Portraits
5. Oktober 2011

Familienunternehmen auf Schatzsuche

Ihre Schätze sind nicht aus Gold oder Edelsteinen. Die Unternehmer Rosemarie Amos-Ziegler und Klaus Ziegler suchen den Schatz in jedem Einzelnen, in Mitarbeitern ebenso wie in den Bewohnern ihrer Pflegeheime.

Das Ehepaar hat in einer Branche Erfolg, in der nichts einfach ist. Unzählige gesetzliche Vorschriften und ausufernde Dokumentationspflichten rücken das eigentliche Anliegen, die Pflege und Betreuung alter und kranker Menschen, in den Hintergrund. Hinzu kommt, dass Pflegeberufe kein allzu hohes Ansehen genießen. Doch solche Schwierigkeiten sind für die Zieglers nicht mehr als ein Ansporn. Sie haben es geschafft, in 20 Jahren ein Unternehmen mit drei Pflegeheimen und 134 Bewohnern, einem ambulanten Pflegedienst und 186 Angestellten aufzubauen. Der Anspruch ist hoch: „Pflegen mit Herz und Verstand“.

In diesem Haus fing alles an.

Während sich die gelernte Krankenschwester Rosemarie Amos-Ziegler um die eigentliche Aufgabe, eine menschenwürdige, persönliche Pflege, kümmert, ist Ehemann Klaus für die Verwaltung zuständig. Der Ingenieur hat es mit Hilfe der EDV geschafft, die Prozesse so zu verschlanken, dass die Verwaltung mit gerade einmal sieben Mitarbeitern auskommt: „Mein Ziel ist es, die Verwaltung und die Erfüllung der Dokumentationspflichten so zu gestalten, dass es für unsere Mitarbeiter einen möglichst geringen Zeitaufwand bedeutet, damit sie sich ihren eigentlichen Aufgaben widmen können“, sagt er. „Außerdem sind wir dadurch günstiger als so mancher andere Anbieter.“

Von der Wohngemeinschaft zum Pflegeheim

Gegründet hat Rosemarie Amos-Ziegler das Unternehmen als „Wohngemeinschaft für Senioren“ (WGfS) in einer Doppelhaushälfte in der Kettemerstraße in Filderstadt-Bernhausen. „Ich habe bei meiner Arbeit in der ambulanten Pflege festgestellt, dass es viele Menschen gibt, die mehr Betreuung brauchen, aber nicht in einem Heim wohnen möchten“, erzählt sie. „Ich brachte in dem Haus sechs Senioren unter. Weil ich direkt nebenan wohnte, war ich bei Problemen immer schnell vor Ort.“ Dass aus der Wohngemeinschaft letztlich doch ein Heim wurde, lag nicht so sehr an der Gründerin, sondern am Heimgesetz.Im Jahr 2000 kam „Casa Medici“ hinzu, 2006 das „Haus Abblick“, seit 2009 wird das Betreute Wohnen ausgebaut. Geblieben ist der Name. Er steht nach wie vor für den Anspruch der Zieglers, persönliche Pflege auf hohem Niveau zu bieten.

Verschiedene Auszeichnungen beweisen, dass die WGfS den eigenen hohen Anspruch in der Pflege erfüllt. So betreibt das Unternehmen nicht nur eine genehmigte Station für Demenz-Plege, wird regelmäßig vom Medizinischen Dienst der Krankenversicherungen überprüft und ist ein Öko-Profit-zertifizierter Betrieb, sondern wurde auch mit vier Sternen für die Servicequalität bei Pflegediensten ausgezeichnet, erhielt das Qualitätssiegel für Pflegeheime des Instituts für Qualitätskennzeichnung von sozialen Dienstleistungen GmbH und die Verbraucherfreundlichkeit für Lebensqualität in Altenheimen wurde festgestellt. „Wir möchten unseren Bewohnern gerade wenn es um die persönliche in familiärer Atmosphäre geht, mehr geben als andere“, sagt Rosemarie Amos-Ziegler. „Wir beschäftigen ausschließlich qualifiziertes Pflegepersonal. Regelmäßige Fortbildungen sichern die pflegerische Qualität und sorgen dafür, dass wir uns ständig verbessern.“

Weiterbildung und Wertschätzung

Zufriedene Mitarbeiter kommen den Heimbewohnern zugute.

