Portraits
19. April 2015

Verlässlichkeit über Kontinente

1992 flogen Claudia und Peter Seidel, Geschäftsführer der Geissel GmbH aus Mühlacker, zum ersten Mal nach Indien, um sich nach Lieferanten oder Partnern für ein späteres Joint Venture umzuschauen. 1994 war es dann so weit: Ein Partner war gefunden. Heute blicken die Seidels auf 18 Jahre Erfahrung in Indien zurück und können sagen: „Es spielt keine Rolle, wo unsere Produkte gefertigt werden. Die Qualität ist in Deutschland und Indien exakt dieselbe.“

Das 1920 gegründete Familienunternehmen, in dem mit Mark Seidel seit 2006 die vierte Generation in der Geschäftsführung ist, fertigt Kabelverschraubungen und Zubehör, Präzisionsdrehteile und Kunststoffspritzteile. In dem Werk in Pune in Indien werden ebenfalls Kabelverschraubungen hergestellt. Sie bestehen aus mehreren Teilen, die teilweise in Indien, teilweise in Deutschland produziert werden. „Man kann keinen Unterschied feststellen“, sagt Mark Seidel. „Auch unser Werk in Indien ist nach ISO 9000/2008 zertifiziert und hat exakt denselben Qualitätsstandard wie wir in Deutschland.“ Teile, die in Indien gefertigt werden, werden in Mühlacker nicht mehr produziert und umgekehrt. Einmal im Monat werden die Teile per Seefracht ins jeweils andere Land geliefert. Bei den Präzisionsdrehteilen sieht es etwas anders aus. Die Teile sind oft hochkomplex, die Materialien schwierig zu verarbeiten. Deshalb werden sie nur in Deutschland gefertigt, wo der Maschinenpark entsprechend ausgelegt ist.

Von Indien aus werden auch ganz Asien inklusive China, die arabischen Länder, Australien und Neuseeland beliefert. Insofern dient das Engagement in Indien nicht nur der Kostenersparnis, sondern auch der Erschließung neuer Märkte. Der indische Markt habe noch viel Potenzial, meint Seidel, unter anderem weil sich viele europäische Firmen dort ansiedelten. Gar nicht zu reden vom chinesischen Markt. Deshalb wurde in Pune und in Mühlacker jeweils ein großes, modernes Fertigteillager gebaut. „Wir haben unsere Kabelverschraubungen, die Standardware sind, in großen Mengen und in großer Vielfalt vorrätig“, begründet Seidel. „dadurch sind wir weltweit jederzeit und kurzfristig lieferfähig.“

Indische Partner unerlässlich

Nachdem die Seidels in Indien mit dem Besitzer einer kleinen Dreherei Kontakt aufgenommen hatten, wurden Probeaufträge an ihn vergeben. Schließlich gründeten die beiden Unternehmen 1994 ein Joint Venture auf 50-50-Basis. In Pune fand man ein entsprechendes Stück Land und errichtete dort eine Fertigung. Ältere Maschinen aus Deutschland wurden nach Inden verschickt, Mitarbeiter aus Indien in Deutschland geschult. Anfangs wurden Mitarbeiter aus Deutschland nach Indien geschickt, um bei der Einrichtung der Maschinen zu helfen und die indischen Kollegen zu unterstützen, aber insgesamt setzte man auf indische Mitarbeiter bis hinauf zum Geschäftsführer.

Mark Seidel, inzwischen ebenfalls ein erfahrener Indienkenner, hält diese Strategie für die einzig gangbare: „Ohne einheimische Geschäftspartner läuft in Indien gar nichts. Die Kunden dort wollen umworben werden. Man kann ihnen das deutsche Geschäftsgebaren nicht überstülpen. Dort geht alles langsamer, braucht viel Zeit und Geduld.“ Seidel empfiehlt, sich auf jeden Fall auf einen indischen Partner zu stützen, „am besten jemand, der auch noch verschiedene indische Dialekte spricht“.

