Portraits
24. April 2015

Innovation mit Forschung und Netzwerken

Etwa ein Drittel der Weltbevölkerung ist mit dem Tuberkulose-Erreger infiziert. Im Jahr 2010 infizierten sich 8,8 Millionen Menschen neu. Eine Innovation aus Nehren bei Tübingen bietet neuartige Möglichkeiten für sichere und schnelle Diagnosen.

2010 gab es weltweit 1,4 Millionen Todesfälle durch Tuberkulose – 5.000 Todesfälle pro Tag. Gegen Tuberkulose gibt es derzeit keinen wirksamen Impfschutz. Viele Bakterien sind resistent gegen Antibiotika. Die gängigen Testverfahren liefern keine gesicherten Untersuchungsergebnisse. Die Hain Lifescience GmbH ermöglicht mit ihren „GenoType“-Testsystemen, die auf der DNA-Strip-Technologie basieren, eine Diagnose innerhalb von vier bis fünf Stunden. Die Teststreifen können gleichzeitig mehrere Erreger nachweisen und auch deren mögliche Medikamentenresistenzen. Das bedeutet einen großen Fortschritt in der Tuberkulose-Diagnostik.

Die Hain Lifescience GmbH ist ein Biotechnologie-Unternehmen, das seit 25 Jahren weltweit molekulargenetische Testsysteme zum Nachweis von Mikroorganismen und genetischen Dispositionen entwickelt, produziert und vertreibt. Der Fokus liegt auf der Diagnostik von gefährlichen Krankheitserregern wie MRSA und Mykobakterien sowie deren Resistenzen gegen Antibiotika. Seit 1996 hat das Familienunternehmen drei Technologie-Plattformen entwickelt. Die auf diesen Technologien basierenden Testsysteme bieten Laboren weltweit Lösungen für zentrale Gesundheitsprobleme. Dabei zählt das 1986 von den Brüdern David und Tobias Hain gegründete Unternehmen nicht zu den Großen seiner Branche wie Hoffmann-La Roche, Becton Dickinson oder Biomérieux. „Aber wir messen uns an ihnen“, sagt David Hain stolz. „Wir arbeiten auch mit ihnen zusammen. Im Ausland vertreiben einige große Wettbewerber sogar unsere Produkte.“

In Forschung und Entwicklung investieren

Um mitzuhalten oder sogar voran zu gehen, nennen die Hains fünf entscheidende Faktoren: die eigene Forschung und Entwicklung; Netzwerke mit Kunden, Laboren, Ärzten, Krankenhäusern, Organisationen wie der WHO, Forschern, Universitäten und dem Wettbewerb; ständige Marktbeobachtung, hohe Flexibilität und die Internationalisierung. „Der größte Teil unserer Gewinne wird in Forschung und Entwicklung reinvestiert“, erläutert David Hain. „Sie ist das Herzstück des Unternehmens. Von unseren 136 Mitarbeitern arbeiten 24 in der Forschung und Entwicklung hier in Nehren und drei in Großbritannien.“ Doch geforscht wird nicht im Gelehrtenstübchen, sondern sehr praxisnah im permanenten Austausch mit Kunden und Außendienst. Das Unternehmen nimmt an wissenschaftlichen Veranstaltungen teil und richtet selbst wissenschaftlich anspruchsvolle und hochkarätig besetzte Events aus. Zum 25-jährigen Firmenjubiläum fand in Stuttgart ein Symposium zur molekularen Diagnostik von Tuberkulose statt, zu dem rund 100 Teilnehmer aus aller Welt anreisten.

