Portraits
18. Mai 2015

Aus der Nische heraus wachsen

Chocolats Camille Bloch SA ist heute der fünftgrößte Schokoladehersteller der Schweiz und beschäftigt 180 Mitarbeiter. Pro Jahr werden rund 3.800 Tonnen Schokoladespezialitäten hergestellt. Etwa als ein Viertel davon wird ins Ausland exportiert. Trotz der Konkurrenz großer Konzerne und des Standorts im Hochlohnland Schweiz ist es dem Familienunternehmen gelungen, stetig zu wachsen. Die Redaktion sprach mit Daniel Bloch, der das Familienunternehmen seit 1997 in dritter Generation führt.

Gegründet wurde das Unternehmen 1929 von Daniel Blochs Großvater Camille Bloch. Die Riegel- Produkte des Familienunternehmens sind in der Schweiz schon seit Generationen etabliert und mindestens ebenso beliebt wie bekannte Schoko-Riegel und -Snacks wie Mars, Milky Way, Toblerone und Co. In Deutschland und international sind es eher die fein gefüllten Schokoladentafeln, die viele Freunde gewonnen haben. Das Schweizer Unternehmen ist nämlich Spezialist für gefüllte Schokolade. Eigentlich 1942 aus der Not geboren, entwickelten sich die gefüllten Riegel schnell zu einem Selbstläufer. Damals war Kakao knapp und der findige Unternehmensgründer Camille Bloch begegnete dem Rohstoffmangel mit einer kreativen Idee: Für die Füllung wurde der Schokolade eine Praliné-Masse aus Haselnüssen beigefügt und mit ganzen Haselnüssen angereichert. Das Ganze wurde in rechteckige Formen gegossen und auf beiden Seiten mit einer feinen Schokoladenschicht überzogen – Ragusa war geboren und damit der erste Schweizer Schokoriegel. Noch heute wird Ragusa nach dem ursprünglichen Rezept hergestellt. Allerdings hat sich die Familie erweitert. Seit 2008 ist „Ragusa Noir“ mit einem hohen Kakaoanteil im Handel und seit 2014 „Ragusa Blond“.

Innovationen in Schokolade

1948 kam Torino hinzu, Schokolade mit feiner Praliné-Mandel-Füllung. Und auch hier zeigte sich Bloch als kreativ und innovativ, war das Unternehmen doch eines der ersten, dem es gelang, dank neuer Maschinen eine gefüllte Tafelschokolade auf den Markt zu bringen. 1955 wurde die Spezialität Kirschschokolade lanciert. Mit Hilfe eines neuen Verfahrens gelang es, diese ohne Zuckerkruste herzustellen. „Camille Bloch hat nie Standard-Schokolade produziert“, sagt Daniel Bloch. „Wir sind unseren Marken treu geblieben und haben immer hochwertige Schokoladenspezialitäten entwickelt. So ist es uns gelungen, aus der Nische heraus zu wachsen. Unser Grundpfeiler in der Schweiz sind die Riegel, die Schokoladen-Snacks, die man im Vorübergehen kaufen kann.“

Sowohl sein Großvater als auch sein Vater hätten immer auf neue Trends geachtet und diese dann besetzt, so Daniel Bloch weiter. „Unsere Schokoriegel waren in der Schweiz die ersten, lange bevor die amerikanische Konkurrenz auf den Markt kam.“ Doch sei es nie nur um die Entwicklung neuer Schokoladenspezialitäten gegangen, sondern ebenso um die Weiterentwicklung der Produktionsprozesse. Anfang der 1970er-Jahre übernahm der Sohn des Firmengründers, Rolf Bloch, die Führung des Familienunternehmens. Er sah sich durch das Wachstum vor allem im personellen Bereich vor großen Herausforderungen. Ausländische Arbeitskräfte, auf die die Firma seit Jahren angewiesen war, wurden vom Staat kontingentiert. Bloch reagierte mit Lohnerhöhungen und der Einführung neuer Arbeitszeitmodelle. Außerdem wurde der erste Tageskinderhort eröffnet.

Blonde Verführung

Für Daniel Bloch ist eine seiner Hauptaufgaben die Markenführung. „Wir setzen auf die traditionellen Marken und entwickeln sie stetig weiter“, sagt er. „Meine Aufgabe ist es, neue Trends rechtzeitig zu sehen und Innovationen anzustoßen.“ Auf einer Reise durch die kanadische Provinz Québec entdeckte er zum ersten Mal blonde Schokolade. Zurück im schweizerischen Courtelary wurde diese Innovation zu einem unverwechselbaren Produkt weiterentwickelt. „Unser Innovationsteam hat intensiv daran gearbeitet und innerhalb von wenigen Monaten eine völlig neuartige Schokolade kreiert“, sagt Bloch stolz. „Es ist uns gelungen, damit in der Schweiz eine neue Kategorie von Schokolade zu entwickeln. Sie knüpft an die bewährten Stärken der Marke Ragusa an und sorgt dennoch für frischen Wind.“

Die blonde Tessiner Skirennfahrerin Lara Gut, mit der das Unternehmen seit 2011 zusammenarbeitet, wurde das Gesicht der Werbekampagne für die neue Schokolade. Die sympathische Blondine spielte die Hauptrolle im TV-Spot. Für Bloch drückt die blonde Schokolade ein Lebensgefühl aus: frech, weiblich, unabhängig und frisch. „Es ist eine unserer großen Stärken, Trends zu erkennen und als erste zu besetzen“, sagt der Firmenchef. „Blonde Schokolade liegt ebenso im Trend wie seinerzeit der Schokoriegel.“ Inzwischen ist auch die Marke Torino in Blond erhältlich.

