Die ist nach wenigen Überrollungen abgefahren. Praktisch ist das nur bei Baustellen und Nebenstraßen“, sagt Pape. Meist kommt ein Kunststoff zum Einsatz. Dessen beide Zutaten werden erst am Ort gemischt und – kalt oder um die 220 Grad heiß – direkt auf die Straße gespritzt oder auch als Bahn gelegt. Beim Trocknen wird das Material hart wie Stein. An gefährlichen Stellen wie vor Kreuzungen können damit Tupfen oder Rillen gelegt werden, die die Autofahrer durchrütteln oder mit Geräuschen warnen. Und ganz wichtig: Die Glasperlen obendrauf. Nicht zu Dekozwecken natürlich. „Die runden Perlen reflektieren das Licht und sorgen dafür, dass die Striche auch bei Dunkelheit und Nässe zu sehen sind,“ erklärt Pape. Daher garnieren die im Durchmesser bis zu 2,5 Millimeter großen Perlen jede Markierung.

Heiße und kalte Angelegenheit

Heiß oder kalt markieren, dicke oder dünne Linien, Tupfen und Striche: Knackpunkt bei jedem Straßenstrich ist die Frage, wie die Markierung so auf den Straßenbelag gebracht wird, das sie möglichst nie wieder verschwindet. Die Antwort fällt je nach Klimazone anders aus. In heißen Ländern werden Markierung gerne heiß aufgetragen, mitunter mehrfach im Jahr, denn von der Sonne aufgeheizter Asphalt verschluckt gerne mal ganze Meter, sobald ein Laster drüberrollt. Der Kunststoff muss bei den Arbeiten seine 220 Grad möglichst halten, bis er in Kontakt mit dem Asphalt kommt: Sonst ist die Verbindung der beiden Materialien nicht optimal und die Markierung platzt bald wieder ab. „Schon auf dem der Weg von der Maschine auf den Boden kühlt der Kunststoff stark ab, also muss er vorher ordentlich heiß sein“, erklärt Pape. Daher werden die Schläuche mit rund 250 Grad heißem Öl ummantelt. In Deutschland aber ist bei Markierarbeiten sowohl heißer als auch kalter Kunststoff beliebt. „Was bevorzugt wird, ist in unserem Klima eine Sache der persönlichen Erfahrung“, sagt Pape. (Von Annette Jürgensmeier, dpa)