„Wir wollen Produkte entwickeln, die der Markt braucht und da kommt man als Einzelkämpfer nicht weit“, sagen die Brüder. Konsequenterweise legen sie deshalb großen Wert auf Netzwerke. „Schon als wir Ende der 80er-Jahre vom Handel mit Laborartikeln den Fokus auf Diagnosesysteme verlagerten, arbeiteten wir mit Wissenschaftlern zusammen. Dr. Michael Weizenegger und Dr. Stefan Kress haben entscheidend dazu beigetragen, dass die Neuorientierung gelungen ist. Der Mikrobiologe und Chemiker Weizenegger, heute noch Gesellschafter des Unternehmens, entwickelte innerhalb von vier Wochen den „micro-IDent“-Test zum Nachweis von Parodontitis-Bakterien. Dr. Kress baute die Produktion auf und ist heute Produktionsleiter, verantwortlich für die Fertigung von molekularbiologischen Tests.

Marktgerechte Produkte zu entwickeln bedeutet bei Hain nicht nur, innovative Produkte zu realisieren, sondern Gesamtlösungen anzubieten. „Die Kunden sollen ihr gesamtes Labormaterial aus einer Hand beziehen können. Unsere Angebotspalette reicht von der Probenentnahme über den Transport bis zur Isolierung und Abarbeitung“, sagt David Hain. „Unsere Testsysteme sind kombinierbar, schnell und einfach abzuarbeiten beziehungsweise auszuwerten. Sie können problemlos in die tägliche Routine integriert werden. Die minimal erforderliche Geräteausstattung erlaubt einen günstigen Einstieg in die moderne Diagnostik.“ Am Hauptsitz laufen alle Fäden von Forschung, Entwicklung und Produktion zusammen. Dadurch gewährleistet das Unternehmen die Flexibilität seiner Produkte bei gleichzeitig zuverlässiger Serienfertigung, um schnell auf wechselnde Markt- und Kundenbedürfnisse reagieren zu können.

Den Markt erweitern

Hain-Produkte werden mittlerweile in 80 Ländern vertrieben. In Spanien, England, Süd- und Ostafrika wurden Tochtergesellschaften gegründet. „Die Produkte sind auch in Gebieten mit begrenzten technischen und finanziellen Mitteln einsetzbar“, sagt der für den Export verantwortliche David Hain. „Wir schauen uns die Bedingungen vor Ort an und machen dann Lösungsvorschläge. Wir müssen internationalisieren, wenn wir wachsen wollen. Der deutsche und der europäische Markt werden zu klein.“ Das Engagement in anderen Ländern bringt auch für die Forscher neue Aufgaben und Möglichkeiten. So hat das Unternehmen eine Einladung zur Kooperation mit Hospitälern in Moldawien erhalten. „In Moldawien ist Tuberkulose eine Volkskrankheit“, sagt der Unternehmer. „Wenn wir dort an der Forschung mitwirken, können wir unsere Kernkompetenz in der Tuberkulose-Diagnostik erhöhen und damit Menschen mit Tuberkulose in Zukunft überall besser helfen. In Afrika haben wir uns mit der Diagnostik der dort verbreiteten Sichelzellenanämie befasst und innerhalb von 14 Tagen einen Test entwickelt. Wenn wir ihn international vermarkten möchten, wird das aber vermutlich zwei Jahre dauern.“

Mit ihren drei Technologie-Plattformen „DNA-Strip“, „GenoQuick“ und „FluoroType“, auf denen die Testsysteme basieren, und der Kompetenz in Beratung und Schulung sehen sich die Hains gut aufgestellt. Eine schlanke Verwaltung und eine gute EDV betrachten sie als weitere Pluspunkte. Der Produktionsbereich soll weiter automatisiert und die Innovationsfähigkeit weiter verbessert werden. Nach ihren Zielen für die Zukunft gefragt, schmunzeln die Brüder. „In fünf Jahren wollen wir unseren Umsatz verdoppeln“, sagt dann David Hain und der Bruder nickt. „Das ist zugegebenermaßen ein ambitioniertes Ziel, aber wenn wir nicht an Wachstum denken, entwickeln wir uns rückwärts. Wenn wir wachsen, sind wir außerdem durch große Wettbewerber weniger angreifbar.“

www.hain-lifescience.de