Überleben im Hochlohnland

Doch nicht nur die Produkte, sondern auch die Produktion in einem Hochlohnland verlangt ständige Innovation. „Wir haben unsere Produktion stark automatisiert und die Qualität unserer Produkte stetig erhöht. In den letzten zehn Jahren haben wir eine Produktionssteigerung von über 50 Prozent erzielt“, sagt Daniel Bloch. „Wir bemühen uns, die Wertschöpfung pro Arbeitsplatz zu erhöhen und möglichst qualifizierte Arbeitsplätze zu schaffen.“ Auch die Tatsache, dass Bloch nach wie vor ein Familienunternehmen ist, trägt nach Meinung des Firmenchefs zum Erfolg des Unternehmens bei. „Wir achten darauf, dass wir gute Führungskräfte haben. Das Unternehmen ist nicht groß, aber gerade dadurch beweglich. Wir haben eine sehr familiäre Unternehmenskultur. Die Mitarbeiter identifizieren sich mit dem Unternehmen. Sie sehen, dass wir langfristig denken, Marken für Generationen aufbauen und viel Geld in die Entwicklung des Unternehmens investieren“, sagt er. „Das macht uns bei den Mitarbeitern und in der Öffentlichkeit glaubwürdig. Schließlich bürgen wir mit unserem Namen.“

Das soll auch so bleiben, wenn es nach dem Willen des 51-Jährigen geht. Sowohl er als auch sein Bruder Stéphane, der Miteigentümer ist und sich im Verwaltungsrat engagiert, haben Kinder, die allerdings noch zu jung sind, um in der Firma mitzuarbeiten. „Natürlich versuchen wir, sie an die Firma heranzuführen“, sagt der Firmenchef. „Aber es ist uns wichtig, dass sie wissen, dass es auch etwas anderes im Leben gibt als die Firma. Sie sollen erfahren, dass das Unternehmen nicht nur Stress und Pflicht bedeutet. Wenn sie einmal die entsprechende Qualifikation haben, können sie sich frei entscheiden. Wir können nicht mehr tun, als die Voraussetzungen dafür zu schaffen, dass sie die Verantwortung einmal übernehmen.“

Auf jeden Fall bleibt das Unternehmen dem Standort treu. Im Rahmen des Bauprojekts Autenthi-Cité werden nicht nur Produktion und Logistik am Stammsitz in Courtelary erweitert, sondern auch ein neues Administrationsgebäude gebaut, das neben Büros und Sitzungszimmern ein Besucherzentrum, einen Shop und ein Café beherbergen soll. Immerhin besuchen jährlich um die 8.000 Interessierte die geführten Betriebsrundgänge. Die Wartezeit beträgt bis zu einem halben Jahr. Für Autenthi-Cité investiert das Unternehmen 35 Millionen Schweizer Franken.

Nachhaltigkeit als Wettbewerbsvorteil

Als Familienunternehmer sieht sich Daniel Bloch auch seinen Lieferanten verpflichtet. „Unseren Kakao beziehen wir hauptsächlich aus Ghana. Dort arbeiten wir mit einer Non-Profit-Organisation zusammen, die von uns finanzierte Projekte in den Bereichen Infrastruktur, Gesundheit und Bildung plant und umsetzt. Unter anderem organisieren wir Schulungen für die Bauern“, erzählt der Unternehmer. „Wir möchten, dass die jungen Leute dort sich ebenfalls im Kakaoanbau engagieren. Deshalb unterstützen wir sie dabei, gute Ernten zu erzielen, bezahlen anständige Löhne und Prämien. Gute und langfristige Beziehungen zu unseren Lieferanten sind uns sehr wichtig. In schwierigen Zeiten unterstützen wir uns gegenseitig.“ Als Beispiel nennt Daniel Bloch die schlechte Haselnussernte 2014 in der Türkei, die zu hohen Preisen und Rohstoffknappheit führte. „Wir arbeiten mit Naturprodukten. Es ist uns wichtig, die Sorgen derjenigen zu kennen, die dafür sorgen, dass sie wachsen und gedeihen und wir genügend Rohstoffe zur Verfügung haben. Das hilft nicht nur ihnen, sondern sie haben auch ein offenes Ohr für unsere Belange.“

www.camillebloch.ch