Seit 2008 ist die Fabrik in Pune eine 100-prozentige Tochter von Geissel und hat an die 50 Mitarbeiter. Die Zusammenarbeit hat sich eingespielt. „Wir gehen mit unseren indischen Kollegen genau so offen und kollegial um wie in Deutschland. Hier wie dort versuchen wir, unsere Mitarbeiter teilhaben zu lassen und sie nicht zu beschränken. Sie sollen nach rechts und links schauen und sich weiterentwickeln“, sagt Seidel. „Wir können uns aufeinander verlassen und halten ebenso engen Kontakt wie hier. Der einzige Unterschied ist, dass ich eine E-Mail schreibe und nicht ins Zimmer nebenan gehen kann.“

Trotzdem erfordert das Engagement in Indien natürlich Präsenz. „Meine Eltern, unser Vertriebsleiter, meine Frau Vanessa und ich sind oft in Indien“, erzählt Seidel. „Wir besprechen neue Projekte und Aufträge, besuchen gemeinsam mit unserem indischen Geschäftsführer Firmen, Kunden und Messen. Das Werk in Indien ist eine 100-prozentige Tochter und liegt damit ganz klar in unserer Verantwortung.“

Dem Rhythmus anpassen

Fragt man Vanessa Seidel, seit 2011 ebenfalls in der Geschäftsleitung, nach den Unterschieden zwischen Indien und Deutschland, fällt ihr auf Anhieb die Mitarbeitersuche ein. Es sei sehr schwierig, in Indien die richtige Person für eine Stelle zu finden. „Eine Bewerbung enthält meistens keine Zeugnisse“, so die Juniorchefin. „Wenn man die Bewerbung liest, weiß man noch lange nicht, auf welche Art Stelle sich der Schreiber bewirbt. Man gewinnt den Eindruck, er könnte alles machen.“ In Indien gebe es kein duales Ausbildungssystem, sagt Mark Seidel. „Es gibt nur zwei Arten von Mitarbeitern: ungelernte oder solche mit Universitätsabschluss. Aber nur die wenigsten können außer gelegentlichen Praktika Berufserfahrung vorweisen. Man muss sie deshalb an jeder Stelle immer komplett einarbeiten.“
„Das Leben ist schwerfälliger und langsamer in Indien“, fasst Vanessa Seidel zusammen. „Man muss die kulturellen Unterschiede akzeptieren und sich ein Stück weit anpassen, eine Art Balance finden, damit die Zusammenarbeit klappt.“

„Wo sind die Probleme?“

Die Unternehmerfamilie unterstützt auf Initiative von Claudia Seidel in Pune die „Shri Sant Gadge Mahoraj High School“. Als die Unternehmerin 2006 ihren 60. Geburtstag feierte, bat sie ihre Gäste um Spenden für die Schule anstelle von Geschenken. Bereits 2001 hatte sich Claudia Seidel einer Gruppe von indischen Damen angeschlossen, die sich für die Schule engagieren. Dort werden 700 Jungen und Mädchen zwischen sechs und 14 Jahren unterrichtet, die alle aus den umliegenden Slums kommen. Die Damen beschränken sich nicht darauf, hin und wieder einen Scheck zu übergeben, dessen Verwendung schwer zu kontrollieren ist, sondern gehen sehr praktisch ans Werk. „Meine Mutter fragt, wo es Probleme gibt und sorgt dann für konkrete Sachleistungen“, erzählt Mark Seidel. „Manchmal wird Lehrmaterial besorgt, ein anderes Mal werden die Schulräume renoviert oder Toiletten gebaut.“ Wichtig sei der Familie, vor Ort etwas zu bewegen, so der Juniorchef weiter: „Wir wollen nicht irgendwo irgendetwas spenden, sondern dort, wo wir ansässig sind, ganz konkret helfen.“