Portraits
9. Mai 2015

Alles außer gewöhnlich

Warum in einem Steinhaus wohnen, wenn es doch auch ein Holzhaus sein könnte? Das fragte sich schon der amerikanische Schriftsteller Mark Twain auf seiner Europareise Ende des 19. Jahrhunderts. Er fand eine ganz eigene Erklärung: Es müsse wohl daran liegen, dass es in Deutschland so viele Rheumabäder gebe, erklärte er sich die Lust der Deutschen, in feuchten Steinhäusern zu wohnen.

Rainer Merkle, Geschäftsführer der Merkle Holzbau GmbH, ein Familienunternehmen in Bissingen/Teck, hat viel bessere Gründe für ein Holzhaus. Holz sei im Gegensatz zu Stein und Beton organisch. Es sei ein nachwachsender Rohstoff und bei uns fast unbegrenzt vorhanden. In deutschen Wäldern würden sogar acht bis 15 Prozent mehr nachwachsen, als geerntet würden. Im Übrigen herrsche in Holzhäusern ein angenehmes Raumklima. „Holzbauten sind ökologisch unbedenklich, zum größten Teil recycelbar und CO2-neutral“, sagt Merkle. Doch trotz dieser Vorzüge ist noch viel Luft nach oben. Nur etwa 25 Prozent der Einfamilienhäuser sind Holzhäuser und nur maximal 20 Prozent der Industriebauten. Der Geschosswohnungsbau in Holz steht sogar noch ziemlich am Anfang. Anders sieht es bei Einrichtungen für Kinder aus, also Kitas, Kindergärten und Schulen. Hier werden schon fast zwei Drittel aus Holz gebaut. Auch Merkle hat viele Aufträge für solche Objekte, zum Beispiel die Waldorf-Schulen in Backnang und Kirchheim oder das Haus für Kinder im Scharnhäuser Park in Nellingen, Studentenwohnheime in Lausanne oder die Alanus-Hochschule in der Nähe von Bonn.

Partnerschaften bereichern

Holzhäuser bauen viele. Merkle ist international unterwegs und setzt auf außergewöhnliche Projekte. Letzteres hat Tradition in dem 1954 gegründeten Familienunternehmen, das von einer kleinen Zimmerei zu einem mittelständischen Unternehmen mit strategischen Partnerschaften herangewachsen ist. Im Gründungsjahr kam gleich der erste Großauftrag, die Sanierung der Burg Teck. Das Unternehmen entwickelte sich stetig weiter. In den 1980er-Jahren begann man damit, komplette Holzrahmenhäuser herzustellen. 1998 war Merkle der erste Zimmerer- und Holzbaubetrieb mit einer Öko-Audit-Zertifizierung. Rechtzeitig zum 50-jährigen Jubiläum wurde die „projekt holzbau merkle gmbh – Partnerschaft im Schlüsselfertigbau“, 2006 dann die „Systembau Merkle GmbH – Partnerschaft für Handel und Systemkomponenten“ gegründet. Die Aufspaltung hatte zwei Gründe. „Zum einen haben wir so eine größere Übersicht über alles, was in den einzelnen Bereichen passiert, und können die Unternehmen professioneller führen“, sagt Merkle. „Zum anderen kann man mit einem Partner Wissen und Kreativität aus mehreren Quellen zusammenführen. Ein Unternehmen ohne Partner zu führen, ist oft ein steiniger Weg. Wenn man einen Partner hat, der für ein neues Unternehmen etwas aufgegeben hat, ist der Weg zum Erfolg einfacher als nur mit Mitarbeitern.“

Mittlerweile umfasst die Unternehmensgruppe rund zehn Firmen, die alle etwas mit der Erstellung und Vermarktung von Gebäuden zu tun haben. „Und nicht alle gehören mir alleine“, sagt Merkle fast schon stolz. Seine Partner sucht sich der 54-Jährige nicht gezielt. „Meistens sind es Zufallsbekanntschaften“, sagt er. „Ich entscheide nach meinem Bauchgefühl. Natürlich kann ich mich irren, aber wenn jemand ins Obligo geht, macht man meistens gute Erfahrungen. Ein Eigentümer hat eine höhere Motivation als ein Angestellter. Als Gesellschafter ist er an Freud und Leid beteiligt.“

Immer bereit für Neues

Im Fall von „projektholzbau“ ist der Partner und Ko-Geschäftsführer der 43-jährige Bauingenieur und Betriebswirt Dirk Oettel. Er und Merkle sind sich einig, was für den Erfolg des Unternehmens wichtig ist: „Wir wollen Kreativität fördern. Dafür brauchen die Mitarbeiter Freiheit und Anstöße von außen. Bei Bedarf holen wir externe Spezialisten mit ins Projektteam, die neues Denken mitbringen und uns so weiterbringen. Unsere Mitarbeiter müssen immer bereit für Neues sein“, sagt Oettel. „Wir stellen ein sehr individuelles Produkt her. Die meisten Kunden bauen ein solches Gebäude nur einmal im Leben. Sie nehmen an der Entstehung großen Anteil. Unsere Kunden vertrauen darauf, dass ihr Projekt in guten Händen ist.“