Das Konzept der stetigen Weiterbildung gibt den Mitarbeitern die Möglichkeit sich weiterzuentwickeln und ist ein wichtiges Mittel, um Mitarbeiter zu gewinnen und zu halten, denn die Pflegebranche hat nicht das beste Image. „Natürlich soll sich Weiterbildung für das Unternehmen und die Heimbewohner auszahlen“, sagt Rosemarie Amos-Ziegler. „Deshalb haben wir das ‚MAX-Konzept‘ des Unternehmers und Hoteliers Klaus Kobjoll übernommen.“ Der Mitarbeiter-Aktien-Index zeigt Chefs und Mitarbeitern über ein internetbasiertes Tool genau, wo sie stehen und wo Raum für Verbesserung ist. Dazu gehört zum Beispiel, dass jeder, der eine Weiterbildung mitgemacht hat, daraus mindestens einen Verbesserungsvorschlag für seine Arbeit mitbringen muss. Weiterbildung ist auch eine Notwendigkeit, denn viele Mitarbeiter sind Quereinsteiger, so wie Joseph Omanga, ursprünglich Schulleiter im Kongo. Heute ist Omanga Pflegedienstleiter Demenz und studiert Sozialwissenschaften. Die Liste der ungewöhnlichen Wege ließe sich beliebig fortsetzen, meint Rosemarie Amos-Ziegler. „Wir haben es im Pflegebereich mit sehr vielen unterschiedlichen Qualifikationen zu tun. Das Kompetenzniveau aller muss ständig erhöht und erweitert werden.“

Das Café Casa in der Casa Medici öffnet das Heim nach außen.

Bei der WGfS wird noch einiges mehr getan, um sich gute Mitarbeiter zu sichern. „Mitarbeiter wünschen sich heute Flexibilität bei den Arbeitszeiten und Zeit für ihre Familie. Darauf gehen wir ein“, sagt die Unternehmerin. „Unsere Mitarbeiter haben zum Beispiel über einen so genannten Wunschkalender Mitsprachemöglichkeiten bei der Dienstplangestaltung. Außerdem bieten wir Teilzeitstellen in nahezu jedem Umfang an, sogar 37 Prozent. Wir nehmen Rücksicht auf familiäre Belange. Unsere Nachtwachen bringen schon einmal das Kind mit, das der Hausmeister am nächsten Morgen auch in den Kindergarten oder zur Schule bringt, wenn es keine andere Lösung gibt.“

Die Mitarbeiter erhalten Urlaubs- und Weihnachtsgeld, großzügige Zuzahlungen zur Altersvorsorge nach nur einem Jahr Betriebszugehörigkeit, Krankenzusatzversicherung und Unfallversicherung zu günstigen Bedingungen. Besonders stolz sind die Zieglers auf das Gesundheitsprogramm, für das sie den „Corporate Health Award 2009“ erhielten und sich damit auf gleicher Stufe mit Großkonzernen wie Boehringer Ingelheim, der Daimler AG und SAP befinden. Herzstück des Programms ist die Prävention. „Die Mitarbeiter in der Pflege werden stark belastet. Ihre Gesunderhaltung liegt uns am Herzen“, sagen die Zieglers. Es gibt Ernährungsberatung, Grippeschutzimpfungen, Chigong- und Yoga-Kurse, Kochkurse und jährlich für neun Mitarbeiter eine einwöchige Kur, die von der WGfS bezahlt wird.

