Portraits
29. April 2015

Heller die Steine nicht funkeln

Mit puristischem, zeitlos-klassischem Design, präziser Handarbeit und Liebe zum Detail schreibt das Pforzheimer Familienunternehmen Wellendorff Schmuckgeschichte.Der Eingang zum Produktionsgebäude an der Enz ähnelt einem Tempel und wie ein Tempel hütet er im Showroom edle Preziosen, aufs Schönste in Vitrinen präsentiert. Claudia Wellendorff, die für Presse und Kommunikation zuständig ist, trägt natürlich Wellendorff-Schmuck, der sich durch unaufdringlicher Eleganz auszeichnet. Auf die Frage, was denn nun das Besondere an Wellendorff-Schmuck sei, antwortet sie mit einer kleinen Geschichte: Ein amerikanischer Kunde erzählte ihr, warum er so begeistert von der Pforzheimer Manufaktur ist. Für ihn habe dieser Schmuck die dritte Dimension im Schmuckschaffen erreicht; nach Design und Wert komme das Gefühl dazu, die Haptik.

Von dem legendären seidenweichen Tragegefühl hatte ich schon gehört und so freue ich mich, als ich die Möglichkeit bekomme, einige Schmuckstücke selbst zu „erspüren“. Das Collier schmiegt sich an die Haut, der geflochtene Gürtel ist elastisch, liegt angenehm in der Hand und der Ring trägt sich federleicht. Wie Claudia Wellendorff erläutert, liegt das an der besonderen Wölbung, es gibt garantiert keine Druckstellen. Das Gold schimmert leicht rötlich, ein wunderschöner Farbton, der der Haut schmeichelt. Die Manufaktur legiert selbst und kann dadurch die Farbtöne bestimmen. „Wir gewähren lebenslange Garantie auf unsere Schmuckstücke und überwachen jeden Produktionsschritt, um diese hohe Qualität zu gewährleisten“, erklärt die studierte Betriebswirtin. Jedes Stück wird speziell für den Kunden angefertigt, die Wartezeit beträgt vier bis sechs Wochen. Besonders faszinierend ist das Armband „Sonnenglanz“, zu dem es auch ein passendes Collier gibt: Es funkelt, als ob tausend kleine Brillanten eingefügt worden wären. Das Glitzern wird durch die besondere Wicklung des Golddrahts erzielt.

Vom Nugget zum Collier

Wie aufwändig die Kostbarkeiten hergestellt werden, lässt sich am besten am Beispiel der legendären Kordel festmachen, die zum Wahrzeichen von Wellendorff geworden ist. Fünf- Kilo-Stangen Gold zu 18 Karat werden so lange gewalzt, bis daraus 5.000 Meter lange, 0,2 Millimeter dünne Drähte geworden sind. Diese werden von Hand um eine Spindel spiralig gedreht und dann zu Kordeln geflochten, die so gar nichts Metallisches an sich haben; ihre Oberfläche ist seidig glatt. Zur Entstehung der Kordel gibt es ebenfalls eine Anekdote: Eva Wellendorff bewunderte als Kind die schweren Samtvorhänge ihrer Großmutter, die mit Seidenkordeln versehen waren. Sie liebte das Gefühl, diese Kordeln durch ihre Hände gleiten zu lassen. Später hat sie sich von ihrem Mann ein Collier gewünscht, das sich ebenso seidig und anschmiegsam anfühlt. Nach zwei Jahren Forschungsarbeit ist die Wellendorff-Kordel entstanden und wird seit nunmehr über 30 Jahren verkauft. Ausschließlich in Pforzheim wird produziert und zwar wird nahezu alles – bis auf wenige Ausnahmen, wie Verschlüsse, Gravuren – von Hand gefertigt. Die Brillanten werden gesetzt und nicht geklebt, eine Arbeit, die größte Präzision verlangt. Kein Wunder, dass mittlerweile eine eigene „Kaderschmiede“ eingerichtet wurde, eine firmeneigene Akademie für Junggoldschmiede. Von der Produktion bis zum begleitenden Verkauf des gefertigten Stücks reicht die umfassende Ausbildung. So wird eine Bindung zum Produkt erreicht, die die Motivation der Mitarbeiter befördert. Die hohe Goldschmiedekunst zeigt sich auch an der faszinierenden Detailverliebtheit: Da blitzt ein funkelnder Diamant am Verschluss des Colliers, ein Blickfang, wenn man die Haare anhebt, um das Collier anzulegen, Anhänger, die sich verschieben lassen, oder die Ohrringe „two-in-one“, quasi Wendeohrringe, die man je nach Anlass oder Tageszeit von beiden Seiten tragen kann.

Ein Ring ist nicht nur ein Ring…

Die Ringe gehören zu den Glanzstücken der Kollektion. Es gibt sie in verschiedenen Ausführungen und Farben, mit Email, mit mehr oder weniger Brillanten, aber immer mit drehbarem Innenteil und dem Logo der Firma, dem brillantengekrönten Wellendorff-W. Zu der aktuellen Kollektion „Beschütze mich“ gehören ein nicht-limitierter Ring mit einem sichtbaren Schutzengel auf der Außenseite sowie ein passendes Amulett, die die tiefe Bedeutung von Schmuck ausdrücken, die weit über den materiellen Wert hinausgeht. Die Ringe sind im wahrsten Sinne des Wortes vielschichtig: Man sieht nahezu plastisch die verschiedenen Gravurebenen, das Rankenmuster des Emails lässt sich „lesen“ und man entdeckt immer neue verspielte Details, ein wahrhaft magisches Teil. Eine wahre Geschichte steckt hinter dem Schutzengelgedanken, dem nun zum dritten Mal eine Kollektion gewidmet wird: Eine lettische Kundin schickte eine mit Brandspuren versehene Kordel zum Juwelier zurück. Auf die Nachfrage, was damit geschehen sei, schrieb sie in einem Brief, dass sie dieses Collier, mit einem Schutzengelanhänger versehen, von ihrem Mann geschenkt bekommen hätte. Ein Brand zerstörte ihren gesamten Besitz – bis auf jene Kordel.

Wahre Werte

Die Pforzheimer Manufaktur wurde 1893 von Ernst Alexander Wellendorff gegründet. Sie ist ein reiner Familienbetrieb mit 85 Mitarbeitern, der mittlerweile in der vierten Generation geführt wird. Tradition und Vertrauen sind die Werte, die hochgehalten werden, und auch mit dem Schmuck transportiert werden sollen. Der Mensch und seine Persönlichkeit stehen im Vordergrund, ebenso wie Kundennähe. Die Firmenpolitik gibt sich demokratisch: Neue Kollektionen und Designentwürfe werden nicht allein entschieden, sondern mit den Vertragsjuwelieren und den Mitarbeitern besprochen. Mittlerweile gibt es neun Wellendorff-Boutiquen in Deutschland, darunter zwei in Berlin, jeweils eine in Mainz, Stuttgart und Düsseldorf. Im Ausland gibt es Flagshipstores in San Francisco, Hongkong und Peking. Neue Standorte werden geprüft, denn die Schmuckdynastie wird wohl weiter expandieren. „Aber langsam“, wie die Firmenleitung betont, denn die hohen Qualitätsstandards sollen beibehalten werden.