Portraits
8. Mai 2015

Rasieren mit Stil

Es gibt Männer, die beginnen den Tag mit dem Brummen ihres Elektrorasierers. Es gibt andere, bei denen zischt der Rasierschaum aus der Tube und danach schabt die Rasierklinge über die Haut. Aber es gibt auch Männer, die die morgendliche Rasur nicht als lästige Angelegenheit betrachten, sondern als Ritual, nach dem sie erfrischt in den Tag starten. Für sie ist die Rasur eine Zeit der Konzentration und Kontemplation. Sie bereiten ihre Haut mit einem heißen, feuchten Tuch auf die Rasur vor, schlagen den Rasierschaum auf, tragen ihn mit einem feinen Rasierpinsel auf und rasieren dann mit elegantem Schwung mit einem Rasierhobel die Barthaare ab. Danach spülen sie die Schaumreste mit kaltem Wasser ab und trocknen die Haut mit einem frischen Rasiertuch. Ein Rasurbalsam oder ein After Shave bildet den perfekten Abschluss der Zeremonie. Der Tag kann kommen.

Im Mekka der Rasierkultur

Männer, die sich diese Zeit nehmen und eine gute Rasur ohne Verletzungen und Hautirritationen schätzen, sollten sich den Namen Stützengrün merken. Dort im Erzgebirge, nahe der tschechischen Grenze, befindet sich das „Mekka der Rasierkultur“ wie Andreas Müller, zusammen mit seinem Bruder Christian Geschäftsführer der Hans Jürgen Müller GmbH & Co. KG, mit einem Augenzwinkern sagt. In diesem kleinen Ort im Nirgendwo werden Rasierpinsel, -hobel und -halter sowie andere Nassrasur-Accessoires der Marke Mühle hergestellt, die sich inzwischen längst weltweit als Luxusmarke für die Nassrasur etabliert haben. Mühle-Produkte werden in Handarbeit hergestellt. Der Qualitätsanspruch der beiden Geschäftsführer des Familienunternehmens ist hoch. Die Fertigungstiefe deshalb enorm. In Stützengrün wird alles selbst gemacht: Die Griffe, die Pinselköpfe, die Blechbearbeitung und die Montage. „Wir wollen in der Oberliga spielen“, sagt Andreas Müller, „Der Kunde soll die Schönheit des Produkts erkennen und erspüren.“ Diesem Ziel haben sich auch die 47 Mitarbeiter verschrieben, denn auch sie wissen, dass „Empfehlungsmarketing das beste Marketing ist“, wie der 37-jährige Geschäftsführer sagt. „Unsere Produkte und Mitarbeiter sind Botschafter gleichermaßen.“

Manufaktur-Qualität auf höchstem Niveau

Die Herstellung von Rasierpinseln, Rasierern und Rasierhobeln stellt immens hohe Anforderungen an das handwerkliche Geschick und die Genauigkeit der Mitarbeiter. Zulieferer zu finden, die diesem Anspruch genügen, ist schwierig. Ein Beispiel ist die Herstellung des Pinselkopfs. Dafür muss feinstes Dachshaar grammweise abgewogen, in Form geklopft und gebunden werden. Über 20.000 nur Bruchteile von Millimetern dicke Härchen müssen in der richtigen Länge und Form zusammenkommen. Und auch die Griffe verlangen großes Geschick. „Wir arbeiten mit Naturmaterialien, Edelharzen, Porzellan und Karbon, kombiniert mit verchromtem Messing. Jedes Material verhält sich anders. Jedes Produkt wird so zum Unikat“, sagt Müller. „Seit kurzem verwenden wir für unsere Serie ‚Purist’ karelische Maserbirke. Sie kommt aus dem Norden Russlands und wächst aufgrund der rauen Witterung sehr langsam. Sie bildet gewundenes, stark gemasertes, lebhaft schattiertes Holz. Jeder Griffkörper hat ein einzigartiges Maserbild. Kein Werkstück gleicht dem anderen.“

Die Luxusrasierpinsel aus dem Erzgebirge werden traditionell mit Dachshaar der höchsten Qualität bestückt, mit dem so genannten Silberspitz. Doch mittlerweile werden schon 50 Prozent der handgefertigten Rasierpinsel statt mit Dachshaaar mit „Black Fibre“ genannten Synthetikfasern ausgeliefert. „Vegan rasieren“, nennt Müller das mit einem Schmunzeln. Die Faser wurde in Zusammenarbeit mit einem japanischen Unternehmen entwickelt und ist nach Meinung des Geschäftsführers „von den Gebrauchseigenschaften betrachtet fast besser als Dachshaar und nicht so pflegeintensiv“. Und er muss es wissen, denn natürlich probieren Müller und sein Bruder Christian, 40, alle Produkte an der eigenen Haut aus. Allerdings: Die Herstellung der Pinselköpfe ist auch durch die neue Faser nicht einfacher geworden.