Kultur – der Schatz des Unternehmens

„Wir zeigen unseren Mitarbeitern, dass wir nicht nur Leistung fordern, sondern auch würdigen“, sagt Rosemarie Amos-Ziegler. „Wenn sich die Mitarbeiter wohl fühlen, kommt das unmittelbar den Heimbewohnern zugute.“ Ausdruck der Wertschätzung sind viele Kleinigkeiten, zum Beispiel ein subventionierter Mittagstisch, gemeinsame Aktivitäten, zu denen teilweise auch die Familien eingeladen werden, Blumen am ersten Tag für neue Mitarbeiter oder die so genannten Lob-Kärtchen. „Mit diesen Kärtchen gebe ich den Mitarbeitern ein Feedback und lobe sie, wenn sie etwas besonders gut gelöst haben,“ so die Chefin. Die Zieglers sind stolz darauf, dass viele Mitarbeiter zehn oder 15 Jahre dabei bleiben. „Das spricht für das Team und das Betriebsklima.“

Grundlage der Unternehmenskultur ist der Leitsatz „Den Schatz in jedem Einzelnen entdecken“. Dahinter steckt die Vision, den Menschen in den Mittelpunkt zu stellen und mit der Qualität der Arbeit die Lebensqualität von Menschen zu steigern. „Hinter unserem Leitsatz verbergen sich die Werte unseres Unternehmens“, sagen die Zieglers. „Wir begegnen uns und den Bewohnern und ihren Angehörigen mit Vertrauen uns Respekt. Wir kümmern uns um sie persönlich und mit bestem Fachwissen.“

Cabrio fahren dank guter Noten

Besondere Aufmerksamkeit wird dem Nachwuchs gewidmet. Junge Menschen können in der WGfS nicht nur Pflegeberufe lernen, sondern auch andere Berufe wie Kaufmann im Gesundheitswesen, mit dem man gute Chancen in der Verwaltung von Heimen oder Krankenkassen hat. „Ich habe selbst eine Ausbildung gemacht, damit ich diesen Beruf ausbilden darf“, sagt Klaus Ziegler. „Mein erster Auszubildender war mein Sohn Benjamin.“

Cabriofahren – Anerkennung für gute Noten.

Auch bei den Auszubildenden gelte der Leitsatz des Unternehmens. „Man muss den Schatz manchmal suchen, aber es lohnt die Mühe“, sagt Klaus Ziegler. Seine Frau pflichtet bei und erzählt die Geschichte des Auszubildenden, der ursprünglich von einem Schulleiter zu einer Woche Arbeit bei der WGfS verdonnert worden war: „Am Ende der Woche kam der junge Mann zu mir und fragte, ob er auch am Wochenende kommen könne. Am Ende gab er seinen Ausbildungsvertrag zum Schreiner zurück und begann bei uns eine Ausbildung zum Altenpfleger.“

Um junge Menschen für eine Ausbildung zu interessieren, präsentiert sich das Unternehmen auf Messen, in Schulen und in den sozialen Medien wie Facebook und Xing. „Social Media sind besonders für junge Leute wichtig“, erzählt Klaus Ziegler, der für diese Aktivitäten verantwortlich zeichnet. „Die Zahl der Bewerbungen aus dieser Ecke steigt langsam an.“ 18 bis 20 Auszubildende fangen pro Jahr bei der WGfS an. Damit sorgt das Unternehmen selbst für seinen Nachwuchs. „Allerdings haben viele Jugendliche kein realistisches Bild von Pflegeberufen. Deshalb ist hier viel Aufklärungsarbeit nötig“, sagt Ziegler. „Außerdem motivieren wir die jungen Mitarbeiter ganz besonders.“ Wer einen guten bis sehr guten Notendurchschnitt schafft, darf drei bis vier Monate lang eines der beiden unternehmenseigenen Smart-Cabrios oder den Renault Wind fahren und erhält monatlich eine Tankfüllung dazu. „Ganz klar, dass sich alle anstrengen“, schmunzelt Ziegler.

www.wgfs.de