Portraits
14. Januar 2012

Erfolg mit Langlebigkeit

Das Familienunternehmen Thonet ist seit fünf Generationen erfolgreich mit langlebigen, zeitlosen Möbeln, bei denen auf jeglichen Schnickschnack verzichtet wird. Viele dieser Möbel wie der berühmte Kaffeehausstuhl gelten heute als Klassiker.

„Der Zeitgeschmack interessiert uns nur am Rande“, sagt der 63-jährige Peter Thonet, der das Unternehmen heute führt. „Natürlich fließen auch bei uns aktuelle Technologien und Materialien in die Produkte ein, aber unsere Produkte sind nie modisch, sondern sie versuchen, die neuen Entwicklungen für sinnvolle und ästhetisch langlebige Möbel einzusetzen. So ist die Chance, dass daraus einmal Klassiker werden, auch am höchsten. Auch ein Klassiker war ja in seiner Zeit einmal ein Möbel nach dem Zeitgeschmack.“

Von der Holzwerkstatt zur Industrieproduktion

Firmengründer Michael Thonet

Gegründet wurde das Unternehmen mit Sitz in Frankenberg/Eder durch den Tischlermeister Michael Thonet. 1819 eröffnete er seine erste Werkstatt in Boppard am Rhein. Dort experimentierte er mit neuartigen Holzbiegetechniken. Fürst Metternich holte den Handwerker 1842 nach Wien, wo Thonet unter anderem an der Ausstattung des Palais Lichtenstein, des Palais Schwarzenberg und des Café Daum beteiligt war.

Legendär: Der Wiener Caféhaus-Stuhl S 14, heute S 214.

1959 gelang dem findigen Unternehmer der Durchbruch zur industriellen Fertigung mit dem Stuhl Nr. 14, dem später so genannten „Wiener Caféhaus-Stuhl“, der noch heute als Design-Ikone gilt. Die Arbeitsschritte bei der Fertigung waren standardisiert – erstmals in der Möbelherstellung fand Arbeitsteilung statt. Der Stuhl war einfach zu zerlegen und Platz sparend zu transportieren. All dies verhalf dem Stuhl aus Bugholz zu einem attraktiven Preis. Stuhl Nr. 14 wurde zu einem Massenprodukt. Bis heute wurden rund 60 Millionen Exemplare verkauft.

Wohnen mit dem S 404.

Auch von den folgenden Bugholzstühlen wurden einige zu Design-Ikonen wie der Schaukelstuhl Nr. 1 aus dem Jahr 1860, die Modelle Nr. 18 und 56 im späten 19. Jahrhundert oder um 1900 der elegante 209 mit geschwungenen Armlehnen. 1904 gelangte der Jugendstilsessel 247 von Otto Wagner als „Postsparkassen-Stuhl“ zu Ruhm. Im Jahr 1912 wurden von Thonet zwei Millionen verschiedene Artikel hergestellt und weltweit verkauft.

Meilensteine der Design-Geschichte

Zeitlos: der S 33

Später kamen Stahlrohrmöbel dazu. In den 1930er-Jahren war das Unternehmen weltweit der größte Produzent dieser neuartigen Möbel, die von so berühmten Architekten wie Mart Stam, Mies van der Rohe, Marcel Breuer, Le Corbusier, Charlotte Pérriand und Guyot entworfen wurden. Die frühen Stahlrohrmöbel gelten heute als Meilensteine der Designgeschichte. Die bedeutendste Neuheit war damals der Freischwinger, der hinterbeinlose federnde Kragstuhl, der heute in vielen Varianten in kaum einem Besprechungsraum fehlt. Das künstlerische Urheberrecht wurde 1932 dem Holländer Mart Stam zugesprochen und liegt heute bei Thonet. Dieser erste Freischwinger, S33, ist noch heute im Programm von Thonet zu finden. Ebenso die Modelle S 32 und S 64 von Marcel Breuer und der S 533 von Ludwig Mies van der Rohe.

Mit den Möbeln aus Frankenberg wurden zahlreiche Unternehmen und öffentliche Einrichtungen ausgestattet wie das Museum Frieder Burda in Baden-Baden, der Deutsche Bundestag und das Olympiastadion in Berlin, Infineon in Dresden, das Park Hotel in Edinburgh, die Messe Frankfurt und die Degussa AG, die Audi AG in Neckarsulm, die BMW Showrooms in Tokio und Shanghai, die Züricher Kantonalbank und die Schweizer Börse in Zürich.

Neubeginn in Frankenberg

Genial einfach: umdrehen und schaukeln.

