Portraits
25. Juli 2016

Evolution statt Revolution – Winzer forciert Markenbildung

Das Weingut Graf Adelmann in Steinheim an der Murr hat eine lange Geschichte. Mit Felix Adelmann ist bereits die fünfte Generation an der Spitze. Der Jungunternehmer setzt neben Qualitätsprodukten vor allem aufs Marketing, um wettbewerbsfähig zu bleiben.

„Wir verstehen uns als modernes Weingut, mit einer langen Tradition, die es weiterzuführen gilt“, unterstreicht Adelmann, der Anfang 2011 die Führung des Unternehmens von seinem Vater übernommen hat. Tradition bedeute aber für das Weingut nicht, das bisher Erreichte ausschließlich zu bewahren, sondern es in einem Evolutionsprozess weiterzuentwickeln. „Wir befinden uns ständig in einem Wandel nach Augenmaß. Evolution statt Revolution heißt unsere Devise, würde doch Letztere in gewisser Weise den Verlust der Tradition bedeuten.“ Für den Jungunternehmer ist Wein infolgedessen in erster Linie ein Kulturgut und kein Industrieprodukt. Daher lehnt er bestimmte Produktionsmethoden kategorisch ab, seien es Holzspäne im Tank, um einen Barrique-Geschmack nachzuahmen, oder das Erhitzen des Rotweinmostes zur Farbgewinnung – ganz im Sinne des strengen Reglements des Verbands Deutscher Prädikatsweingüter (VDP), bei dem das Unternehmen Mitglied ist.

Fokus aufs Marketing

Sind es in anderen Branchen häufig Trends, die den Unternehmen Wachstum und Gewinne bescheren, ist das Mitgehen gewisser Trends im Weinbau laut dem 36-Jährigen nur bedingt möglich: „Da sprechen wir von ganz anderen Zeitspannen. Wir können ausschließlich strategisch und nicht taktisch agieren, denn sollte zum Beispiel eine bestimmte Traube plötzlich bei Weinliebhabern angesagt sein, für die wir aber erst alles umstellen müssten, würden locker zehn Jahre vergehen, bis der Spaß im Glas ist.“ Daher konzentriert sich der Weingut-Chef auf andere Dinge, mit denen sich neue Kunden gewinnen und Cash-Flow generieren lassen. Da wäre zum Beispiel eine einzigartige Charakteristik der Weine. „Allein qualitativ hochwertige Produkte herzustellen, reicht heute bei Weitem nicht mehr aus, da die Qualität insgesamt bei den Weinen in den vergangenen Jahren stark angestiegen ist. Sie ist beinahe eine Grundvoraussetzung“, betont Adelmann. Punkten könne man stattdessen mit einer eigenen Charakteristik der Weine, die es stetig zu verfeinern gelte. Der Winzer spricht hier von den „Innovationen im Kleinen“. Adelmanns Steckenpferd ist neben dem Weinbau die Vermarktung der Produkte, das Marketing. Darin sieht er ein wirkungsvolles Mittel, sich von der Konkurrenz abzuheben. „Ich war zum Beispiel in den vergangenen Wochen auf sehr vielen Veranstaltungen, versuche im Gespräch zu bleiben und forciere einen intensiven Austausch mit der Presse.“ Eines seiner Ziele ist es, eine so genannte Menschen-Marke aufzubauen: „Es ist total spannend, wie heutzutage ein Weingut und seine Produkte von den Leuten wahrgenommen werden. Da heißt es beispielsweise‚ ,der Wein vom Gert (Aldinger) schmeckt mir besser als der vom Fritz (Keller). Aber der vom Felix (Adelmann) ist auch spitze‘. Das Produkt wird also auf eine sehr persönliche Ebene heruntergebrochen, was einem Winzer ganz neue Möglichkeiten bietet, Kunden an sich zu binden, aber auch eine besondere Verantwortung seitens des Winzers mit sich bringt.“

Blick über den Tellerrand hilft

Bei der Ausrichtung des Betriebs auf die Zukunft hilft dem Jungunternehmer die Erfahrung, die er vor der Übernahme außerhalb des elterlichen Unternehmens gesammelt hat. Nach seinem International-Business-Management-Studium mit den Schwerpunkten Marketing und Sprachen, war er für ein Jahr in einer Unternehmensberatung tätig. Doch er wollte bald selbst unternehmerisch aktiv werden und gründete 2006 zusammen mit einem Freund eine Kunstagentur. Konkrete Formen nahm die Nachfolge im Herbst 2009 an. Seitdem arbeitet Adelmann auf dem eigenen Weingut und durchlief Praxisstationen bei anderen Winzern, etwa beim Weingut Schloss Proschwitz in Sachsen, bei Elisabetta Foradori im Trentino, Italien, und Willi Bründlmayer im österreichischen Langenlois. „Das Leben als Leben nutzen und immer wieder über den Tellerrand hinausschauen, ist für mich enorm wichtig. Bei den anderen Winzern zum Beispiel habe ich gelernt, dass es viele Wege und Ansätze gibt, um zu einem hervorragenden Wein zu kommen. Diese Inspiration hilft mir bei meiner täglichen Arbeit“, betont Adelmann. Auch den Austausch mit anderen jungen Winzern möchte er nicht missen: „Streng genommen sind wir ja Konkurrenten, helfen uns aber trotzdem, sollte es im Weinkeller oder auf dem Weinberg ein Problem geben, und laden uns gegenseitig zur Weinprobe ein. Das bringt einen auch in Punkto Zukunftsfähigkeit ein Stück weiter.“ (-hf)

www.graf-adelmann.com