Portraits
15. Mai 2015

Einen Tick weiter denken

Direkt nach dem Studium, mit gerade einmal 27 Jahren, haben die Wirtschaftsingenieurin Nadine Antic und die Umweltingenieurin Seda Erkus in Reutlingen die Global Flow GmbH gegründet. „Es war unser Ziel, ein Unternehmen zu haben, unser großer Traum“, sagt Seda Erkus. Das Unternehmen der beiden Absolventinnen der Hochschule für Wirtschaft und Umwelt (HfWU) Nürtingen-Geislingen berät Unternehmen bei der Optimierung von Entsorgungsstrukturen und Abfallvermeidung, um Kostensenkungen zu bewirken und Umweltbelastungen zu senken.

Als die beiden Jungunternehmerinnen im Juni 2012 ihr Unternehmen gründeten, hatten sie bereits erste Erfahrungen in großen Konzernen gesammelt. „Wir wussten, dass im Bereich Abfallentsorgung und -vermeidung großes Potenzial liegt, aber in großen Unternehmen dauert es relativ lange, bis man intern etwas erreicht. Externe Berater erzielen oft schnellere Entscheidungen“, sagt Erkus. „Bevor wir jedoch die GmbH gründeten, probierten wir unser Konzept noch während des Masterstudiums an kleineren Projekten aus, zum Beispiel mit Handwerkern, und erweiterten unser Netzwerk.“

Antic und Erkus sehen durchaus auch die Nachteile der Selbstständigkeit. „Es dauert sehr lange, bis man wirklich etwas erreicht und man muss sehr viel Zeit aufbringen“, sagt Erkus. „Man lernt ständig dazu. Wir haben anfangs unterschätzt, dass wir sehr viel mehr in den Vertrieb investieren müssen, denn er ist enorm wichtig für den Unternehmenserfolg.“ Auf der anderen Seite könne man viel bewegen, sehe das Ergebnis seiner Arbeit, könne seine Zeit flexibel einteilen und lerne jede Menge interessante Menschen kennen.

Ökonomie und Ökologie im Einklang

Die beiden Jungunternehmerinnen versprechen sich viele Chancen mit ihrer Unternehmensidee, denn schließlich seien sie nicht nur Abfallmanagerinnen. „Wir betrachten den Prozess ganzheitlich. Zum einen möchten wir Abfälle vermeiden, zum anderen sind Abfälle für uns nicht Abfälle, sondern Wertstoffe, die wir der Wiederverwendung zuführen möchten“, sagt Erkus. „Für jedes Material gibt es eine technische Lösung, die wir finden. Die Verbrennung ist für uns keine Lösung. Wir überlegen einen Tick weiter.“ Das erfordert viel Recherche, zum Beispiel wenn es um Verbundstoffe aus Kunststoff geht. „Wir konnten das Problem lösen, indem wir einen Taschenhersteller fanden, der das Material verwenden kann und jemanden, der Maschinen entwickelt hat, mit denen man die Verbundstoffe auftrennt“, erklärt Erkus. Sehr wichtig sei es für sie, stetig an der Erweiterung des Netzwerks zu arbeiten, sagt die junge Unternehmerin. „Je mehr Menschen wir kennen, die sich mit ganz unterschiedlichen Dingen befassen, desto leichter fällt uns die Suche nach Lösungen.“

Dass aus der Beratung auch völlig neue Ideen entstehen, zeigt „SeNa Flora“, eine Idee, die aus einem Projekt mit der Universität Tübingen entstand, bei dem es um Tierstreu ging. „SeNa Flora“ wurde sogar mit dem mit 50.000 Euro dotierten „Darboven Idee-Förderpreis 2013“ für die innovativste Unternehmensidee ausgezeichnet. Es handelt sich um ein neuartiges Verfahren zur Kompostierung biogener Abfälle wie Tierstreu, Gärreste oder Lebensmittel. Durch eine neue Technik werden die Abfälle zu hochwertigem Dünger, der es auf Grund seiner besonderen Speicherfähigkeit erlaubt, die Bewässerung beziehungsweise die Düngung von Pflanzen um 50 Prozent zu reduzieren.

Tipps für Gründer

Fragt man Erkus, was sie Gründern als Tipps mit auf den Weg geben würde, kommt als erstes der Rat, an Wettbewerben teilzunehmen. „Die großen Vorteile von Wettbewerben sind, dass man seine Idee sozusagen anderen verkaufen muss, konstruktive Kritik von außen erhält und viele Leute mit Erfahrung kennenlernt“, sagt sie. Neben dem Darboven-Preis haben die Gründerinnen noch den zweiten Platz beim Gründerpreis Baden-Württemberg 2013 belegt und wurden 2012 beim Businessplan-Wettbewerb der Hochschule Reutlingen und dem Businessplan-Wettbewerb „NewBizCup2.0“ ausgezeichnet. „Der Aufwand für die Teilnahme an Wettbewerben ist hoch“, gibt Erkus zu, „deshalb sollte man sich genau überlegen, an welchem Wettbewerb man teilnimmt. Ein Kriterium für uns ist zum Beispiel, wer in der Jury sitzt. Die Preisgelder haben uns sehr bei der Finanzierung unseres Unternehmens geholfen. In jedem Fall erntet man viel mediale Aufmerksamkeit und kann sein Netzwerk erweitern.“ Öffentlichkeit zu schaffen, sei eine sehr wichtige Aufgabe für Unternehmensgründer. „Gehen Sie hinaus, in Verbände und Veranstaltungen und machen Sie sich bekannt“, ermuntert Erkus. „Diskutieren Sie Ihr Unternehmenskonzept mit anderen und nehmen Sie konstruktive Kritik an.“ Am wichtigsten seien jedoch ein langer Atem und der Glaube an die eigene Idee. (-ap)

www.global-flow.de