Im Zweiten Weltkrieg gingen alle Thonet-Werke in den osteuropäischen Staaten durch Enteignung verloren. Die Wiener Zentrale und das 1889 erbaute Werk in Frankenberg wurden zerstört. Georg Thonet, Urenkel des Firmengründers und Vater von Peter Thonet, baute das völlig zerstörte Werk in Frankenberg zwischen 1945 und 1953 wieder auf. Mit dem erneuten wirtschaftlichen Erfolg begann auch wieder die Zusammenarbeit mit herausragenden Designern, darunter so bekannte Namen wie Verner Panton, Lord Norman Foster, James Irvine, Piero Lissoni, Stefan Diez, Hado Teherani oder Naoto Fukasawa.

Die Biegetechnik ist entscheidend.

In Frankenberg werden heute alle berühmten Thonet-Klassiker aus Bugholz und Stahlrohr sowie die aktuellen Kollektionen produziert. „Unsere Geschichte war und ist für uns die Verpflichtung, stets nach Innovation und langlebiger Gestaltung zu streben“, sagt Peter Thonet. „Gemeinsam mit unseren Designern versuchen wir, typische Thonet-Produkte zu entwickeln. Sie sind wohnlich, langlebig und beinhalten neue Dinge, neue Details. Ich glaube, der Schlüssel zu unserem Erfolg über all die Jahrzehnte war, dass wir mit dieser Formel immer wieder sehr erfolgreiche Produkte gemacht haben, die der Markt akzeptiert hat.“ Außerdem sei Thonet eine starke Marke mit einem extrem hohen Bekanntheitsgrad. „Wir unterscheiden uns von anderen Wettbewerbern dadurch, dass wir auf jeglichen Schnickschnack verzichten“, so der Unternehmenschef weiter. „Wer ein Thonet-Möbel kauft, erwirbt ein qualitätsvolles, langlebiges und zeitloses Möbel, bei dem auch immer noch ein mehr oder weniger hoher Anteil an Handarbeit vorhanden ist. Eine unserer ganz großen Stärken ist es, auf individuelle Kundenanforderungen und -wünsche ebenso individuell einzugehen – customized furniture ist unsere Spezialität.“

Ein Stück Kulturgeschichte

Relaxen mit dem S 411.

Die Zusammenarbeit mit berühmten Designern und die eigenen Pionierleistungen des Unternehmens haben dazu geführt, dass über Thonet-Möbel Bücher geschrieben und Ausstellungen zusammengestellt wurden. Die Möbel sind in den wichtigsten Sammlungen weltweit vertreten, so im Museum of Modern Art in New York, im Centre Pompidou und im Musée d‘Orsay in Paris, im Vitra Design Museum in Weil am Rhein, in der Pinakothek der Moderne in München, im Museum für Angewandte Kunst in Wien, im British Museum und im Victoria and Albert Museum in London. Auf Auktionen erzielen historische Thonet-Möbel Höchstpreise.

Ein Blick ins Museum in Frankenberg.

Das Unternehmen selbst betreibt in Frankenberg das Museum Thonet, das seine Existenz der Samlerleidenschaft Georg Thonets verdankt. Er trug einen reichen Schatz an historischen Exponaten zusammen und machte sie mit der Eröffnung des Museums 1989 einem breiten Publikum zugänglich. Auf einer Gesamtfläche von über 700 Quadratmeter werden frühe Bugholzmöbel, Jugendstilmöbel, Stahlrohrmöbel aus der Bauhaus-Zeit und Möbel der Nachkriegsjahrzehnte ausgestellt.

Wie geschätzt die Produkte aus Frankenberg noch heute in der Welt der Architekten und Designer sind, zeigen die jüngsten Preise, die das Unternehmen erhielt. Allein im letzten Jahr wurden Produkte des Unternehmens mit dem DDC Gold Award in der Kategorie Produkte des Deutschen Designer Clubs ausgezeichnet, mit dem iF product design award und mit einem der begehrten iF gold awards. Außerdem erhielt das Unternehmen den Architects Partner Award 2010 in Silber. Thonet-Mitarbeiter Michael Moser erhielt ebenfalls einen Architects Partner Award in Silber für seine herausragende Vertriebskompetenz und Zusammenarbeit mit Architekten und Planern.

Zukunft in Familienhand geplant

Auch künftig soll Thonet ein Familienunternehmen bleiben. „Wir streben auf jeden Fall an, das Unternehmen in Familienhand zu belassen. Im Moment gehe ich davon aus, dass dies auch so bleibt. Meine Brüder und ich haben ja alle Kinder, und wir sehen keine schlechten Chancen, dass diese in das Unternehmen eintreten werden, zum Teil sind die ersten Schritte schon gemacht“, sagt Peter Thonet. „Ansonsten bemühen wir uns natürlich, die Marke Thonet stets lebendig und frisch zu halten, unsere Produktion und alle Abläufe am Puls der Zeit zu halten und mit vernünftigen Produkten um die Gunst unserer Kunden zu werben.“

www.thonet.de