Die Mühle-Produkte sind längst in der Welt angekommen. Nicht nur in Deutschland, sondern auch in anderen Ländern Europas und auf anderen Kontinenten verwenden die Anhänger der Nassrasur das edle Werkzeug aus dem Erzgebirge. „Die Nassrasur ist im Aufwind“, sagt Müller. Nach Studien rasieren sich rund 60 Prozent der Männer nass, aber nur ein geringer Teil tut es mit Rasierpinsel und Rasierhobel. Doch auch hier bahnt sich ein Umdenken an. „Die Wertschätzung für Handarbeit hat zugenommen“, so Müller, der neben der Handwerkskunst noch einen viel größeren Vorteil im täglichen Ritual mit dem Rasierpinsel sieht: „Die Barbiere haben früher gesagt: ‚Gut geseift, ist halb rasiert.’ Das stimmt, denn nur mit der Pinselmassage erreicht man eine Aufweichung und Aufrichtung des Barthaars. Es tritt weiter aus der Haut heraus als beim Schaum aus der Dose und lässt sich mit dem Rasierhobel entfernen, ohne die Haut zu beschädigen.“

Familienunternehmen mit ungewöhnliche Erfolgsgeschichte

Die Hans Jürgen Müller GmbH & Co. KG stellt nicht nur ein ungewöhnliches Produkt her, sondern hat auch eine ungewöhnliche Geschichte hinter sich und verdankt ihren Erfolg einem mutigen Unternehmer. Zu DDR-Zeiten wurde das 1945 von Otto Johannes Müller gegründete Unternehmen verstaatlicht. Als nach der Wende die Möglichkeit zur Reprivatisierung bestand, holte sich Hans-Jürgen Müller, der das Geschäft bereits 1965 nach dem frühen Tod seines Vaters übernommen hatte, das Unternehmen zurück. „1990 war der Rasierpinsel nicht en vogue“, erinnert sich Andreas Müller. „Wir hatten schwer zu kämpfen und mussten noch einmal von vorne anfangen. Zu DDR-Zeiten hatte sich das Unternehmen völlig auf die Märkte im Osten konzentriert, doch die brachen alle weg. Meinem Vater ist es sehr schwer gefallen, die Mitarbeiter zu entlassen, die teilweise schon bei meinem Großvater gearbeitet hatten.“ Hans-Jürgen Müller fing mit drei Leuten wieder an. Ab Mitte der 1990er-Jahre ging es aufwärts und der Unternehmer hatte wieder mehr Spielraum. „Heute haben wir mit 47 Angestellten sogar etwas mehr Mitarbeiter als zu DDR-Zeiten“, sagt Andreas Müller. „Darüber sind wir froh, denn wir fühlen uns unserer Heimat und der Region sehr verbunden.“

In den letzten Jahren konnte sich das Unternehmen über ein dynamisches Wachstum freuen, aber die Brüder, die das Unternehmen jetzt in dritter Generation führen, bleiben auf dem Boden. „Wir haben keine überzogenen Wachstumspläne“, sagt Müller. „Mein Vater sagte immer: ‚Wenn wir unsere Arbeit gut machen, werden wir wachsen’. Auch wenn wir wachsen, behandeln wir unsere Kunden genauso zuvorkommend wie bisher. Und die Arbeit muss Spaß machen – uns und den Mitarbeitern.“

Im Oktober wird direkt im Unternehmen ein Markenshop eröffnet. Er soll nach dem Wunsch von Andreas und Christian Müller zu einem Zentrum für „angewandten Luxus“ werden. Liebhaber, Händler und Endkunden sollen hier eine entspannte Atmosphäre genießen, die verschiedenen Haar- und Materialqualitäten entdecken und den Duft oder die Konsistenz von Pflegeprodukten testen. „Und es kommen jeden Tag Leute“, sagt Müller und schmunzelt, „obwohl wir dort sitzen, wo sich Fuchs und Hase gute Nacht wünschen.“ (Andrea Przyklenk)

www.muehle-shaving.com