Die rund 60 Mitarbeiter am Standort Bissingen kommen aus unterschiedlichen Berufen: Zimmerer, Schreiner, Architekten, Bauingenieure, Techniker, Meister und Kaufleute arbeiten eng zusammen. Das Unternehmen bildet auch selbst aus. „Wir haben interessante Berufe anzubieten, die manchmal anstrengend sind, aber auch abwechslungsreich“, sagt Merkle, selbst Zimmermeister. „Menschen erwarten von ihrer Arbeit in der Regel eine angemessene Entlohnung und eine interessante Aufgabe. Beides können wir bieten. Wir erwarten, dass jemand seine Arbeit gerne macht und gerne mit Menschen umgeht.“

Der Fluch der Serie

Zehn bis 25 Projekte wickeln die Mitarbeiter pro Jahr ab. Und keines davon ist wie das andere. Das weltweit größte Bürogebäude im Passivhausstandard, das Energon in Ulm wurde von Merkle gebaut, ebenso die Versöhnungskapelle in Berlin mit einer ovalen Holzfassade, das fünfgeschossige Gebäude der Credit Union in Navan, Irland, Einfamilienhäuser in Dublin und eine Kettenhaussiedlung in Dänemark. Besonders stolz sind die beiden Geschäftsführer auf ein siebengeschossiges Stadthaus aus Holz in Berlin und das Energie-Plus-Haus in der Berliner Fasanenstraße. „Hier handelt es sich um ein Forschungsprojekt des Bundesbauministeriums“, erklärt Oettel. „Das Haus soll mehr Energie produzieren als es verbraucht. Der Überschuss reicht für das Elektroauto und Elektrofahrräder, die direkt vor der Tür ‚betankt‘ werden können.“

Merkle und Oettel haben das Ohr immer am Markt. „Wir achten genau darauf, was der Markt will und was künftig nachgefragt wird“, sagt Oettel. „Der Trend geht zu Schulen und Kindergärten und mehrgeschossigen Bauten. Dabei werden die Funktionen vorgegeben. Man erwartet von uns nicht nur, dass wir kreativ sind und uns mit der Technik auskennen, sondern auch, dass wir die Betriebskosten für die ersten fünf Jahre angeben können. Unsere Kunden erwarten Gesamtlösungen, die sie entlasten. Wir müssen unser Know-how also stetig weiterentwickeln und neues hinzugewinnen.“ Merkle ergänzt: „Was einfach herzustellen ist, wird schnell kopiert. Das ist der Fluch der Serie. Dem wollen wir nicht anheimfallen.“

Ein Cent mehr in der Tasche

Strategie ist für Merkle und Oettel nicht festgeschrieben, sondern steht immer wieder auf dem Prüfstand. „Das Wichtigste ist, berechenbar für alle zu bleiben, also ehrlich, Ausdauer zu haben und sich nie von der Gier leiten zu lassen, denn dann geht die Berechenbarkeit verloren“, sagt Merkle. „Wir erhalten viele Aufträge über unsere Netzwerke. In ein Netzwerk wird man nicht einfach aufgenommen. Man gehört erst dazu, wenn man für die anderen berechenbar wird. Die anderen müssen wissen, dass man sich an Regeln hält und Vertrauen verdient.“

Das gelte auch gegenüber den Mitarbeitern. Deshalb denkt Merkle schon jetzt an die Nachfolge, obwohl er noch zehn Jahre vor sich hat. Er möchte 50 Prozent der Merkle GmbH, die ihm alleine gehört, abgeben, am liebsten an Leute aus der Firma. Der Rest soll in eine Stiftung überführt werden. „Wenn ich mich schon jetzt damit befasse, sind Alternativlösungen möglich. Ich möchte agieren statt reagieren“, sagt er.

Wachstum sehen die Partner entspannt. Merkle sagt: „Wenn man einen Cent mehr in der Tasche hat als man braucht, ist das genug. Wachstum ist relativ. Planbarkeit ebenso. Qualität kommt vor Quantität. Dazu gehört auch, dass die Lebensqualität des Einzelnen nicht abnehmen darf.“ Oettel stimmt zu: „Wir gehen nicht auf alles los. In der Nische können wir qualitativ hochwertige Leistung bieten und gut leben. Wachstum ist in Ordnung, aber in Maßen.“ Merkle ist überzeugt: „Wenn wir unsere Gesundheit und Energie erhalten, kommt alles andere von selbst.“ (Andrea Przyklenk)

www.merkle-holzbau.de