Portraits
12. März 2012

Familienunternehmen hat den Dreh raus

In der Geissel GmbH kennt man sich mit Drehen aus. Das Familienunternehmen aus Mühlacker fertigt Kabelverschraubungen mit Zubehör, Präzisionsdrehteile und Kunststoffspritzteile. 2010 feierte es seinen 90. Geburtstag.

Zwei Generationen gemeinsam: Peter, Claudia, Vanessa und Marc Seidel (v.li.)

Die dritte und vierte Generation führen das Unternehmen gemeinsam. Wo es in anderen Familienunternehmen häufig Probleme gibt, ist Juniorchef Marc Seidel, seit 2006 in der Geschäftsleitung, ganz entspannt: „Meine Frau Vanessa und ich denken ähnlich wie meine Eltern. Ich konnte mich nach und nach einarbeiten, meine Eltern haben sich parallel etwas zurückgezogen. Seit 2011 ist auch Vanessa in der Geschäftsleitung. Es funktioniert wunderbar.“ Die Seidels halten nicht einmal eine Aufteilung der Bereiche für notwendig: „Eine strenge Aufteilung bringt uns nichts. Wir besprechen die Dinge miteinander und Bescheid wissen sollten wir sowieso alle.“ Als Beispiel dient Marc Seidel das Engagement in Indien: „Meine Eltern, unser Vertriebsleiter, meine Frau und ich sind abwechselnd in unserem Werk in Pune. Wir verlassen uns darauf, dass jeder die richtigen Entscheidungen trifft beziehungsweise die gemeinsamen richtig umsetzt. Das verteilt die Belastung.“

Vom Festsaal im Bahnhofshotel nach Indien

Die alte Werkhalle in Lienzingen.

1920 gründeten der Mechanikermeister Wilhelm Geissel und der Kaufmann Friedrich Münch die Metallwarenfabrik Geissel und Münch. Als erste Fertigungsstätte diente der Festsaal des Bahnhotels in Mühlacker. Dort wurden auf einfachen Drehmaschinen überwiegend Schrauben und Drehteile hergestellt, die in die nähere Umgebung verkauft wurden. Trotz der Trennung von Friedrich Münch und Kriegswirren entwickelte sich die kleine Firma stetig weiter. 1964 übernahmen Geissels Söhne Kurt und Richard die Geschäftsleitung. Nach dem unerwarteten Tod von Kurt Geissel ging die Verantwortung an seine Tochter Claudia über. Claudia und ihr Mann Peter Seidel entschieden sich Anfang der 80er-Jahre für einen Neubau in Lienzingen, heute ein Ortsteil von Mühlacker. Dort arbeiten mittlerweile etwa 100 Menschen.

Die Mitarbeiter vor dem Werk im indischen Pune.

Die Firma prosperierte weiter. 1994 wurde ein Joint Venture in Pune, etwa 160 Kilometer südöstlich von Mumbai, in Indien gegründet. Seit 2008 ist das indische Werk eine 100-prozentige Tochter und ebenfalls auf die Herstellung von Kabelverschraubungen spezialisiert. „Wir profitieren in Indien nicht nur von einer ökonomischen Fertigung, sondern versorgen von dort aus auch die asiatischen Märkte, die arabischen Ländern, Neuseeland und Australien“, sagt Marc Seidel. Da beide Produktionsstätten die Synergieeffekte nutzen, werden einmal im Monat Teile per Seefracht ins jeweils andere Land geliefert. „Man kann keinen qualitativen Unterschied der Verschraubungen feststellen“, so der 35-jährige Juniorchef weiter. „Auch unser Werk in Pune ist nach ISO 9000/2008 zertifiziert und arbeitet exakt nach demselben Qualitätsstandard wie wir in Deutschland.“ Die Präzisionsdrehteile werden meistens in Deutschland gefertigt, da hier der Maschinenpark für die oft hochkomplexen Teile und schwierig zu verarbeitenden Materialen entsprechend ausgelegt ist. Mit etwa 40 Prozent Exportanteil ist Geissel zu einem Global Player geworden.

