Portraits
13. Juli 2016

Start-ups: Es muss nicht immer eine App sein

Spricht man heute von Start-ups, stellt man sich oft jugendliche Computer-Freaks vor, die eine tolle App erfinden, die Geschäftsmodelle auf den Kopf stellen und ganze Branchen erschüttern. Zumindest denkt man an digitale Geschäftsmodelle. Acáo ist anders. Die drei jungen Gründer sind mit dem „belebenden Bio-Erfrischungsgetränk acáo“ an den Start gegangen, auch wenn sie inzwischen an digitalen Geschäftsmodellen arbeiten.

Der Name Acáo ist phonetisch an den Macow-Papageien angelehnt, dessen Besonderheit in seiner Intelligenz besteht. Er gilt als Genie der Vogelwelt, als Überflieger. Das Getränk ist „erfrischend und belebend, 100 Prozent bio und vegan, ohne künstliche Zusätze, ohne Zuckerzusätze und kalorienarm“, so das Versprechen. Die weiße Aluminiumdose bietet 100prozentigen Schutz vor Lichteinflüssen und Verunreinigungen und ist im Gegensatz zu anderen Verpackungen zu 100 Prozent recyclebar. Eine verbesserte CO2-Bilanz entsteht durch die kompakte Größe und das geringe Gewicht beim Transport.

Anscheinend trifft das Getränk einen Nerv, denn der Absatz steigt stetig, das Unternehmen beschäftigt 25 Mitarbeiter und macht einen siebenstelligen Umsatz. Zu den Kunden zählen unter anderen die Lufthansa, Microsoft, Sansibar und VW. Für die drei Gründer Michael Noven, Florens Knorr und Chris Reimann „ein Glücksfall“, wie Noven sagt: „Wir haben mit der Produktion von Acáo begonnen, ohne auch nur eine Marktanalyse gemacht zu haben. Wir wollten unseren Traum vom eigenen Unternehmen verwirklichen und Chris, unsere Sportskanone, wollte etwas ‚Gesundes‘ machen. So kamen wir letztlich auf ein Getränk, in dem wir die Trends bio, vegan und Funktion aufgegriffen haben. Das Bio-Erfrischungsgetränk wird ausschließlich aus Früchten hergestellt, mit natürlichem Koffein, gesüßt mit Agaven-Sirup.“

Wert statt Werte

Acáo residiert übrigens nicht in Berlin oder einer anderen angesagten Großstadt, sondern im hessischen Taunusstein, einer Kleinstadt mit gerade einmal 29.000 Einwohnern, nicht weit von Wiesbaden entfernt. Vielleicht bleiben die Gründer deshalb auf dem Boden und legen größten Wert auf Werte. Prägend war für die jungen Unternehmer ein Praktikum, bei dem eine Marketingleiterin, stets den Satz „es gibt keine Probleme, nur Lösungen im Anfangsstadium“ im Mund führte, diesen im Ernstfall aber nicht lebte

Leidenschaft für das Team

„Wir feiern zusammen, wir packen zusammen, wir überraschen uns, wir teilen unsere Werte und wir gewinnen“, sagt Noven. Es gebe im Unternehmen drei grundsätzliche Werte, die alle teilen sollten: Leidenschaft für die gemeinsame Vision und das Team. Hier kennt Noven keine Gnade: „Wir waren ursprünglich vier Gründer. Von einem mussten wir uns trennen. Er stellte sein eigenes Vorwärtskommen über das des Teams“, erzählt Noven. „Ebenso haben wir uns von einer äußerst erfolgreichen Vertrieblerin getrennt. Sie hielt sich für etwas Besseres als die anderen, weil sie gut verkaufte.“ Die Entscheidung für die Trennung habe einen positiven Effekt bei den Mitarbeitern gehabt und noch einmal bekräftigt: „Wir sind Freunde und Freunde verzichten auf den eigenen Vorteil. Freunde gehen gemeinsam durch Höhen und Tiefen.“ Bewerber sehen sich bei Acáo einem besonderen Auswahlprozess gegenüber: Zeugnisse interessieren nicht. Stattdessen müssen die Bewerber Pakete packen, beim Kochen, Sport und anderen Teamaktivitäten mitmachen. Dann entscheidet das Gefühl.

Auch mal den anderen gewinnen lassen

Der zweite Werte ist: Es gibt nur Partner, keine Lieferanten und Kunden. „Deshalb ist es auch in Ordnung, wenn mal nur der andere gewinnt. Wir bestehen nicht auf Win-Win, sondern sind überzeugt, dass wir etwas zurückbekommen, wenn wir etwas geben. Wir tragen so unsere internen Werte nach außen“, sagt Noven und hat auch gleich ein Beispiel parat: „Einmal brauchten wir sieben Kilogramm Ingwer-Konzentrat. Wir kontaktierten Lieferanten und eine Firma aus Holland sagte, sie könne uns gleich einen TZ liefern. Als wir nachfragten, was TZ sei, stellte sich heraus, dass es sich um einen Tanklastzug mit 22.500 Kilogramm handelte. Ich rief dort an und schilderte unsere Situation. Daraufhin stellte uns die Firma sieben Kilogramm als Produktmuster ohne Rechnung zur Verfügung. Man ließ uns gewinnen. Und vielleicht brauchen wir mal einen TZ und bestellen dann dort. Wenn der Partner der Gewinner ist, ist das das beste Fundament für eine gute Beziehung.“

Kill your Darlings

Der dritte Wert „Kill your Darlings“, ist für den Gründer extrem wichtig: „Er steht dafür, dass bei jeder Idee, die wir haben, der Markt im Mittelpunkt stehen muss. Mit Acáo hatten wir Glück. Aber in viele Ideen werden viel Zeit und Geld gesteckt, nur um am Ende festzustellen, dass der Markt das Produkt gar nicht haben möchte.“

Aus dieser Einsicht heraus wurde „Pando Ventures“ geboren. „Wir verstehen uns als Inkubator, der Gründer und Investoren zusammenbringt, sie dabei unterstützt, Ideen zu entwickeln, zu testen und an den Markt zu bringen“, sagt Noven. Aktuell werden die Räume von Acáo umgebaut, um Platz für die ersten Start-ups zu schaffen. „Die Zusammenarbeit unter einem Dach mit anderen, wird uns alle bereichern“, ist Noven überzeugt.