Antizyklisch handeln, intelligent investieren

Die Geissel GmbH fertigt Kabelverschraubungen und Zubehör,
Präzisionsdrehteile und Kunststoffspritzteile.

Stehen bleiben ist etwas, was die Familie Seidel nicht kennt. Das galt auch für das Krisenjahr 2009. Das Familienunternehmen nutzte die Zeit, um die Lager mit standardisierten Kabelverschraubungen aufzustocken. Frühzeitig hatte man in Pune und Mühlacker jeweils ein modernes Fertigteillager gebaut und hat somit die Standardware jederzeit in großen Mengen und einer großen Vielfalt vorrätig. „Als es 2010 wieder aufwärts ging, waren wir weltweit voll lieferfähig. Viele Mitbewerber hatten 2009 die Produktion zurückgefahren und konnten deshalb nicht liefern“, sagt Marc Seidel. „Außerdem haben wir die Zeit genutzt, um unseren Maschinenpark und die Produktionshalle zu modernisieren und die internen Prozesse weiter zu optimieren. Weder Kurzarbeit noch Entlassungen waren nötig.“ Die Kabelverschraubungen haben das Unternehmen bisher immer über wirtschaftlich schwierige Zeiten gerettet, da sie in einer Vielzahl von Branchen Anwendung finden. „Außerdem ist unser Angebot mit rund 7.000 Einzelteilen sehr umfassend“, so Seidel weiter.

Der Firmensitz in Mühlacker-Lienzingen aus der Luft.

Das Geschäft mit Präzisionsdrehteilen ist viel stärker von der Wirtschaftslage abhängig, auch wenn man Geissel-Teile in unzähligen Produkten für die Pneumatikindustrie, den Heizungs- und Sanitärbau und die Elektroindustrie findet. Aber auch Produkte für die Medizintechnik, Luft- und Raumfahrt-, Lebensmittel und Chemieindustrie werden bei Geissel nach höchsten Ansprüchen gefertigt. „Wir verbessern ständig unsere Fähigkeit, mit neuen Werkstoffen zu arbeiten und unseren Kunden unerwartete Lösungen zu präsentieren“, sagt Seidel. „Deshalb investieren wir auch kontinuierlich in neue Maschinen.“ Rund 2.500 Tonnen Rohmaterial werden jährlich auf dem modernen Maschinenpark verarbeitet. In den letzten Jahren auch vermehrt hochlegierte Edelstähle, Kunststoffe und Sondermaterialen, wobei Messing mit etwa 80 Prozent weiterhin den Hauptbestandteil ausmacht. Um keine Chance zu vergeben, wurden in den letzten Jahren Spritzgießmaschinen angeschafft und das nötige Know-how aufgebaut.

Kein Fachkräftemangel in Sicht

Moderne Fertigung in Mühlacker.

Der demografische Wandel und der viel beschworene Fachkräftemangel ist in dem Familienunternehmen nicht spürbar. Die Fluktuation ist gering. Viele Mitarbeiter bleiben jahrzehntelang in der Firma, 30-, 40- und sogar 50-jährige Betriebszugehörigkeiten sind keine Seltenheit. Die Inhaber haben ein einfaches Rezept zur Mitarbeiterbindung: „Wir schätzen unsere Mitarbeiter, sprechen sie mit Namen an und gehen in Deutschland wie in Indien offen und kollegial miteinander um“ so Marc Seidel. „Hier wie dort versuchen wir, unsere Mitarbeiter teilhaben zu lassen und sie nicht zu beschränken. Sie sollen nach rechts und links schauen und sich weiterentwickeln. Den meisten macht es Spaß, wenn sie sich den Kopf über Kundenprobleme zerbrechen und eigene Vorschläge einbringen können. Neue Mitarbeiter sorgen für einen frischen Blick und bringen neue Ideen mit, so dass wir eine gute Mischung haben.“

Der Tischkicker wurde von Auszubildenden angefertigt.

Besonders am Herzen liegt der Familie der Nachwuchs. Jedes Jahr werden bis zu fünf junge Menschen zu Industriekaufleuten, Mechatronikern und Zerspanungsmechanikern ausgebildet und zwar – wie Seidel betont – „mit der Absicht, sie nach ihrer Ausbildung auch zu übernehmen“. Im ersten Ausbildungsjahr übernehmen Ausbilder und Auszubildende gemeinsam ein ausbildungsübergreifendes Projekt von der Planung und Kalkulation bis zur Ausführung. „Das fördert den Zusammenhalt, öffnet den Blick für Neues und macht Spaߓ, sagt Seidel und zeigt Besuchern stolz das Projekt des vergangenen Jahres: einen Tischkicker. Bis auf wenige Zukaufteile wurde alles von den Auszubildenden selbst angefertigt. Für die Spielfiguren wurden sogar indische und deutsche Trikots genäht und der Tisch in den indischen und deutschen Nationalfarben gestaltet – eindeutig ein WM-Spiel.

Daneben werden Praktika für Schüler und Studenten angeboten. Auch am „Girls‘ Day“ macht das Unternehmen schon seit Jahren mit. „Wir haben mit dem Girls‘ Day eine hervorragende Möglichkeit, Schülerinnen bei der Gestaltung ihrer beruflichen Zukunft mit Informationen aus erster Hand zu unterstützen und unser Unternehmen erlebbar auch als interessanten Arbeitgeber zu präsentieren“, sagt Seidel.

Engagement am Standort

Claudia Seidel (2. v.re.) engagiert sich in Indien für eine Schule.

Auch in Indien unterstützt das Familienunternehmen junge Menschen. 2001 hat sich Seniorchefin Claudia Seidel einer Gruppe von indischen Damen angeschlossen, die sich für die „Shri Sant Gadge Mahoraj High School“ engagieren. Dort werden 700 Jungen und Mädchen zwischen sechs und 14 Jahren unterrichtet, die alle aus den umliegenden Slums kommen. Die Damen beschränken sich nicht darauf, hin und wieder einen Scheck zu übergeben, dessen Verwendung nur schwer zu kontrollieren ist, sondern gehen sehr praktisch ans Werk. „Meine Mutter fragt, wo es Probleme gibt und sorgt dann für konkrete Sachleistungen“, erzählt Marc Seidel. „Manchmal wird Lehrmaterial besorgt, ein anderes Mal werden die Schulräume renoviert oder Toiletten gebaut.“ Wichtig sei der Familie, vor Ort etwas zu bewegen, so der Juniorchef weiter: „Wir wollen nicht irgendwo irgendetwas spenden, sondern dort, wo wir ansässig sind, ganz konkret helfen.“

Freude über ein Glanzlicht

Die Unternehmerfamilie freute sich 2011 über die Auszeichnung „Glanzlicht der Wirtschaft“.

2011 hielt für das Unternehmen ein ganz besonderes Glanzlicht bereit. Initiiert von der Sparkasse Pforzheim-Calw und neun weiteren Institutionen wurden 100 Unternehmen gesucht, die Außergewöhnliches leisten. Über 360 Unternehmen bewarben sich. Das Familienunternehmen aus Mühlacker wurde in der Kategorie Sozialkompetenz ausgezeichnet und erhielt eines der begehrten Glanzlichter. Entscheidend waren unter anderem „die Erfolge des Unternehmens in der Ausbildung über viele Jahrzehnte hinweg, die ausbildungsübergreifenden Gemeinschaftsprojekte, die Aufstiegschancen in der Unternehmensgruppe und das wertorientierte Handeln“. Bei der Verleihung der Auszeichnung sagte Marc Seidel stellvertretend für die Unternehmerfamilie: „Wir sind stolz darauf, unter so namhaften Unternehmen der Region als Glanzlicht der Wirtschaft 2011 ausgezeichnet worden zu sein. Dies zeigt, dass wir als Arbeitgeber im östlichen Enzkreis attraktiv sind und unterstreicht, dass uns das Wohl unserer Mitarbeiter am Herzen liegt.“

www.geissel.com